Am Dienstag zeigt die Berliner Morgenpost im Zoo Palast noch einmal „Solo Sunny“. Schauspielerin Renate Krößner erinnert sich an die Dreharbeiten. Von Peter Zander Es ist einer der meistzitierten Sprüche des deutschen Films. „Ist ohne Frühstück“, meint die resolute junge Frau, als sie ihren One-Night-Stand am nächsten Morgen hinauskomplimentiert. Und als der sanft protestiert, setzt sie nach: „Ist auch ohne Diskussion.“ Das sind auch die ersten Sätze dieser Ingrid Sommer, die sich nur Sunny nennt. Und sie charakterisieren sie treffend: vorlaut ist sie, selbstbewusst, manchmal rotzfrech. Sie weiß genau, was sie will. Schert sich nicht um Normen oder darum, was andere denken. Auch wenn sie damit aneckt.

Ein Film, der im Osten wie im Westen verstanden wurde

Das war 1980, als „Solo Sunny“ ins Kino kam, noch keineswegs selbstverständlich. Schon gar nicht für eine junge Frau. Erst recht nicht in der DDR, wo der Film entstand und die Parteioberen doch für alles und jeden ihren Plan hatten. „Solo Sunny“ ist damit ein treffliches Generationenporträt, das damals einen Nerv traf. Im Osten wurde er zum Kult wie sonst nur „Die Legende von Paul und Paula“ (1973), aber auch in westdeutschen Kinos lief er mit großem Erfolg. Sich nicht anpassen zu wollen, das wurde überall verstanden. In der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt, darf dieses Werk nicht fehlen – war es eigentlich längst überfällig.

Sunny möchte groß rauskommen

Dem VEB, dem sicheren Leben hat sie den Rücken gekehrt. Sunny möchte groß rauskommen als Sängerin. Auch wenn das erst mal heißt, mit einer eher traurigen Revue namens „Kunterbunt und immer rund“ durch die brandenburgischen Kulturhäuser und Vereinsheime zu tingeln. Die Nachbarn in Prenzlauer Berg tuscheln über sie, schwärzen sie sogar an, die Musiker machen sich ganz ungeniert an sie heran. Aber Sunny lässt sich nicht fremdbestimmen. Sie bändelt lieber mit einem Diplomphilosophen (Theaterregisseur Alexander Lang in einer seiner wenigen Filmauftritte). Sie lässt es sich auch nicht gefallen, wenn der schmierige Conférencier sich vor ihrem Auftritt lustig über sie macht. Und als die Band plötzlich eine neue Sängerin präsentiert, die sich auch erotisch zugänglicher zeigt, sorgt Sunny für einen bühnenreifen Abgang.

„Solo Sunny“ war ein überraschendes Porträt

„Solo Sunny“ war der letzte Film von Konrad Wolf, dem bedeutendsten Regisseur der DDR. Und sein unkonventionellster. Werke wie „Ich war 19“ oder „Der geteilte Himmel“, hatten alle staatstragende Themen. Da überraschte dieses Porträt einer deutlich jüngeren, anderen Generation. Überraschte es überhaupt, dass der Film den Weg ins Kino fand. Allzu oft hatte die DDR Werke, die nicht in ihr Weltbild passten, in den Giftschrank weggeschlossen. Und dieser Film erzählt mitten aus dem Prenzlauer Berg. Von Hinterhöfen, bei denen kein Putz bröckelt, weil schon keiner mehr da ist. Aber auch die Fassade der DDR zeigt unschöne Stellen. In einer Szene sieht man genau, wie ein Altbau gesprengt wird, in einer anderen noch nicht fertiggestellte, aber schon seelenlose Plattenbauten.

Lebenskünstlerin Sanije Torka war das Vorbild

Das Drehbuch stammt von Wolfgang Kohlhaase, dem Berlin-Kenner par excellence, von dem Klassiker wie „Berlin – Ecke Schönhauser“, „Berlin um die Ecke“ oder auch „Sommer vorm Balkon“ stammen. Inspirieren ließ er sich von der Lebensgeschichte der Lebenskünstlerin Sanije Torka, mit der die Journalistin Jutta Voigt 1976 ein Interview geführt hat, das zu DDR-Zeiten aber nie veröffentlicht wurde. Ihr zu Ehren nennt sich die Film-Heldin „Sunny“, fast 30 Jahre später sollte es auch einen Dokumentarfilm, „Solo für Sanije“, über das reale Vorbild geben. Erstmals hatte Konrad Wolf bei diesem Film nicht mit seinem Kameramann Werner Bergmann gearbeitet, sondern mit dem Dokumentarfilmer Eberhard Geick, der selbst im Prenzlauer Berg wohnte. Man müsse nicht zwingend in dem Milieu wohnen, von dem man erzähle, meinte Kohlhaase mal lakonisch, aber es könne nicht schaden. Tatsächlich sind hier Einblicke vom Alltag in Ost-Berlin gelungen, wie sie der SED nicht gefallen konnte, die aber, gerade heute mit historischem Abstand, als echte Zeit-Bilder erscheinen.

Die Straßen von Berlin rücken immer wieder ins Bild

Eine Frau geht ihren Weg. Buchstäblich. Durch die Straßen von Berlin, die immer wieder ins Bild rücken. Es geht um das Recht auf Individualismus, auch wenn das in bitterer Konsequenz bedeutet, allein zu bleiben, was ja beides im Titel „Solo“ steckt. Die große Freiheit, man sieht sie immer mal wieder, wenn fern am Firmament die West-Flieger eine Schleife über den Osten ziehen. Erst ganz am Ende wird der Blick sich langsam vom engen Hinterhof zum Himmel von Berlin hin weiten. Als Hoffnungsschimmer, dass es doch noch was werden könnte mit dem großen Traum.

Prägnante Dialoge und ein ganz genauer Blick

„Solo Sunny“ lebt von diesem ganz genauen Blick. Den prägnanten Dialogen. Aber vor allem von seiner Hauptdarstellerin Renate Krößner, die – auch wenn sie sich bei ihren Sangeseinlagen doubeln lassen musste – mit ihrer Darstellung alle hinriss. Und dies heute noch tut. Auf der Berlinale 1980 erhielt sie dafür als erste Schauspielerin der DDR einen Silbernen Bären, just im Zoo Palast, wo der Film nun noch einmal gezeigt wird. Es ist die Rolle ihres Lebens, ihr eigenes, großes Solo, das sich so nie wiederholen sollte. Den Bären hat man ihr noch am Abend der Verleihung wieder abgenommen. Und in der DDR machte sie der vom „Staatsfeind“ verliehene Preis plötzlich suspekt. Für sie gab es bald keine Aufträge mehr, bis sie einen Ausreiseantrag stellte und 1985 in den Westen ging. Auch die Sunny-Darstellerin ging unbeirrt ihren Weg.

Information

Zu sehen ist der Film in Anwesenheit der Schauspielerin Renate Krößner am Dienstag, 7. März, 20 Uhr im Zoo-Palast. Ein Wertgutschein in Höhe von zwei Euro beim Kauf einer Eintrittskarte liegt in der Sonntagsausgabe der Berliner Morgenpost.