Das Hotel Bogota ist tot. Es lebe das Little Bogota: Drei Jahre nach der Schließung der Kultresidenz gibt Ex-Inhaber Joachim Rissmann wieder den Gastgeber. Und lässt sich buchen über WhatsApp oder Airbnb. Von Thomas Schubert Rote Streifen, gelbe Streifen. Lindgrüner Briefkasten mit abgeplatztem Lack. Joachim Rissmanns Flur sieht aus wie sein altes Foyer. Wer das Hotel Bogota nicht mehr erlebte, kann kaum ermessen wie viel Selbstironie und bewahrender Geist im Spiel war, als Rissmann beschloss, ein Little Bogota zu eröffnen. Bei sich daheim.
Wohnort, Pension und Museum
An einem dunklen Herbsttag steht der Ex-Inhaber des berühmt-berüchtigten Bogota im Türrahmen einer Altbauwohnung am Stuttgarter Platz und bittet einzutreten in die Herberge des Jahres 2016. Drei Jahre sind seit Beendigung seines wichtigsten Lebensinhalts verronnen. Jetzt freut sich Rissmann wieder auf Gäste. Ganz ohne sie kann er nicht. Aber sich mit Haut und Haar in ein neues Hotelabenteuer stürzen? Unmöglich. Also gibt der feine, leise Herr den Gastgeber im Kleinen. Das Little Bogota: Wohnort und Pension in einem. Es ist die größtmögliche Hommage für die Fans des alten Hauses. Man kann darin schlafen. Man kann darin staunen. Die Kunst genießen, die Geschichte atmen.

Drei der sechs Zimmer hält Rissmann für seine Gäste bereit, bietet sie feil bei Airbnb oder über WhatsApp. Nur altmodische Naturen buchen noch per Telefon. „Natürlich sind die Farben kein Zufall“, bemerkt er zum Wechselspiel der roten und gelben Streifen im Flur. Ob Besucher das kleine Bogota mit dem großen identifizieren, entscheidet sich schon an der Tür. Abgesehen von den alten Erkennungsfarben wimmelt es vor Requisiten aus den besten Tagen des Hotelbetriebs. Die Liegen, die grün gepolsterten Sessel, die Leuchter, die Bilder. Selbst die Bettvorleger scheinen zu flüstern: Du schläfst im Bogota.
Auferstanden am Stuttgarter Platz
Man tappt mit Rissmann über knarrende Dielen, spürt seine heimliche Freude, wieder da zu sein. Zurück in Charlottenburg. Zurück als Hausherr. „Ich habe ja selbst in meinem Hotel gewohnt“, erinnert er an die tiefe Verbundenheit mit seiner früheren Umhausung.

Als das Hotel Ende 2013 wegen der Mietschulden nicht mehr zu halten war, versteigerte Rissmann einen Teil des Interieurs, verwahrte den Rest und zog zeitweilig nach Steglitz. Aber als sich die Chance ergab, an den Stuttgarter Platz zu ziehen, schlug Rissmann gleich zu. Und bald nach der Rückkehr Anfang 2016 reifte die Idee heran. Was wäre, wenn man in diesen sechs Zimmern Gäste einquartiert? Was wäre, wenn man den Trend zum authentischen Wohnen in Berliner Kiezen aufgreift? Die Zimmervermittlung via Internetportal? Digitalisierung macht auch vor der Marke Bogota nicht halt. „Ich lerne gerade Wordpress“, verrät Rissmann. Will heißen: Seine Homepage steht vor einem selbst programmierten Update.
Hotel Bogota als bekannte Marke
Ins Little Bogota checkt der Gast nicht einfach ein. Er wird zum lebendigen Part eines Bogota-Museums. Und die bisherigen Schläfer liebten es. „Ein wunderbarer Gastgeber“, schwärmt eine Dame namens Sue bei Airbnb. „Wir hatten einen tollen Aufenthalt in Joachims Apartment.“ Es überwiegen Wortmeldungen in englischer Sprache. Dass der Name Bogota nicht nur die Hauptstadt von Kolumbien bezeichnet, weiß man selbst in Südamerika.

Die Geschichte des neuen Hauses blieb aus zeitlichen Gründen noch unerforscht, bedauert Rissmann. Es klingt aber so, als habe er sich im Stillen den Auftrag längst erteilt. „Nebenan wohnte Wladimir Nabokov“, heißt der erste Anhaltspunkt. Geschichte ergründen, Geschichte bewahren, Häuser erzählen lassen, was in ihnen geschah und noch geschieht. Das sind die Arbeitsfelder eines Mannes, dem es nicht behagt, wenn Menschen in anonymen Räumen schlafen. Andere Hotels bieten moderne Standards. Sein Bogota bot Bäder auf dem Flur. „Aber es waren nur einige wenige Zimmer, die das betraf“, berichtigt der Ex-Betreiber den verbreiteten Irrtum.
Erdgeschoss-Pension statt Großbetrieb
Das Hotel Bogota an der Schlüterstraße 45 war ein Gästehaus mit 115 Zimmern. Das Little Bogota: Eine Sechsraumwohnung im Erdgeschoss eines Vorderhauses in der Rönnestraße am Stuttgarter Platz. Das Hotel hat nach seinem Tod eine Art Seelenwanderung unternommen. Und von Räumen Besitz ergriffen, in denen zuvor eine Senioren-WG lebte. Was aus den alten Herrschaften wurde? Rissmann zuckt die Achseln.

„Bald haben wir hier einen Butter-Lindner“, beeilt er sich zu sagen, bevor man an der Lage zweifeln kann. „Eine angenehme Wohngegend“, postuliert er mit leiser Stimme. Rissmann schloss schnell Freundschaft mit dem Stutti-Kiez. In Steglitz kam er nie wirklich an. Die ersten Bäcker am Bahnhof Charlottenburg öffnen um 4.30 Uhr morgens und lassen es verschmerzen, dass das Little Bogota kein Frühstück bietet.
Kosten sparen – Geschichte wahren
Der Hausherr putzt selbst, da Budgetierung ein Thema blieb, das zwei Umzüge überdauert. „Mein Ziel ist es, hier kostenneutral zu wohnen“, bringt es der Familienvater auf den Punkt. An den Kosten zerschellte sein Leben schon einmal, als Banken ihm keine neuen Kredite mehr geben wollten. Mit dem Hotelbetrieb zerbrach auch die Ehe. Trennung. Neuanfang. Rissmann ertrug es mit einer Melange aus Mut und Melancholie. Um über die Runden zu kommen, half er bei einem Zahnarzt aus. Und er verkaufte von Zeit zu Zeit ausgewählte Möbel und Requisiten. Aber die wichtigsten Teile, die behielt er für das Little Bogota. Wie er seine Zielgruppe beschreiben würde? Rissmann mustert die Tischplatte durch seine runden Brillengläser. Aus einem Radio in der Küche hallt klassische Musik.

„Das Little Bogota ist für Menschen da, denen nicht egal ist, wo sie schlafen“, gießt er es in zaghafte Worte. Dass es nicht egal ist, wo man schläft, dass Hotels auch zu Gästehäusern für die Stadtbevölkerung werden müssen, Orte der Geselligkeit, der Kunst und des Diskurses – in dieser Hinsicht war das Bogota zukunftsweisend. Vielleicht wäre der Betrieb in der Kudamm-Seitenstraße wieder lebenstüchtig geworden, hätten die Banken einen weiteren Kredit gewährt. Solche Mutmaßungen hört man im leisen Gespräch mit einem Hotelier, der nicht lassen kann, was er liebt. Selbst wenn es ihn ruiniert.
Eine Nacht ab 50 Euro
Einen alten Fehler wolle er vermeiden – „ich möchte nicht mehr zu günstige Preise machen.“ Eine Nacht im Little Bogota kostet zwischen 50 und 80 Euro, wobei man mindestens zwei Tage bleiben sollte. Kein Wucher, kein Schnäppchen. Natürlich: Bei Airbnb wird das Preisemachen mehr vom Marktgeschehen abhängig, als es in den seligen Zeiten der telefonischen Reservierung jemals der Fall war. Aber so ganz zum Spielball des Marktes werden? Wer will das schon. Rissmann vermietet ohnehin nur, wenn er in Stimmung ist. Manchmal hat er seine Kinder als Hausgäste, nicht von ungefähr trägt einer der Räume den Namen seines Sohnes Pablo. Wenn die Kinder zu Besuch kommen, dann sind die Betten eben belegt. Und natürlich: Die Einwilligung des Wohnungseigentümers ist vorhanden. Das Little Bogota dient in erster Linie als feste Bleibe des Mieters und nur nebenbei der Beherbergung von Gästen oder musealen Zwecken. Rote Streifen, gelbe Streifen. Rissmann schreitet wieder durch den Flur, gibt die Hand zum Abschiedsgruß. Und dann überreicht er noch seine Karte. Sie weist ihn aus als: Joachim Rissmann. Gastgeber, Galerist, Private Host. Info: Zimmer im Little Bogota lassen sich online buchen unter https://www.airbnb.de/rooms/9413152#host-profile oder unter http://www.hotel-bogota.de

