Am 3. September 1926 wurde der Berliner Funkturm eröffnet. Seither nennen die Berliner das nun 90 Jahre alte Wahrzeichen der Stadt liebevoll "Langer Lulatsch". Von Sabine Gundlach Es war ein glänzender Auftakt. Als auf den Tag genau vor 90 Jahren am 3. September 1926 der Sendemast des Berliner Funkturms eröffnet wurde, schien die Sonne auf das damals als technisches Wunderwerk gefeierte neue Wahrzeichen Berlins. Der neue Funkturm schimmerte im Sommerlicht und strahlte weit über das Messegelände hinaus. Das Große Berliner Funk-Orchester spielte Beethovens Leonoren-Overtüre, Berlins Oberbürgermeister Gustav Böß und andere sprachen tragende Festreden. Dann kündigten drei laut dröhnende Böllerschüsse die offizielle Inbetriebnahme des nach Plänen von Architekt Heinrich Straumer realisierten Sendemasts an, der mit seinen damals 135 Metern Länge als höchster Turm Deutschlands galt. „Langer Lulatsch“ wurde der Funkturm noch Jahrzehnte von den Berlinern genannt.

90 Jahre Funkturm Berlin 1925 vor Fertigstellung. Foto: Messe Berlin
90 Jahre Funkturm Berlin 1925 vor Fertigstellung. Foto: Messe Berlin

Für West-Berliner ein identitätsstiftendes Wahrzeichen

Auch heute ist er für viele, vor allem West-Berliner ein identitätsstiftendes Wahrzeichen. Und er ist nicht zuletzt „der weithin sichtbare Leuchtturm des Messegeländes“, wie der stellvertretende Messesprecher Wolfgang Rogall sagt. Als Leuchtturm strahlt der unterdessen 147 Meter hohe Turm jetzt anlässlich der aktuellen Internationalen Funkausstellung 2016 abends in Rot. Eine hochmoderne Lichtanlage mit 68 LED-Leuchten macht es möglich. Zur Eröffnung vor 90 Jahren leuchteten stattdessen abends 4000 Glühbirnen auf der anfangs noch vorhandenen Lichtreklame-Tafel, auf der „Berliner Fach-Messen“ zu lesen war.

1929 wurden die ersten Fernsehtestbilder vom Funkturm aus gesendet

Anlass für die feierliche Funkturm-Eröffnung am 3. September 1926 war der Start der dritten und noch nicht Internationalen, sondern „Deutschen Großen Funkausstellung“ auf dem Messeareal. Der als „Stimme Berlins“ damals bekannte Radiopionier und ab 1953 erste Intendant des SFB, Alfred Braun (1888-1978), deklamierte den Funkturm-Prolog des Schriftstellers Hans Brennert: „Achtung! Hier Funkturm Lietzensee! Zwischen Havel und Oberspree! Der Funkturm sendet im Programm. Die Funkturmweihe vom Kaiserdamm,(....)“ Schon drei Jahre nach dieser „Weihe“ der überaus weltlichen Architektur wurden bereits 1929 die ersten Fernsehtestbilder vom Funkturm aus gesendet.

Albert Einstein eröffnete 1930 die siebte Funkausstellung

Der Nobelpreisträger Albert Einstein (1879-1955) bei seiner Rede zur Eröffnung der 7. Funkausstellung 1930 in Berlin. Foto: pa/akg-images
Der Nobelpreisträger Albert Einstein (1879-1955) bei seiner Rede zur Eröffnung der 7. Funkausstellung 1930 in Berlin. Foto: pa/akg-images

Zu den herausragenden Ereignissen der wechselhaften „Turm-Geschichte“ zählt in den Anfangsjahren der Besuch Albert Einsteins. Der weltbekannte Physiker und Nobelpreisträger eröffnete am Funkturm 1930 die siebte Funkausstellung. Zwei Jahre später schon wurde die weltweit erste Fernsehsendung über Ultrakurzwelle (UKW) ausgestrahlt. Sendungen des Hörfunks wurden bereits im Eröffnungsjahr ausgestrahlt.

Fahrstuhlanlage eine bauliche Herausforderung

Beim Ausbau des Stahlfachwerkmastes zum Funkturm standen die Arbeiter damals vor zahlreichen Herausforderungen. Beispielsweise auch beim Bau der Fahrstuhlanlage. Der erste Aufzug brauchte noch für 1 Sekunde für 2,5 Meter auf dem Weg nach oben. Das geht heute bedeutend schneller. Gerade mal 33 Sekunden dauert die zügige Fahrt im funkgesteuerten gläsernen Fahrstuhl bis zur Aussichtsplattform. Dass der Funkturm heute noch immer so dasteht, ist keine Selbstverständlichkeit. 1935 löste ein Feuer in der alten Funkhalle einen Kurzschluss aus, in dessen Folge das Restaurant größtenteils zerstört und der Sender sowie die Leuchtreklamen-Anlage verglühte. Die Antenne wurde abgebaut, der Funkturm funkte nicht mehr. Eine neue Anlage in Tegel wurde vom Sender Berlin-Witzleben genutzt.

Seit 1966 steht der Funkturm unter Denkmalschutz

Zehn Jahre später fiel der Funkturm fast einer Granate zum Opfer die 1945 in eine der vier Hauptstreben einschlug. Doch das Bauwerk geriet nicht ins Wanken. Arbeiter sollen ihn damals mit insgesamt 7,2 Tonnen Stahl und 800 Kilogramm Schrauben und Nieten wieder instand gesetzt haben. Seit 1966 steht der Funkturm unter Denkmalschutz. Er wiegt insgesamt rund 600 Tonnen. Davon fallen 400 Tonnen auf die Stahlkonstruktion, zusätzliche 220 Tonnen wiegt das Fundament. Die statischen Berechnungen kalkulieren weitere 40 Tonnen Besuchergewicht und 105 Tonnen Winddruck ein. Jeder der Porzellanisolatoren über dem Fundament hält einem Druck von 1,4 Millionen Kilogramm stand. Der silbern glänzende Anstrich ist eine Mehrkomponenten-Spezialfarbe namens „Eisen-Glimmer-Silber“, die eigens für die Messe Berlin angemischt wird. Für einen Anstrich des gesamten Funkturms benötigt man rund neun Tonnen der genannten Spezialfarbe. Verbildlicht entspricht die Farbmenge neunhundert Zehn-Liter-Eimern Farbe, die übereinander gestapelt zweieinhalb Mal so hoch wie der Funkturm wären.

Nach dem Krieg wird der Funkturm wieder zusammengeflickt. Foto: Messe Berlin
Nach dem Krieg wird der Funkturm wieder zusammengeflickt. Foto: Messe Berlin

Bislang bereits mehr als 17,3 Millionen Besucher

Seine Bedeutung als Wahrzeichen und Anziehungspunkt für bislang mehr als 17.3 Millionen Besucher verdankt der Funkturm vor allem dem schwebenden Turmrestaurant sowie der Aussichtsplattform in 126 Metern Höhe unterhalb der Turmspitze. „Unter unseren Besuchern sind nach wie vor viele Prominente, die das besondere Ambiente und die Intimität in unserem Restaurant genießen“, sagt Heiko Falkner. Stichwort Vertraulichkeit. Aktuell will Falkner, der „Projektleiter Funkturm“, deshalb keine Namen nennen. Lieber spricht er über vergangene Zeiten , die lange vor seinem Start im Funkturm-Restaurant 1993 liegen.

Im Funkturm-Restaurant speiste auch die Prominenz

Beispielsweise die 50er-Jahre. Ein „ganz besonderes Gästebuch der Nachkriegszeit“, das er selbst noch gesehen hatte, sei gestohlen worden, die ersten Gästebücher hingegen verbrannt, erzählt Falkner. In den Gästebuchern hatten sich internationale Stars wie Marlene Dietrich oder auch nationale Berühmtheiten wie Theo Lingen verewigt. Im Funkturmrestaurant speisten Hans Söhnker oder Heidi Kabel, aber auch Politiker wie Theodor Heuss, Jakob Kaiser, Herbert Wehner oder Annemarie Renger. „Ich wollte immer hoch hinaus und jetzt habe ich es geschafft und feiere hier meinen Geburtstag“, zitiert Falkner eine Eintragung von Marlene Dietrich. „Ich hatte das Buch mal in der Hand und erinnere mich noch daran, was die Dietrich in das Buch geschrieben hatte“. Das Ambiente, in dem Marlene Dietrich Geburtstag feierte, macht auch heute noch den Charme des schwebenden Restaurants aus - neben dem Rundumpanorama durch die schrägen Scheiben. „Die Einrichtung ist weitestgehend im Stil der 20er-Jahre“, sagt Falkner.

Speisen mit Aussicht: Nach der Ifa gibt es vom 14. September bis Ende Oktober ein Gala-Geburtstagsbuffet im Funkturm-Restaurant. Foto: Messe Berlin 
Speisen mit Aussicht: Nach der Ifa gibt es vom 14. September bis Ende Oktober ein Gala-Geburtstagsbuffet im Funkturm-Restaurant. Foto: Messe Berlin 

Berlins kleiner Eiffelturm

Vieles, was durch den Granatentreffer im Krieg zerstört wurde, hat man in den 50er-Jahren originalgetreu ersetzt. Dass der Funkturm lange auch als Berlins kleiner Eiffelturm wahrgenommen wurde, mag ein wenig vermessen sein. Denn das Pariser Bauwerk ist mit 324 Metern Höhe immerhin mehr als doppelt so hoch wie der Funkturm, der erst 135, dann 150 Meter hoch und nach der Demontage seiner Sendeanlage mittlerweile mit 147 Meter Höhe in Berlins Himmel ragt. So soll bei der Eröffnung des dem Funkturm zu Füße liegenden erbauten Internationalen Congress Centrums (ICC) der kürzlich verstorbene damalige Bundespräsident Walter Scheel von einer „Zimmerantenne“ gesprochen haben. Gleichwohl, als leuchtendes Wahrzeichen Berlins hat der Funkturm auch an seinem 90. Geburtstag nach wie vor große Strahlkraft.

Bis Ende Oktober Gala-Geburtstagsbuffet

Frisch gewartet, wie in jedem Sommer, öffnet der Funkturm nach der Ifa am 14. September wieder für die Öffentlichkeit seine Aussichtsplattform und das Restaurant. Bis Ende Oktober wird dort abends ein Gala-Geburtstagsbuffet angeboten. Der Preis des Buffets inklusive Aufzug beträgt 27 Euro. Telefonische Reservierung unter 303 82 90. Öffnungszeiten der Aussichtsplattform: Mo., 10-20 Uhr, Di.-So., 10-23 Uhr. Das Restaurant ist geöffnet: Di.,18-23 Uhr, Mi.-So.,11:30-23 Uhr. Tickets: Aussichtsplattform: 5/erm. 3 Euro Restaurant: 3/erm. 2 Euro.