Tierische Erlebnisse gegen das Vergessen: Die Malteser erproben neue Methoden, um Demenzkranken zu helfen. Solche Menschen kann der Anblick eines Flusspferds derart berühren, dass Erstaunliches geschieht. Von Thomas Schubert Welche Farbe hat die Giraffenzunge? Kinderfrage, eigentlich. Aber auch ein Wissenstest, der Menschen mit kerngesundem Gedächtnis grübeln lässt. Und niemand von Yola Herolds Begleitern ist gut darin, sich zu erinnern. Man könnte sogar sagen: Erinnern ist der wichtigste Tagwerk für dieses Grüppchen von Damen und Herren im Rollstuhl. Sich erinnern, Gemeinschaftsgefühl spüren, die eigene Identität stärken – für Demenzkranke sind das die Trainingsinhalte schlechthin. Es lässt sich leichter trainieren, wenn die Übung kein Lastgefühl beschert, sondern Freude. Eben darum parken die Rollstühle heute vor dem Giraffengehege. Eben darum besucht man den Zoo.

„Welche Farbe hat die Giraffenzunge?“, fragt Yola Herold erneut. „Ist sie rosa? Oder schwarz?“ Sie schaut in verträumte Gesichter. Auf manchen sieht die Antwort dämmern. Auf anderen ein neutrales Lächeln. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin der Malteser praktiziert Herold diese Übung im Rahmen eines Rundgang gemeinsam mit Demenzkoordinatorin und Kunstpädagogin Veronika Maaß. Ein neues Experiment nach geglückten Vorversuchen. Gemeinsam hatten Herold, die auch als Kulturvermittlerin arbeitet, und Maaß zuerst ein Führungskonzept für das Naturkundemuseum entwickelt. Und dort bei anderen Seniorengruppen so hoffnungsvolle Effekte bemerkt, dass jetzt der nächste Schritt folgt: Ausflüge zu den lebenden Tieren. Denn den Berliner Zoo verbinden gedächtnisschwache Senioren mit besonders angenehme Erinnerungen. Und besonders frühen.
Flamingos beginnen mit F
Blau ist die Zunge der Giraffen. Dass sah man erstmals bei Zoobesuchen als kleines Kind. Und nun, mehr als 60 Jahre später ereilt die Damen und Herren diese Erkenntnis erneut. Unweigerlich stecken einige ihre eigene Zunge heraus. Und halten gleich wieder inne. Richtig! Das ist ja eine freche Geste.

Querverbindungen zum Alltagsleben entstehen beim Anblick von Tieren spielend leicht. Flamingos beginnen mit dem Buchstaben F. Und Elefantenbulle Victor wirkt wie der lebende Inbegriff für alles Große und Schwere. „Er wiegt über vier Tonnen und könnte bei seiner Figur bestimmt Model sein“, erlaubt sich Herold einen Scherz. Ironie verstehen – eine der schwierigsten Übungen. Es folgt eine leichte: der Hand-Fuß-vergleich. Dazu reicht Herold den Abdruck eines Elefantenfußes herum, bei dem sich jeder aufgefordert fühlt, seine Rechte oder Linke hineinzulegen. Sie verliert sich in einem Krater.
Machen auch Elefanten Maniküre?
Und dann betasten die Senioren ein längliches, bräunliches Etwas. Was soll das nur sein? Bezug zum Elefanten Victor muss es haben, so viel leuchtet ihnen ein. Lautlos tapst der Bulle durch den Sand. Und plötzlich ist die Erklärung da – ein Stück Hornhaut! Die Gruppe wirkt erheitert. „Elefanten machen bestimmt auch Maniküre“, witzelt eine Dame namens Helga. Wenn trotz Demenz noch Witze möglich sind, dann hat das Tiererlebnis etwas ausgelöst.

In ihrer Masterarbeit an der Universität Hildesheim hat Yola Herold solche Phänomene erforscht – nun findet sie immer neue Belege für die heilsame Wirkung von Tier und Natur. Nach der Hornhaut reicht sie pinselartige Haare herum. Echte Elefantenschwanz-Borsten – „damit verjagen sie Fliegen.“ Beinahe wie bei Menschen gestaltet sich das Wiedererkennen unter Dickhäutern. „Sie unterscheiden einander durch ihre Nasen“, lässt Herold ihre Begleiter wissen. Das kann auch jemand nachvollziehen, der vergessen hat, wo die Taschentücher liegen.
„Ich glaube, die Tiere beobachten uns“
Aber den deutlichsten Effekt erlebt die Malteser-Gruppe im Flusspferdhaus. Hier gleiten die Hippos mit träumerischer Leichtigkeit durch ihren Pool – genau an der Scheibe vorbei, wo der Gleichmut der Rentner nun endgültig einer freudigen Aufregung weicht. Schwimmen die etwa? Nein, sie hopsen mit riesigen Schritten über den Grund. „Ich glaube, wir sind gar nicht die Beobachter“, mutmaßt eine Dame, auf deren Namensschild Frau Wendland steht. „Ich glaube, die Tiere beobachten uns.“

Plötzlich tasten sich die Füße einer anderen Frau aus dem Rollstuhl. Ursula Jahr steigt aus ihrem Gefährt, bekommt Hilfe von ihrem Begleiter. Eine zauberhafte Stille liegt über der Szene. Hier die Hippos – dort die Alten, die möglichst dicht heran wollen an das dicke Fenster. Als die Gruppe das Flusspferdhaus schließlich verlässt, bedankt sich Ursula Jahr für den Ausflug. Aber sie hat noch eine kleine Anmerkung loszuwerden: „Mein Lieblingstier habe ich heute noch nicht gesehen. Den Hund.“
Information
Wer seine Angehörigen zu einer Demenz-Führung im Zoo anmelden möchte, nimmt telefonisch Kontakt auf unter 0151 51 03 61 61. Man zahlt den regulären Eintritt und eine Spende für die Führung. Der nächsten Termin: Donnerstag, 22. September, von 14 bis 15.30 Uhr.

