Für Stefan Richter wurde Genuss zum Beruf: Der 39-Jährige ist Q-Grader, ein wichtiger Titel für Kaffee-Experten. Zu Besuch in der Charlottenburger Rösterei. Von Anja Meyer Allein beim Gedanken Kaffee, der in Thermoskannen warmgehalten wird, läuft es Stefan Richter kalt den Rücken herunter. Vollmundig schmecke ein Kaffee höchstens bis zu 40 Minuten nach dem Brühen. Allerhöchstens. Danach verschwinde das Aroma merklich und Säure entstehe, erzählt der Charlottenburger Kaffee-Experte. Um es auf seiner eigenen Hochzeit 2014 gar nicht erst zu so einem Geschmacksdesaster kommen zu lassen, stellte Stefan Richter eine Bedingung an die Betreiber des Veranstaltungsorts: Die Kaffeebar bringt er selber mit. So konnten seine Gäste zwischen den verschiedensten Röstungen, Brühverfahren und Aromen wählen. Stefan Richter selbst schmeckt sogar, ob die Kaffeebohnen im flachen Tal oder in einer Hochebene gewachsen sind. Auch wenn seine Frau wie immer der Meinung war, dass die Gäste das wahrscheinlich gar nicht so merkten: Für einen Q-Grader wie ihn gehört der perfekte Kaffee auf seiner Feier zum guten Ton.

Der Titel Q-Grader ist der weltweit renommierteste für Kaffee-Kenner. In Deutschland gibt es weniger als zehn, weltweit um die 150. Um den Titel zu tragen, müssen die Spezialisten 20 Prüfungen zu Qualität, Geruch, Anbau, Aroma und Geschmack von Kaffeebohnen bestehen - geröstet und roh. Das war selbst für Stefan Richter eine Herausforderung, die er erst beim zweiten Mal bestand. Dabei ist Kaffeegenuss und alles, was mit der edlen, schwarzen Bohne zu tun hat, schon lange zum Beruf des 39 Jahre alten Berliners geworden: Mit seinen Partnern Andreas und Erwin Giest, gründete er im Jahr 2000 die Berliner Kaffeerösterei an der Uhlandstraße, fünf Jahre später eröffneten sie die Berlin School Of Coffee (BSOC). Mehrmals im Jahr fährt Stefan Richter in die Ursprungsländer des Kaffees, dort ist er direkt mit den Bauern in Kontakt und schließt Verträge für seine Rösterei ab.
Die schwarze Bohne dominiert Richters Leben
Dass die schwarze Bohne einmal sein Leben dominiert, hätte der in Ostberlin aufgewachsene Richter als Kind nicht einmal im Traum geahnt. Seine Eltern tranken ihren Kaffee immer türkisch. Zumindest nannten sie es so, wenn sie heißes Wasser auf das Pulver schütteten. Stefan Richter fand das wenig ansprechend, der an den Lippen klebende Kaffeesatz machte es nicht besser. Zu seinem Beruf ist Richter halb zufällig gekommen, über den Lifestyle, wie er sagt. Nach dem Abitur, es waren die 1990er, kamen Coffee-Shops in Berlin langsam in Mode. Das Kreuzberger Café von Cynthia Barcomi fand Stefan Richter so cool, dass er mit einem Kumpel etwas Ähnliches aufziehen wollte. Den ersten Kaffee trank er mit 22 Jahren, mit dem eigenen Laden dauerte es noch eine Weile.

In Berlin hat sich viel in Sachen Kaffeekultur getan
Seitdem Stefan Richter kurz nach der Jahrtausendwende die Berliner Kaffeerösterei eröffnete, hat sich in Sachen Kaffeekultur viel getan in Berlin. Heute gehört es zum Lifestyle, exquisiten Kaffee zu trinken, die Bohnen vor Ort rösten zu lassen und zu Hause frisch zu mahlen. „Als wir vor 15 Jahren angefangen haben, haben sich die Kunden noch darüber gewundert, dass wir so viele verschiedene Kaffeesorten verkaufen“, erzählt Richter. Heute kommen sie genau deswegen in die Charlottenburger Rösterei. Rund 150 verschiedene Sorten Bohnen lagern im Rohstoffkeller.
Filterkaffee liegt wieder im Trend
Mit dem neuen Filterkaffeetrend sei die Nachfrage noch einmal gestiegen. „Seit etwa zwei Jahren trinken die Menschen auf breiter Front mehr Filterkaffee“, erzählt Richter. Vorbei mit dem Image des Arbeiterkaffees: „Eine Chemex darf in keinem hippen Café mehr fehlen.“ Die Chemex-Kanne aus Glas ist ein Modell aus dem Jahr 1941, in dem in Berliner Szeneläden nur so viel Filterkaffee aufgebrüht wird, wie die Gäste auch trinken. Stefan Richter findet das Revival witzig. Und gut. „Damit reduziert man qualitativ hochwertigen Kaffee nicht allein auf Cappuccino und Espresso.“

Kaffee ist nur sechs Monate nach der Ernte frisch
Es sei ohnehin hilfreich, sich nicht auf eine Lieblingsbrühform und erst recht nicht auf eine Lieblingsbohne zu versteifen. Denn: Frische Kaffeebohnen sind nicht zu jeder Jahreszeit verfügbar - das wissen Richters Stammkunden schon lange. Für andere ist es neu. „Der Kaffee ist nur sechs Monate nach seiner Ernte frisch“, erklärt Richter. „Anders als wir es aus dem Supermarkt kennen.“ Und jede Kaffeepflanze wird nur einmal im Jahr geerntet.
Richter setzt auf "direct trade"
Überhaupt wisse der gemeine Kaffeetrinker nur wenig über den Weg, den die Bohne bis in die Tasse genommen hat. Stefan Richter ist es wichtig, so viel Kaffee wie möglich direkt von den Farmern zu beziehen - direct trade, wie es in der Branche heißt. Dazu fährt er zum Ursprung und trifft sich wie bei einer Art Speed Dating mit Farmern und Röstern. In nicht einmal einer halben Stunde wird dann mit anderen Interessenten „gecuppt“ - also der Kaffee verkostet. So bekommt Richter einen ersten Eindruck vom Geschmack. Von jeder Reise bringt er einen Koffer voller Tütchen mit Bohnenmustern mit. Die verkostet er in Charlottenburg noch einmal mit den Kollegen von der Berlin School Of Coffee. „Hier kann ein Kaffee noch einmal ganz anders schmecken“, erzählt er. Wenn alles passt, bestellt er die Bohnen - nach etwa zwei Monaten kommen sie als Überseefracht im Hamburger Hafen an.

Viele direkte Verträge mit Farmern
Durch diese Reisen sind viele direkte Verträge mit Farmern entstanden. Unter anderem in Guatemala, Honduras, Äthiopien, Tansania, Brasilien, Costa Rica, Kolumbien, Nicaragua und der Insel Flores in Indonesien. Wenn Stefan Richter mal selbst in der Berliner Kaffeerösterei steht, kann er seinen Kunden die dazugehörige Geschichte erzählen.

