Natur pur: Tiergarten, Zoo, diverse Parks und die Ufer der Spree sind innerstädtische Oasen und ein bisschen Wildnis für die Bewohner der City West. Von Thomas Schubert Ein leises Piepsen ertönt im Schilf. Die Halme der Wasserpflanzen beginnen zu wanken. Und noch ehe sie die Geräuschquelle zu Gesicht bekommt, ist Marlene schon klar: Hier gibt es Entenküken. Das kleine Mädchen hüpft vor Vergnügen am Brückengeländer entlang, deutet hinunter auf das Schilf. Und tatsächlich gleitet nun die Entenmama ins Freie; ihre Küken folgen in einer Reihe. „Mama, darf ich eines mitnehmen?“, ruft Marlene. Natürlich darf sie nicht. Aber zum Betrachten der Tierwelt kann die Familie ja jederzeit wiederkommen, hierhin in den Park von Schloss Charlottenburg. Tatsächlich ist selbst in der City West das nächste Naturerlebnis nie weit entfernt. Nur einen Kurzspaziergang vom Schloss entfernt windet sich die Spree durch grüne Uferzonen. Und an den belebten Magistralen lässt sich stets erahnen, dass es in Charlottenburg-Wilmersdorf annähernd so viele Straßenbäume gibt wie Menschen. Besonders reichlich gibt es sie allerdings im Großen Tiergarten. 210 Hektar. Die Alltagshektik pausiert, sobald man unter rauschendem Laub ziellos schlendert. Wem die Fauna spannender erscheint als die städtische Flora, findet nebenan im Zoologischen Garten die vielfältigste Tierwelt Europas. Mehr als 18.000 Tiere in 1400 Arten, über drei Millionen Besucher im Jahr – man darf vermuten, dass sich im Hauptstadtzoo mehr erleben lässt als auf einer Safari.
Der Zoo will 60 Millionen Euro investieren
Wenn es nach Direktor Andreas Knieriem geht, sollen sich die Lebensumstände seiner Bewohner künftig weiter verbessern. Besucher wollen Tiere sehen, die sich wohlfühlen, keine traurigen Geschöpfe – so lautet Knieriems Grundsatz. Rund 60 Millionen Euro will der Zoo in den nächsten 20 Jahren einsetzen, um einen Entwicklungsplan wahr werden zu lassen. Der sieht vor, dass Publikumslieblinge wie die Eisbären nie mehr durch beengte Gehege leiden müssen. In einer neu gestalteten Tundralandschaft werden sie sich laut Knieriem auch gerne einmal schmutzig machen: „Sie brauchen ja keinen Nordpol, aber auf jeden Fall mehr Platz als jetzt.“

Ein Plus an Bewegungsfreiheit schenkt der Zoo auch seinen Elefanten. Sie rücken weg vom Hauptportal und erhalten auf dem Erweiterungsgelände hinter dem Landwehrkanal ein eigenes Reich. „Mit 2,3 Hektar wird das die größte Elefantenanlage Deutschlands“, verspricht der Direktor. Nur die Schlange vor dem Eingang am Löwentor wird man künftig wohl vergeblich suchen. Der Zoo erweitert aktuell den Zugang am Breitscheidplatz und verdoppelt die Zahl der Kassen von vier auf acht.
Selbst Wildschweine gibt es in Charlottenburg
Und die Tiere in freier Wildbahn? Auch sie gehören zu den Stammbewohnern der westlichen City. Wenn ein Fuchs durch den Kita-Garten strolcht, braucht man sich nicht zu wundern. Das meint jedenfalls einer, der hauptberuflich solche Phänomene erforscht: Derk Ehlert, der Wildtierexperte des Berliner Senats. Was also treibt Tierfamilien bis ins Zentrum einer Metropole? Natürlich ist es die Futtersuche – mit einem besonderen Umstand. "Wildtiere mögen Orte, an denen Hunde sie nicht stören", erklärt Ehlert. Draußen im Grunewald wimmelt es nur so vor freilaufenden Hunden. Aber in Gärten der Tagesstätten, Schulen oder Botschaften, da liegen sie an der Leine. Selbst die Begegnung mit Wildscheinen gehört für Charlottenburger zu den nicht unwahrscheinlichen Ereignissen. So trägt der Sausuhlensee am Friedhof Heerstraße seinen Namen laut Ehlert nicht von ungefähr, liegt doch das Gelände vor dem Olympiastadion an einem uralten Wildschweinpfad. Dort lebten Keiler, bevor man an eine städtische Bebauung auch nur dachte. Von hier ist es nicht mehr weit zum Grunewald. Nur wenig Busstationen vom Kurfürstendamm entfernt, beginnt eine überaus gepflegte Wildnis. Der Sehnsuchtsort für alle, denen die Stadtparks nicht genügen. Deutschlandweite Bekanntheit genießt dieser Forst nicht erst seit der Auszeichnung zum Waldgebiet des Jahres 2015. "Nachhaltigkeit ist ja neuerdings modern", sagt der Forstexperte Hans Jacobs, "Bei uns gilt das seit 300 Jahren." Nachhaltigkeit heißt im Falle des Grunewalds: Wegkommen von der Monokultur der Kiefern, hin zu einem Laubmischwald, der dem Boden und Grundwasser zu höherer Qualität verhilft. Dass dafür Kiefern gefällt werden, mag Anwohner verwundern. Doch langfristig bringt der Waldumbau mit höherem Anteil von Eichen einen gesunden, ausgewogenen Grunewald hervor, wie es ihn seit der Abholzung nach dem Krieg nicht mehr gab. In der City West ist nicht nur die Stadt im Aufbruch begriffen, sondern auch der Wald.


