Am Kaiserdamm wohnen nun pflegebedürftige Senioren in einer WG. Die Rentner bündeln ihre Pflegebudgets und werden so rund um die Uhr betreut. Von Anja Meyer Nach der Scheidung von seiner Frau wohnte Klaus Adam lange Zeit allein in einem Einfamilienhaus im brandenburgischen Falkensee. Als dort eingebrochen wurde, kam das für ihn nicht mehr in Frage - genauso wenig wie ein Pflegeheim. Der 68 Jahre alte Berliner, dem aufgrund einer psychosozialen Krankheit Pflegeleistungen zustehen, wollte gern in Gemeinschaft leben und trotzdem einen Rückzugsort in schöner Umgebung finden. Deshalb zog Klaus Adam vor fünf Jahren in eine betreute WG für Senioren in Zehlendorf, gemeinsam mit drei anderen pflegebedürftigen Rentnern. Weil sie aus ihrer Wohnung heraus mussten, bezog die WG nun eine neue am Kaiserdamm - eine 290 Quadratmeter große, aufwändig und altersgerecht sanierte Altbauwohnung. Platz ist für acht Rentner - die WG sucht noch Mitbewohner.

Für Doktor Klaus Adam ist die Musiktherapie die schönste Aktion in der Woche.
Für Doktor Klaus Adam ist die Musiktherapie die schönste Aktion in der Woche.

An jeder Tür klebt ein Zettel mit den Namen des Bewohners

"Es ist schön hier, aber vielleicht ein bisschen zu groß“, sagt Klaus Adam. Der promovierte Biochemiker, den hier alle nur Doktor Adam nennen, bewohnt das erste Zimmer neben der Eingangstür. Ihm ist es wichtig, mit den anderen gemeinsam zu essen, sich dabei zu unterhalten und zu wissen, dass immer jemand da ist. „Das beruhigt mich“, sagt er. Über den Flur vor seinem Zimmer geht es in die beiden Gemeinschaftsräume: Abgeschliffenes Fischgrätparkett, hohe Decken, Stuck, Balkon und viel Platz. Dahinter liegt der lange Flur des Seitenflügels von dem aus die anderen Zimmer abgehen. Noch ist es etwas kahl, die Möbel werden erst nach und nach angeschafft. An jeder Tür klebt ein Zettel mit den Namen des Bewohners oder Toilette, Küche, Eingangstür.

Noch brauchen die Mitbewohner Zettel an den Türen, um sich in der großen WG zurechtzufinden.
Noch brauchen die Mitbewohner Zettel an den Türen, um sich in der großen WG zurechtzufinden.

Umzug logisch exakt geplant

Das mit den Zetteln ist wichtig, damit sich niemand im neuen Zuhause verirrt. Wie Pflegedienstleiter Matthias Weber erklärt, leiden einige der Senioren an Demenz - sie werden wohl noch eine Weile brauchen, bis sie sich in ihrem Charlottenburger Zuhause zurechtfinden. Um die vier Mitbewohner nicht zu sehr zu stressen, machte die WG am Tag des Umzugs offiziell einen Ausflug an den Lietzensee. In der Zeit baute das Umzugsunternehmen schnell alle Betten auf. „Das haben wir logistisch exakt geplant“, sagt Weber. Er ist froh, dass sich nun alles langsam einpendelt.

Ein frisch bezogenes Zimmer in der Senioren-WG.
Ein frisch bezogenes Zimmer in der Senioren-WG.

Die meisten Vermieter nicht mit Senioren-WG einverstanden

Es sei nicht einfach gewesen, eine neue Wohnung zu finden, erzählt Weber. Nach der Kündigung in Zehlendorf haben seine Mitarbeiter mehr als ein halbes Jahr gesucht. Die Bedingungen: Die Wohnung musste groß genug sein, einen Fahrstuhl haben und barrierefrei umbaubar sein. Außerdem durfte sie nicht zu teuer sein, denn die meisten pflegebedürftigen Menschen sind im Alter auf Sozialleistungen angewiesen - da gelten Mietgrenzen. Und dann musste der Vermieter auch noch mit einer Senioren-WG einverstanden sein. „Das waren sie in neun von zehn Fällen nicht“, erzählt Weber. Zwischenzeitlich sei die Suche ganz schön frustrierend gewesen. Umso mehr freut er sich, dass sie nun als Nachmieter eines Botschafters in so zentraler Lage untergekommen sind - das macht es für die Angehörigen leichter, die Bewohner zu besuchen.

Matthias Weber leitet den Pflegedienst Impuls.
Matthias Weber leitet den Pflegedienst Impuls.

Mehr Zeit für die speziellen Bedürfnisse der Bewohner

Es sind vor allem die Angehörigen, die sich für die alternative Wohnform zwischen ambulanter Pflege in der eigenen Wohnung und einem Pflegeheim entscheiden. „Eine Senioren-WG hat viele Vorteile“, erklärt Matthias Weber. Je nach Pflegestufe steht jedem Menschen ein bestimmtes Budget für eine Pflegekraft zu. Wer sich in seinem Zuhause pflegen lässt, kann davon nicht rund um die Uhr betreut werden, in einem Heim hingegen ist es weniger individuell - laut Weber komme eine Pflegekraft auf zwölf Bewohner. „Da bleibt wenig Zeit, um auf speziellen Bedürfnisse und Wünsche einzugehen“, sagt er. In der Senioren-WG werden die Pflegebudgets der einzelnen gebündelt. „So kommt ein Pfleger auf vier Bewohner“, sagt Weber. In drei Schichten ist rund um die Uhr jemand da. Kochen, Putzen, Frühstück, Mittag, Kaffee, Abendbrot, Körperpflege, Einkaufen - das alles erledigen die Altenpfleger in der WG.

Nur Menschen mit Pflegebedarf können aufgenommen werden

Um die Pflegekosten zu decken, kann die WG nur Menschen mit Pflegebedarf aufnehmen. „Es geht nicht anders“, sagt Weber - obwohl er es schade findet. Die aktuelle Wohnungsnot in der Stadt würde eine Mehrgenerationen-Wohngemeinschaft möglich machen: Täglich erhält Matthias Weber mehr als 40 Emails von Flüchtlingen oder Studenten, die einziehen möchten. Je nach Zimmergröße liegt die Miete zwischen 280 und 390 Euro pro Monat - ein Preis, der mittlerweile kaum noch zu finden ist. Nur pflegebedürftige Senioren würden sich selten melden - im Juni zieht eine neue Mitbewohnerin ein, dann stehen immer noch drei Zimmer leer, drei Zimmer für Menschen, die ihren letzten Wohnsitz in der WG finden.

Bei der Mitbewohnersuche entscheiden vor allem die Angehörigen

Bei der Mitbewohner-Suche entscheiden vor allem die Angehörigen, wer hineinpasst und wer nicht. Das ist wichtig. Denn gemeinsam legen sie unter anderem fest, was von den 250 Euro monatlichem Haushaltsgeld, das jeder zusätzlich zur Miete zahlt, besorgt wird. Neben Lebensmitteln, werden davon zum Beispiel Musiktherapie, ein "Gala"-Abo und frische Blumen finanziert. „Das sorgt bei den Angehörigentreffs immer für große Diskussionen“, sagt Weber. Deshalb versucht er, Menschen zu finden, deren Vorstellungen größtenteils miteinander übereinstimmen. Die Mitbewohner selbst sind da entspannter. „Ich komme mit allen gut aus“, sagt Klaus Adam.

Information

Interessenten können sich unter der Telefonummer 030/403 09 90 an die Sozialstation Impuls wenden.