Prostituierte sollen Rocker auf der Flucht unterstützt haben. Zwei der vier Hausdamen inzwischen aus der Haft entlassen. Geschäftsführer weiter inhaftiert. Von Matthias Steube Nach der Razzia im Großbordell Artemis Mitte April in Halensee sehen Ermittler enge Zusammenhänge zu den Rockern des Hells Angels MC und dem sogenannten Wettbüromord-Prozess. So sollen der Kronzeuge im Prozess um einen Mord in einem Weddinger Wettbüro, Karim*, sowie weitere Rocker der Hells Angels Frauen ins Bordell Artemis geschickt haben, die dort für sie Geld verdienten. Neben dem Kronzeugen sollen auch weitere Verdächtige im Fall des Wettbüromordes „ihre Frauen“ zur Prostitution ins Artemis geschickt haben. Darunter auch Rocker, die sich auf der Flucht befinden: So auch Ahmad*, der von den Bandidos zu den Hells Angels übergelaufen war, Ilhami*, der als enger Vertrauter von Rocker-Boss Kadir P. gilt, sowie Aki*, der ebenfalls zur Truppe um Kadir P. gehören soll. Die Ermittler vermuten nach Informationen der Berliner Morgenpost, dass Prostituierte mit dem im Artemis verdienten Geld die Rocker auf ihrer Flucht unterstützen. In einem Wettbüro an der Reinickendorfer Residenzstraße war Tahir Ö., ein Sympathisant der mit den Hells Angels verfeindeten Bandidos, am 10. Januar 2014 mit sechs Schüssen in die Brust getötet worden. Seit November 2014 wird gegen elf Rocker deswegen ein Prozess geführt.

Vorwurf: Steuerhinterziehung in Höhe von 23 Millionen Euro

Bei der Razzia gegen das Artemis hatten 900 Beamte von Polizei, Staatsanwaltschaft, Zoll und Steuerfahndung am 13. April die beiden Geschäftsführer des Artemis, die Brüder S., sowie vier Hausdamen festgenommen. Den Geschäftsführern wird vorgeworfen, Sozialabgaben und Steuern hinterzogen zu haben. Laut Ermittlungsbehörden soll dabei ein Schaden von rund 23 Millionen Euro entstanden sein. Den Hausdamen wird vorgeworfen, Beihilfe geleistet zu haben. Nach Informationen der Berliner Morgenpost sollen nun zwei der vier Hausdamen aus der U-Haft entlassen worden sein. Martin Steltner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, bestätigte auf Anfrage die Haftverschonung gegen zwei Hausdamen. Aufgrund der „Wohnverhältnisse und der sozialen Bindungen“ bestünde keine Fluchtgefahr, begründete Steltner. Die beiden Geschäftsführer befänden sich aber weiterhin in U-Haft.

Beamte von Polizei, Zoll, Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung durchsuchten im April das Großbordell Artemis an der Halenseestraße 32-36, in der Nähe des Bahnhofs Westkreuz Foto: Thomas Schröder
Beamte von Polizei, Zoll, Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung durchsuchten im April das Großbordell Artemis an der Halenseestraße 32-36, in der Nähe des Bahnhofs Westkreuz Foto: Thomas Schröder

Über ihre Anwälte hatten die Brüder am 10. Mai mit einer Unterlassungserklärung von der Staatsanwaltschaft gefordert, nicht länger zu behaupten, das Artemis und die beiden Brüder stünden im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität, Menschenhandel, Ausbeutung von Prostituierten und Gewaltanwendung. Das hatten die Staatsanwälte in der Pressekonferenz am Tag nach der Razzia formuliert. Diese Aussagen der Staatsanwälte sind nach Meinung der Anwälte „stark vorverurteilend“ und liefen dem Grundsatz der Unschuldsvermutung zuwider. So sei es zu einer unzulässigen Verdachtsberichterstattung gekommen. Doch der Generalstaatsanwalt sieht für die Abgabe einer strafbewehrten Unterlassungserklärung keine Veranlassung. Das teilte er dem Medienanwalt der Brüder S. mit Schreiben vom 20. Mai mit. Dennoch werden die Aussagen der Staatsanwälte in der Pressekonferenz Folgen haben. Im Schreiben heißt es weiter: Künftig werde nur noch der dem Generalstaatsanwalt direkt unterstellte Pressesprecher „Auskünfte und Erklärungen gegenüber der Presse in diesen Verfahren abgeben. Er werde dabei „selbstverständlich auf die (…) geforderte und gebotene Sachlichkeit und Zurückhaltung achten“. Rechtsanwalt Ben M. Irle, der die inhaftierten Geschäftsführer vertritt, sieht seine Vorwürfe bestätigt. Er sagte der Berliner Morgenpost: „Damit hat der Generalstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft und deren Behördenleitung einen Maulkorb verpasst und die künftige Kommunikation an sich gezogen. Das betrachten wir als ein deutliches Eingeständnis der vorgeworfenen Verfehlung.“ Da die geforderte strafbewehrte Unterlassungserklärung nicht abgegeben worden sei, behalte er sich weitere rechtliche Schritte vor.

Die Rocker und die Artemis-Frauen

Menschenhandel, Ausbeutung, Gewaltanwendung und direkte Verbindungen zur organisierten Kriminalität, insbesondere zu den Rockern der Hells Angels. Das waren die Schlagworte, mit denen die Staatsanwaltschaft Berlin auf einer Pressekonferenz die Großrazzia Mitte April im Großbordell „Artemis“ begründete. 900 Beamte von Polizei, Landeskriminalamt, Zoll und Steuerfahndung hatten den Bordellbetrieb an der Halenseestraße in Charlottenburg-Wilmersdorf damals durchsucht. Als Kronzeugin, die die Untersuchungen auslöste, gilt der Polizei eine Prostituierte, die sich im März 2015 an die Polizei gewandt hatte, weil sie von ihrem Lebensgefährten, der Hells-Angels-Mitglied sein soll, „schwer malträtiert“ und von ihm zur Prostitution im Artemis gezwungen worden sein soll (siehe Grafik). Gegen dieses Mitglied der Hells Angels, das für Sprengstoffanschläge auf Klubhäuser anderer Rockergruppierungen verantwortlich sein soll, ist Haftbefehl erlassen worden. Gefasst werden konnte der Mann allerdings noch nicht. Ein weiterer Hells-Angels-Rocker, ließ ebenfalls laut den Ermittlern eine Frau für sich im Artemis arbeiten. Bei ihm soll es sich um Karim* handeln, den Kronzeugen im sogenannten Wettbüromord-Prozess. Dabei geht es um einen Mord in einem Wettbüro an der Reinickendorfer Residenzstraße. Dort war Tahir Ö., ein Sympathisant der mit den Hells Angels verfeindeten Bandidos, am 10. Januar 2014 mit sechs Schüssen in die Brust getötet worden. Von der Tat hatte die Polizei ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie 13 maskierte und vermummte Männer das Wettbüro stürmen. Im Herbst 2014 begann dann der Prozess in diesem Fall. Eine Reihe von Rockern sitzt derzeit deshalb immer noch in Untersuchungshaft. Erst im Februar dieses Jahres hatte die 15. Große Strafkammer den Beschluss zur Fortdauer der Haft für sie verkündet. Zu ihnen gehört auch Ilhami*, auch er soll laut Polizei eine Prostituierte aus dem Artemis für sich arbeiten lassen haben.

Prostituierte sollen Rocker auf der Flucht mit Geld versorgt haben

Und schließlich gehören zu den Rockern, die möglicherweise ebenfalls in den Mord im Wettbüro verwickelt sein sollen, laut Polizei auch Ahmad* und Aki*. Beide sollen sich allerdings auf der Flucht befinden. Und bei beiden gehen die Ermittler davon aus, dass Prostituierte aus dem Artemis mit dem dort verdienten Geld die Flüchtenden unterstützt haben sollen. Ob freiwillig oder gezwungen, bleibt dabei unklar.

So sehen Ermittler die Beziehungen zwischen Hells Angels und Prostituierten im Großbordell. BM Infografik
So sehen Ermittler die Beziehungen zwischen Hells Angels und Prostituierten im Großbordell. BM Infografik

Auch eine der noch in Untersuchungshaft sitzenden Hausdamen aus dem Artemis soll laut Ermittlern in Beziehung zu den Hells Angels stehen. Wie genau diese Beziehung aussehen soll, ist noch unklar. Außerdem gebe es Verbindungen von Rockern und Prostituierten aus dem Artemis zu einem Nachtclub an der Oranienburger Straße in Mitte, so die Ermittler.

Frauen sollen "Besitz"-Tattoos tragen und einzelnen Rockern zugeordnet werden können

Nach Informationen der Berliner Morgenpost konnten die Polizisten die Prostituierten aufgrund von Zeugenaussagen und aufgrund von Tattoos den einzelnen Rockern zuordnen. Denn angeblich gibt es Hinweise darauf, dass einige Frauen Tätowierungen mit dem Schriftzug „property of“ (Besitz von) und dem jeweiligen Namen eines Rockers tragen. Ein großes Fragezeichen steht aber hinter der Frage, inwieweit die beiden Geschäftsführer in Beziehungen zu Rockern der Hells Angels standen. Nach der Durchsuchung des Großbordells hatte es von Seiten der Staatsanwaltschaft geheißen, dass die Aktion auch stattfand, weil es einen Bezug zur Organisierten Kriminalität gebe. Allerdings ist unklar, ob die Geschäftsführer des Artemis direkt in Geschäftsbeziehungen zu den Hells Angels standen, oder ob die Rocker versucht haben, den Club zu übernehmen.

Schon im Jahr 2013 gab es Hinweise auf Rocker

Nach Informationen der Berliner Morgenpost war es einer der in U-Haft sitzenden Betreiber des Artemis selbst, der bereits im Jahr 2013 der Polizei den Hinweis darauf gab, dass Frauen aus dem Club in Verbindung zur Rockerszene stehen. Damals hatten Beamte der 13. Einsatzhundertschaft in Zivil das Bordell in Halensee aufgesucht. In einem Informationsgespräch hatte einer der Betreiber des Artemis nach Informationen der Berliner Morgenpost gesagt, dass die Vermutung bestünde, dass zehn bis 15 Damen den Mitgliedern des Hells Angels MC zuzuordnen sind und dass die Damen für diese Mitglieder dort anschaffen gehen. Die Polizei wollte sich zu den Rechercheergebnissen der Berliner Morgenpost nicht äußern. Silvin Bruns, Unternehmensrechtler und einer der Anwälte des Artemis, sagt: „Die Betreiber des Artemis haben sich stets von kriminellen Gruppierungen distanziert.“ Er hält die Vorwürfe im Haftbefehl „alle nicht für zutreffend“. Bei den bis zu 125 Prostituierten, die täglich im Artemis arbeiteten, seien die wesentlichen Kriterien der Selbstständigkeit erfüllt. Er bestätigt, dass es nach den vorliegenden Unterlagen kurz vor Beginn der Ermittlungen zwei „dubiose Kaufangebote“ gegeben habe. Sie seien von einem Russen, im anderen Fall von einer Schweizer Investmentgesellschaft abgegeben worden. „Diese waren dermaßen unprofessionell gestaltet, dass bei den Betreibern schnell der Verdacht eines kriminellen Hintergrunds aufkam“, so Bruns. Sie hätten die Anfragen deshalb an das Landeskriminalamt weitergeleitet. *Namen von der Redaktion geändert