Stolpersteine sind wie Begräbnisse ohne Gräber

Künstler Gunter Demnig hat diese Woche vor vielen Häusern neue Stolpersteine verlegt.

Künstler Gunter Demnig hat diese Woche vor vielen Häusern neue Stolpersteine verlegt. Zu einigen der Zeremonien reisten sogar Verwandte der Toten aus USA an. Von Anja Meyer Als der rote Transporter in zweiter Reihe vor der Schöneberger Hohenstaufenstraße 36 hält, geht alles ganz schnell. Gunter Demnig steigt aus, er trägt Handwerkerkluft und einen großen, grauen Hut. In den Händen hält er zwei Eimer mit Werkzeugen, mit gesenktem Kopf steuert er an der wartenden Menschentraube vorbei zum Haus. Sein Assistent trägt noch mehr Eimer hinterher. Ein Blick zur Eingangstür, noch ein kleines Stück nach rechts. Passt! Jetzt steht Demnig genau vor der Mitte des Hauseingangs. Der 68 Jahre alte Künstler geht in die Knie. Sekunden später landet sein Spachtel in den Ritzen der Pflastersteine. Schon hat er sie herausgehebelt. Reine Routine.

Europaweit 57.000 Stolpersteine verlegt

Gunter Demnig verlegte am 10. Mai 1996 offiziell die ersten 31 Stolpersteine in der Kreuzberger Oranienstraße. Heute hat er europaweit mehr als 57.000 Steine verlegt, davon etwa 6000 in Berlin. Die kleinen, quadratischen Platten aus Messing sind in der Nazizeit verfolgten Menschen gewidmet. Sie waren Juden, Homosexuelle oder Widerstandskämpfer, nun soll auch Zwangsarbeitern gedacht werden. Die Steine erinnern vor dem letzten, freiwillig gewählten Wohnsitz der Verfolgten an ihr Schicksal.

Messingtafel mit einem Tuch blank geputzt

Demnig nimmt zwei neue Stolpersteine aus dem Eimer und legt sie auf den frisch freigelegten Sand. Ein paar Schläge mit dem Hammer, dann gießt er Zement über die Lücken, danach Wasser aus der Gießkanne. Er streut Sand drüber und wischt das Messing mit einem Tuch blank, fertig. Jetzt ist die Schrift auf den beiden Steinen klar erkennbar: Hier in dem Haus mit der Nummer 36, an dessen Wand auch eine Gedenktafel für den Journalisten Egon Erwin Kisch angebracht ist, wohnten Karl und Wilhelmine Italiener. Karl Italiener emigrierte 1939 nach Holland und wurde dort am 25.11.1941 deportiert. Er starb im Jahr darauf in Mauthausen. Seine Frau wurde am 30.08.1941 in eine psychiatrische Klinik für Juden in Bendorf-Sayn bei Koblenz eingewiesen. Von dort wurde sie am 22.3.1942 deportiert und in Izbica (Polen) ermordet.

Auf Demnig warten noch viele Menschen

Demnig steht wieder auf und geht zu seinem roten Transporter. Er hat keine Zeit, selbst weiter zu gedenken. Das Einsetzen der Steine hat nicht einmal 15 Minuten gedauert, Demnigs Tag beginnt an diesem sonnigen Vormittag gerade erst. Auf ihn warten noch mehr Menschen vor Häusern - in Friedenau und Charlottenburg wird er weitere Stolpersteine verlegen. In der Hohenstaufenstraße lässt er mehr als 20 Menschen zurück, viele von ihnen halten Rosen in den Händen. Sie legen sie nacheinander nieder.

Eine von ihnen ist Rhian Beutler. Sie geht als erste zu den Stolpersteinen, bleibt eine Weile stehen bis sie ihre Blumen ablegt. Die 30 Jahre alte Amerikanerin sieht bewegt aus, sie ist mit dem Ehepaar Italiener entfernt verwandt und extra aus ihrem Heimatland Kalifornien angereist. Karl Italiener war der Bruder von Rhian Beutlers Urgroßmutter Käthe Beutler, einer jüdischen Kinderärztin aus Charlottenburg, die 1935 in die USA emigrierte und 1996 starb. Für sie verlegte Gunter Demnig im Februar einen Stolperstein vor ihrem Haus am Theodor-Heuss-Platz. Da war Rhian Beutler zum ersten Mal in Berlin.

"Immer Angst herzukommen"

„Ich hatte immer Angst herzukommen“, sagt Rhian Beutler. Nun aber merke sie, dass Berlin nicht so bedrückend sei, wie sie es sich immer vorgestellt hat. Die Stolperstein-Aktion nennt sie „wahnsinnig wichtig“, sie habe dadurch viel nachgedacht über das Schicksal aller verfolgten Juden. Rhian Beutler ist mit der Familiengeschichte aufgewachsen, schon als Siebenjährige wusste sie viel über den Holocaust. Erzählt hat es ihr die Urgroßmutter Käthe Beutler selbst, bis zu ihrem Tod war der Kontakt eng.

Die Urgroßmutter hat von ihrem Leben in Berlin berichtet

„Wir nannten sie Mutti“, erinnert sich Rhian Beutler. „Mutti“ habe oft von ihrem Leben in Berlin berichtet und hatte ein dickes Buch mit den Namen ermordeter Juden im Regal stehen, erzählt die junge Frau. Darin zeigte sie ihr den Eintrag ihres Bruders Karl, er war Wirtschaftsprüfer. Seine Frau sei Zwangsneurotikerin gewesen und deshalb in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden, viel mehr weiß Beutler nicht über die beiden Menschen, zu deren Begräbnis ohne Grab sie tausende Kilometer weit angereist ist.

Bestellungen für Stolpersteine von Angehörigen oder Nachbarn

Auch Ursula Renner vom Schöneberger Arbeitskreis Stolpersteine konnte über das Ehepaar nicht viel mehr herausbekommen. Bei ihr gehen die Bestellungen für Stolpersteine aus dem Bezirk ein - meistens kommen sie von Angehörigen oder Menschen aus der Nachbarschaft, die feststellen, dass in ihrem Haus einst Verfolgte lebten. Sie werden dann ehrenamtliche Paten der Steine.

Verwandter des Ehepaars Italiener erhielt Nobelpreis

Im Falle des Ehepaars Italiener bestellten Charité-Mediziner die Steine zu Ehren von Bruce Beutler, der 2011 den Nobelpreis für Medizin erhielt und mit dem Ehepaar Italiener verwandt ist. Deshalb gehören viele der Anwesenden bei der Stolpersteinverlegung zum Graduiertenkolleg der Charité. Die Bestellung ging im Januar ein, dass die Steine jetzt schon verlegt wurden, ist eine Ausnahme. Weil der Stolperstein für Karl Italieners Schwester Käthe Beutler schon im Boden liegt, ging es schneller.

Demnig nur noch vier Mal im Jahr in Berlin

„Bis ein Stolperstein im Boden ist, kann es bis zu zwei Jahre dauern“, sagt Ursula Renner. Der Künstler Gunter Demnig hat seine Verlegungen in Berlin limitiert, er ist eigentlich nur noch viermal im Jahr da. Weil die Wartelisten so lange waren, ist er an diesem Donnerstag zu einer Sonderverlegung nach Berlin gekommen. Laut Ursula Renner werden die Steine der Verfolgten bevorzugt, deren Angehörige noch leben. „Die meisten sind mehr als 70 Jahre alt“, erzählt Renner. „Für sie hat diese Art Begräbnis etwas Tröstendes, etwas Abschließendes.“

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