Die historische Kantgarage gilt als Zeugnis des Aufbruchs in die Ära des Automobils. Sie hat einen neuen Eigentümer. Der hat womöglich einen großen Plan. Von Thomas Schubert Für Laien ist sie eine der schäbigsten Bauruinen der westlichen City. Doch aus Sicht ihrer Fans gilt sie als bedeutendes Zeugnis des Aufbruchs in die Ära des Automobils: die historische Kantgarage hat einen neuen Eigentümer. Wie ein Trauerflor bedeckt das schwarze Netz die Fassade. Darunter: bröckelndes Mauerwerk, von Abgasen jahrzehntelang geschwärzt. Ein Anblick wie nach dem Krieg. Die Kantgarage, erbaut im Jahre 1930 und heute als eine der letzten erhaltenen Hochgaragen dieser Ära weltweit beinahe einzigartig, schien dem Tod geweiht. Antrag auf Abriss durch die Eigentümerfirma Pepper. Abgelehnte Bescheide durch Behörden. Es war ein jahrelanges bürokratisches Armdrücken. Bis Pepper jetzt offenbar die Geduld verlor. Die Kantgarage, das Schandmal mit der Adresse Kantstraße 126-127, ist verkauft. So ließ Baustadtrat Marc Schulte (SPD) nun durchsickern. Und an wen? Das bleibt vorerst geheim. „Ich bin verhalten optimistisch“, sagte Schulte angesichts des Verkaufs. „Denn die Informationen, die uns vorliegen, lassen hoffen, dass eine denkmalgerechte Sanierung in Aussicht stehen könnte.“ Eben das wäre die Lieblingslösung des Bezirks, der Denkmalschützer und erst recht der „Initiative zur Rettung der Kant-Garagen“ um Andreas Barz. Vorträge, Planungsworkshops und öffentliche Diskussionen gab es in den letzten Jahren in regelmäßiger Folge. Zuletzt hieß es sogar, man wolle versuchen, eine Genossenschaft zu gründen und das umstrittene Bauwerk selbst kaufen. Das Ziel: Eine Nutzung des Denkmals gemäß seiner Bestimmung. Ideen gab es dutzende. Was fehlte, war das Geld. Oder ein Eigentümer, der die gleichen Interessen hat wie die Fans.

Warum sollten Automobilhersteller die Garage nicht als Repräsentanz nutzen können? Warum sollte sie Oldtimer-Freunden nicht als Veranstaltungsstätte und nostalgischer Abstellplatz für ihre Schätze dienen? Wäre dies nicht der ideale Standort für Start-ups? Oder eine Schaubühne der Elektromobilität? So sehr der Wunsch wuchs, die Kantgarage als symbolische Rampe zwischen Vergangenheit und Zukunft zu verwenden, so klein waren die Aussichten auf Umsetzung. Die Visionen, sie versandeten. Und so bröckelt die Garage weiter vor sich hin. Eine Tankstelle, eine Werkstatt und einige Kleinunternehmer haben sich im Inneren eingenistet. Zwar möchte sich namentlich niemand zur Situation äußern, doch so viel steht fest: Die Verträge laufen nur noch bis Ende des Jahres. Und die Mieter wurden von Pepper per Post über den Eigentümerwechsel informiert. „Ansonsten wissen wir nüscht“, bedauert ein Mechaniker.
In dunklen Winkeln blitzt teures Blech
Wer sich im Inneren umschaut, riecht altes Öl, steigt über Nachtlager von Obdachlosen. Man bemerkt, dass sich diese Ruine in reger Zwischennutzung befindet. Etliche der 300 Einzelgaragen sind an Privatpersonen und Firmen vermietet. In dunklen Winkeln blitzt teures Blech. Vorne kriecht der Verkehr Richtung Gedächtniskirche, hinten heulen die S-Bahnen dicht vorbei an der aufwendigen Vorhangfassade. Einer gläsernen Haut, die in den 30er-Jahren als Innovation galt. Dahinter verbirgt sich auch die doppelgängige Wendelrampe, konstruiert von Bruno Lohmüller, Oskar Korschelt und Jakob Renkerin. Der Clou: Auf- und abfahrender Verkehr rollt spiralförmig über getrennte Rampen, ohne sich zu begegnen. Ein Unikum. Und einer von vielen Gründen, weshalb Autoenthusiasten für den Erhalt der Garage kämpfen. Ob sie am Ende die Sieger sind? Wer auch immer der neue Investor sein mag. Er hat es jetzt in der Hand.

