Rita Preuss ist Malerin, ihr Berlin ist das zwischen Kudamm und Kaiserdamm. Jetzt wird sie 90. Ein Atelierbesuch. Von Jan Draeger Manchmal sitzt sie abends mit der Kaiserin vor dem Fernseher. Rita Preuss hat einen Krimi eingeschaltet. In ihrem Rücken hängen Bilder von Sanssouci, die Römischen Bäder und der Sizilianische Garten. Sie zeigen Stationen der Victoria von Preußen und gehören zu einem 25 Bilder umfassenden „Vicky-Zyklus“. Preuss mag die damals von vielen am preußischen Hof als zu fortschrittlich empfundene Frau. Sie hat sich im 19. Jahrhundert für den „Verein der Berliner Künstlerinnen 1867“ eingesetzt und war „vor allen Dingen selbst eine gute Malerin“. Malen. Das ist auch Rita Preuss’ Leidenschaft. Dafür hat sie gekämpft. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als sie unbedingt auf die Hochschule der Künste wollte, hat ihr Onkel sie angefahren: „Du bist verrückt. In einer Zeit, wo es nichts zu essen gibt. Kümmer dich mal lieber um deine Familie.“ Sie konterte: „Ich werde nie an deiner Tür um ein Stückchen Brot betteln. Aber eines Tages komme ich mit einem VW und einem Persianermantel.“ Sie hat es geschafft. Rita Preuss ist Malerin geworden. Ein Porträt verführt einen Schreiber oft dazu, Wörter wie „berühmt“ oder „große Künstlerin“ einzuflechten. Doch das trifft auf Rita Preuss nicht zu zu. Sie war und ist eher im Kleinen groß. In ihrem Leben musste sie oft kämpfen und Ausdauer beweisen. Das Geld war knapp früher, das Atelier blieb manchmal unbeheizt, aber aufgeben wollte sie nicht. Sie ist Meisterschülerin von Max Pechstein. Der Galerist und Kunsthändler Wolfgang Gurlitt – ein Onkel des vor einem Jahr in die Schlagzeilen gekommenen Sammlers Cornelius Gurlitt – hat sie ermuntert und ihr in schwieriger Zeit einen wegweisenden Rat gegeben. Ihre Bilder können Geschichten erzählen. Von Berlin, wie es war und ist. Denn sie hat diese Stadt fast ein Jahrhundert erlebt. Das Willy-Brandt-Haus wird ihr vom 1. November an an eine Ausstellung widmen. Außerdem erscheint ein großes Buch über sie, es heißt „Berlin ist meine Mitte“ (Nicolai Verlag, 175 Seiten, 24,95 Euro) . Ihr Berlin. Das liegt weitgehend zwischen Kurfürsten- und Kaiserdamm.

Die Kraft reicht noch für vier bis fünf Stunden

Am 31. Oktober wird sie 90 Jahre alt. Es ist schwer, sagt sie, wenn die schöpferische Kraft noch da ist, aber die körperliche langsam nachlässt. Hat sie sich früher noch morgens mit der Kaffeetasse an die Staffelei gestellt, beginnt sie jetzt erst mittags. Für vier bis fünf Stunden reicht die Kraft noch. Gerade arbeitet sie an Bildern über den Savignyplatz, der vor ihrer Haustür liegt. Was sie dort beobachtet, sei ja ganz anders als in ihrer Jugendzeit. Junge Väter kümmern sich um ihre Kinder. Ihr eigener Vater floh dagegen einmal in ein anderes Abteil, als sie und ihre Geschwister bei einer Zugfahrt anfingen zu schreien. Ihre Mutter sollte es regeln. Das sei heute nicht mehr drin. Väter kümmern sich mittlerweile teilweise mehr als die Mütter, hat sie beobachtet. Rita Preuss’ Vater war Schriftsetzer. Er wäre gern Maler geworden, musste aber dann in der Druckerei des Stiefvaters anfangen. Seine Tochter ermunterte er oft, den Zeichenblock in die Hand zu nehmen. Sie kam aus dem einfachen Mittelstand. In den Haushalten ihrer Schulfreundinnen am Kaiserdamm gab es dagegen einen Chauffeur, hing große Kunst an den Wänden und man hörte Klassische Musik. Das inspirierte sie. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, waren die Freundinnen auf einmal weg. Vielen dieser jüdischen Familien gelang noch rechtzeitig die Ausreise.

Im Krieg ist keine Zeit für Talente

Die 18-jährige Rita Preuss fängt 1942 bei Siemens im Konstruktionsbüro an. Auf eine weiterführende Schule will ihr Vater sie nicht schicken. Es ist Krieg, es ist keine Zeit für Talente. Trotzdem erkennt ihr Chef im Konstruktionsbüro, dass in seiner jungen Angestellten mehr steckt. „Ihre Begabung liegt auf einer anderen Seite. Und zwar auf der der freien Malerei. Ich kann das beurteilen, ich bin den umgekehrten Weg gegangen“, erklärt er ihr. Nach der Arbeit besucht sie Kurse, malt Porträts und Akte. Auch dort ist ihr Dozent angetan. Er fragt sie, ob sie schon einmal Unterricht gehabt hätte. „Ich sagte: ,Nein’. Was ihn ziemlich verblüfft hat.“ In den letzten Kriegstagen stirbt ihr Vater. Es ist so grausig und nah, dass sie die Bilder zeitlebens in Erinnerung behalten wird. Und selbst jetzt, als sie in ihrer Wohnung den Kaffee einschenkt und erzählt, scheint sie noch mit den Tränen zu ringen. Zum Volkssturm war er noch eingesetzt worden. Als der sich auflöst und Berlin schon fast fest in russischer Hand ist, kommt er zurück in die Familienwohnung in der Bleibtreustraße und erklärt, dass ihm nichts passieren könne. Dann wird das Haus aber doch vom Geschoss einer Stalinorgel getroffen. Der Vater steht gerade in der Küche, es reißt ihm den Magen weg. Die Mutter und die Kinder schleppen ihn in ein nahe liegendes Lazarett, es ist zu spät. Nach drei Stunden stirbt er.

"Mädchen, buddeln Sie Ihren Vater ein"

Und doch muss in dem kollabierenden Berlin die Bürokratie noch funktionieren. Der Sanitätsarzt verlangt nach einem Totenschein. Die Tochter soll ihn in einem Polizeirevier holen, der Reviervorsteher meint nur: „Mädchen, buddeln Sie Ihren Vater ein.“ Der Weg zurück dauert viereinhalb Stunden. Rita versteckt sich vor den Geschossen hinter Straßenbahnschienen. Zu Hause schaufelt sie dem Vater ein Grab vor dem Küchenfenster. Tage später, die Russen haben Berlin erobert, muss sie ihn wieder ausgraben – wegen Seuchengefahr. Erst dann ist der Spuk vorbei. Auch die neue Zeit bringt Not. Man muss erfinderisch sein, um zu überleben. Rita Preuss fertigt aus Stahlhelmeinlagen Gürtel an. Mit einer Sonderbewilligung kann sie damit sogar eine Art Gewerbe anmelden. Doch da war noch was anderes in ihrem Kopf. Die Malerei. Jetzt sieht sie keine Hindernisse mehr, und trotz familiärer Ermahnungen meldet sie sich bei der Hochschule der Künste an. Ihre männlichen Kommilitonen sind ehemalige Soldaten. „Sie gingen mehr oder weniger in die Pädagogik rein. Ich wollte aber in die freie Malerei.“ Es war, sagt sie, trotz allem eine sehr schöne Zeit. „Keine Bomben mehr, und wir waren ausgehungert nach Kultur.“

1952 fordert sie Max Pechstein ein

Der Unterricht in den ersten Jahren findet kaum an der Schule statt, weil die noch weitgehend zerstört ist. So treffen sich die Studenten in Privatwohnungen, jeder bringt ein Stück Holz oder Kohle zum Wärmen mit. Der Professor selbst geht von Wohnung zu Wohnung und erklärt den jungen Menschen, was sie anders machen müssten. Von abstrakter Kunst hält Professor Maximilian Debus nicht viel. Erst mal müsse man an die Wurzeln. Ganz realistisch, fast fotografisch arbeiten. Debus ist Bauhaus-Schüler, zu Rita Preuss sagt er: „Was wollen Sie mit Farbe, bleiben Sie beim Schwarz-weiß.“ Ihr nächster Professor, Willy Robert Huth, verlangt dann auf einmal nach Farben. Als Rita Preuss daraufhin verzweifelt und schon die Malerei aufgeben will, sagt er launisch: „Besaufen Sie sich und dann malen Sie. Sie sind vollkommen verklemmt.“ Da sie ein Stipendium bekommt, muss sie nach jedem Semester eine Prüfung ablegen. 1952 kommt Huth auf sie zu und sagt, dass Max Pechstein sie angefordert habe. Was für eine Auszeichnung. Pechstein ist eine Koryphäe, Mitglied der expressionistischen Künstlergruppe „Die Brücke“ gewesen. Huth rät ihr zwar, bei ihm zu bleiben, aber Preuss folgt dem Ruf des berühmten Professors. Er wird für sie eine Vaterfigur. Als sie einmal nicht malen kann, oder wie sie sagt, „ich hatte nicht immer einen glücklichen Pinsel“, meint er nur: „Warte ab, Kindchen, das sind kosmische Störungen.“

Ein Atelier wie ein Karienvogelbadehäuschen

Nach 13 Semestern verlässt Preuss die Hochschule und nimmt sich ein Atelier in der Friedenauer Odenwaldstraße. Von der Größe gleicht es allerdings eher einem „Kanarienvogelbadehäuschen“. Hier entsteht eines ihrer schönsten Bilder, „Die blaue Stunde“. Der Blick aus dem Fenster zeigt die ganz eigene Friedenauer Stimmung. Ihre Arbeitsweise ist bis heute: „verschiedene Dinge aufnehmen, vergessen und dann was neues machen“. So entsteht die ganz eigene Preuss’sche Abstraktion. Doch das Geld fließt nicht so, um mit dem angekündigten Persianermantel und VW beim Onkel aufzutauchen. Am Tage malt sie im Atelier, am Abend verdient sie das Geld, indem sie Modepuppen koloriert und Werbegrafiken anfertigt. Einmal in der Woche kann sie sich bei einem „Künstlerfreitisch“ satt essen. Wird es ihr zu kalt in ihren vier Wänden, flüchtet sie in die Werkstatt eines Tischlers ein paar Häuser weiter. Als sie 1959 eine Ausstellung in München bei Wolfgang Gurlitt hat, fragt sie ihn: Was kann eine Malerin machen, um sich anständig durchs Leben zu schlagen? „Sie haben zwei Möglichkeiten“, sagt Gurlitt. „Sie können ins Lehramt gehen, davon würde ich Ihnen abraten. Gehen Sie in die angewandte Kunst. Da Sie eine ausgesprochen dekorative Begabung haben, werden Sie es schaffen.“

Sie lernt ihren Ehemann bei einem Unfall kennen

In den kommenden Jahren entstehen viele Kunstwerke an Berliner Bauten von Rita Preuss. Wie etwa die Wandtafeln an einer Turnhalle in der Reichenberger Straße oder das zwölf Quadratmeter große Mosaik aus Murano-Glas für die Nordschule in Zehlendorf. Sie entwirft auch Arbeiten für Krankenhäuser und Seniorenheime. In Deutschland wird diese Kunstform immer als etwas zweitrangig belächelt, in Frankreich und Italien wird sie aber als gleichwertig mit der Freikunst angesehen. 1962 will sie einige ihrer Bilder einer Kunsthändlerin in Frankfurt am Main zeigen. Da das Geld knapp ist, vermittelt ihr eine Freundin eine Mitfahrgelegenheit. Der Mann am Steuer ist Pelzhändler, 17 Jahre älter und heißt Bruno Wellmann. Auf der Höhe von Alsfeld in Hessen fährt vor ihnen ein Laster Slalom, Wellmann reißt seinen Wagen rum und kommt von der Straße ab. Das Auto überschlägt sich, die Insassen überleben knapp. Preuss hat einen Schädelbasisbruch, wie auch Wellmann muss sie mehrere Wochen im Krankenhaus liegen. Die beiden kommen sich näher, verlieben sich und heiraten zwei Jahren nach dem Unfall.

Die Künstlerin mit einem kochtopf auf dem Kopf

Dass ihr Mann finanziell gut abgesichert war, beschert Rita Preuss ein neues Leben. „Er stand vollkommen hinter mir. Ich konnte frei arbeiten, hatte nicht mehr die Pflicht, Brötchen zu verdienen.“ So kann sie sich auch wieder ihrer eigentlichen Leidenschaft, der Porträtmalerei zuwenden. In den 80er-Jahren entstehen zeitgeistlastige Bilder wie das einer jungen, zornigen Punkerin. Preuss hat sie in einem Bus in der Kantstraße beobachtet, wo sie so sehr randalierte, dass der Fahrer sie schließlich rausschmiss. Auch Selbstporträts malt sie, die Künstlerin mit einem Pinselkranz oder einem Kochtopf auf dem Kopf und einem Petersilienstängel im Mund. Es ist die Zeit, wo sie stark ans Haus gefesselt ist. Ihr Mann, fast 90 Jahre alt, braucht Hilfe, die Nachwirkungen des Unfalls aus den 60er-Jahren sind auch noch da. Sie malt ihn oft in den letzten Jahren, bis zu seinem Tod. Ein großes Porträt hängt heute im Wohnzimmer. Wenn sie vom Fernseher aufsieht, kann sie ihn durch den Türspalt sehen. In den letzten Jahren hat sie ihr Berlin gemalt. Das Brandenburger Tor, den Spreebogen, die Oberbaumbrücke. Nie so wie es ist, es soll ja keine Postkarte sein, immer mit einer kleinen feinen Abstraktion. Mit fast 90 schließt sich der Berliner Kreis in ihrem Leben. Für das, was sie jetzt macht, hat sie nur ein Wort: Heimatgefühl.