In einer tarnfarbenen Jacke sitzt Miroslav Snejdr, Mitglied der Neofolk-Band „Herr Lounge Corps“, vor einem Keyboard. Im Hintergrund hängt eine schwarze Sonne, ein Erkennungszeichen und Symbol der rechtsextremen Szene. Ursprünglich sollten Snejdr und die ebenfalls umstrittene Band „Death in Rome“ nächsten Mittwoch auf dem Friedrichshainer RAW-Gelände im „Urban Spree“ auftreten, wo in der Regel queere und alternative Veranstaltungen stattfinden. Rechte Bands in einer linksalternativen Location? Das Konzert wurde nun vom Veranstalter abgesagt, wie der Tagesspiegel zuerst berichtete. Eine der Bands hat sich zu der Entscheidung geäußert und zeigt sich erschüttert.
Amadeu Antonio Stiftung: Neofolk-Bands verharmlosen rechtsextreme Ideologie
„Die Neofolkszene ist grundsätzlich sehr gemischt“, erklärt Robert Lüdecke, Rechtsextremismus-Experte bei der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin. „Einige Bands sind eindeutig rechtsextrem, andere Gruppen eher im Graubereich.“ Letztere würden geschickt mit einer nationalsozialistischen Ästhetik spielen, was dann häufig als Provokation gerechtfertigt werde. „Es ist allerdings eine Verharmlosung“, kritisiert Lüdecke.
Zu den Bands, die spielerisch mit problematischen Symbolen umgehen, gehören „Herr Lounge Corps“ und „Death in Rome“. „Da reicht ein Blick auf die Webseite, wo Runen der Nazis verwendet werden.“ Auf den Konzerten tummele sich dann ein Publikum, dass mit dieser Ästhetik und der Ideologie liebäugelten.
Tatsächlich findet sich bei den kritisierten Bands einiges an NS-Symbolik. Miroslav Snejdr von „Herr Lounge Corbs“ ist gleichzeitig Mitglied in der Neofolk-Band „Death in June“, deren Sänger laut Tagesspiegel vorgeworfen wird, ein Verehrer des SA-Chefs Ernst Röhm zu sein. Er trete regelmäßig in Tarnuniform der SS auf. Zudem sei das Album der Band „Rose Clouds of Holocaust“ auf dem Index gelandet.
„Death in Rome“: Song mit Klaus Barbie auf Cover ist feministisch gemeint
Auch der andere für Mittwoch geplante Act ist umstritten. „Death in Rome“ hat eine Cover-Version des 90er-Jahre-Hits „Barbie Girl“ veröffentlicht. Auf dem Cover ist der nationalsozialistische Kriegsverbrecher Klaus Barbie zu sehen. Nur Provokation oder Bekundung der eigenen Gesinnung? „In dem Song geht es um faschistoide Tendenzen in der Pop-Musik“, wehrt sich Band-Mitglied Vincent Craine (Künstlername) auf Anfrage der Berliner Morgenpost. „Barbie Girl ist der blödeste Song aller Zeiten. Mit Klaus Barbie schaffen wir eine neue Ebene. Es geht darum, sich einem Peiniger zu unterwerfen, was ein Schaudern schafft.“ Es sei ein feministisches Lied. „Wer das nicht versteht, dem ist nicht zu helfen.“
Seine Band sei geschockt von der Absage des Konzerts durch den Veranstalter „aufnahme + wiedergabe“, nachdem die Veranstaltung am Donnerstagmittag nicht mehr auf der Webseite des „Urban Spree“ zu finden war. „Urban Spree hat zu viele Spam-Nachrichten erhalten“, erklärt Craine. „Wir stehen eigentlich für das Gegenteil, was uns vorgeworfen wird, und wissen nicht, wie wir reagieren sollen. Wir haben uns mehrfach und sehr deutlich gegen jegliche rechte Tendenz gestellt.“ Das Konzept der Band liege darin, „einerseits die Neofolk Szene auf die Schippe zu nehmen und offen rechte Bands zu persiflieren und andererseits legen wir mit unseren Covern vorhandene faschistoide Tendenzen in der Popmusik offen.“ Bislang habe sich die Band nie dem Vorwurf ausgesetzt gesehen, rechts oder rechtsoffen zu sein.
Band ging mit Anwalt gegen Vereinnahmung durch Rechts vor
Eine Ersatzlocation sei bislang nicht gefunden worden. Nächste Woche geht es für die Band weiter nach Polen – Berlin habe auf der Durchfahrt gelegen –, wo sie die meisten Fans hätten und wo Crains Ansicht nach nie eine rechtsextreme Band auftreten könnte. Gegen die Vereinnahmung ihrer Musik durch rechte Identitäre sei die Band bereits rechtlich vorgegangen. Auch der persönliche Hintergrund Craines spreche gegen den Vorwurf: „Ich bin selbst Tscheche und stehe eigentlich auf der Opferseite der Geschichte“, sagt er mit Blick auf die nationalsozialistischen Verbrechen in seinem Herkunftsland. „Meine Großmutter hatte in Brünlitz mit Oskar Schindler zu tun.“
Die Absage des Konzerts hat auch auf politischer Ebene Reaktionen hervorgerufen. „Friedrichshain-Kreuzberg steht für Vielfalt, Weltoffenheit und Toleranz. Rechter Hetze, Rassismus, Antisemitismus und jeder anderen Form von Menschenfeindlichkeit darf keine Bühne geboten werden!", sagt Clara Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg. Sie lobt die Zivilgesellschaft für ihren Einsatz, sich gegen die "rechte Hetze" gestellt zu haben und sieht jeden Einzelnen gleicherweise in der Pflicht, rechtem Gedankengut keinen Platz zu lassen. "Kunst, Kultur und Musik haben ein besonderes Potential, Menschen zu erreichen, umso wichtiger ist es, diese Energie dafür zu nutzen, ein solidarisches Miteinander zu stärken."


