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Wegen Suchthilfe-Kündigung: Kreuzung Friedrichstraße besetzt

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Patrick Goldstein
Die besetzte Kreuzung

Die besetzte Kreuzung

Foto: Patrick Goldstein

Rund 150 bis 200 Demonstranten besetzten am Montagmittag die Kreuzung Friedrich-/Kochstraße.

Die Kreuzung Friedrich-/Kochstraße war am Montagmittag kurzzeitig gesperrt. Der Protest in Kreuzberg wurde zuvor polizeilich angemeldet und dauerte mehrere Minuten. Hintergrund ist, dass die Ambulanz für Integrierte Drogenhilfe an der Kochstraße zum Jahresende aus ihren Räumen ausziehen muss.

Teilnehmer waren Mitarbeiter des Trägers Notdienst für Suchtmittelgefährdete und -abhängige Berlin e.V. sowie Patienten der Ambulanz. Rund 350 Süchtige erhalten dort täglich ein Substitut für Heroin. Notdienst-Geschäftsführer Michael Frommhold erklärte vor den Demonstranten, die zukünftigen Koalitionsparteien seien jetzt aufgefordert, neue Räume anzubieten. Gemäß Absprache mit der Polizei beendeten die Demonstranten nach fünf Minuten die Besetzung. Es kam zu keinen weiteren Zwischenfällen.

Verdrängung: Hauseigentümer ist die Malteser Stiftung

Hintergrund der Proteste ist, dass Berlins älteste und größte Substitutionsambulanz, die seit fast 20 Jahren nahe dem Checkpoint Charlie an der Kochstraße arbeitet, im kommenden Jahr ausziehen soll. Ende 2021 läuft der Mietvertrag im Geschäftshaus aus. Der Notdienst sucht seit einem Jahr neue Räume. Vergeblich. Geschäftsführer Frommhold sagte auf der Demonstration am Montag, Vermieter seien offenbar nicht gewillt, Räume zur Verfügung zu stellen, weil sie eine Präsenz von Suchtpatienten nicht wünschten. Dabei verhielten sich diese nicht auffällig.

In der Ambulanz sind vier spezialisierte Ärzte, sechs medizinische Fachangestellte und zehn Sozialarbeiter tätig. Sie kümmern sich um schwer drogenabhängige Menschen, oft über Jahre oder Jahrzehnte. Zum Ende des aktuellen Jahres wurde der Mietvertrag nicht verlängert. Hauseigentümer ist die Malteser Stiftung in Köln. Sie ist zwar als Stiftung auch der Gemeinnützigkeit verpflichtet. Doch am Checkpoint Charlie, wo die Immobilienpreise berlinweit mit am höchsten liegen, stehe der Erhalt des Stiftungskapitals im Vordergrund, so ein Malteser-Sprecher. Dies sei der Stiftung so vorgeschrieben.

„Ich wäre in Haft – oder tot“

Sieben Tage wöchentlich holen sich die Süchtigen an der Kochstraße ihr Substitut in Form von Tabletten ab. Zum Beispiel Sergej. Der 32-jährige gelernte Trockenbauer sagt: „Jeden Tag, wenn ich aufstehe, schaue ich in den Spiegel und sage mir: Heute musst du stark sein.“ Bewusst meide er da Fahrten mit der U-Bahnlinie 7. Denn. „In der Innenstadt stehen dort die Dealer.“ Er ist überzeugt: „Ohne die Praxis wäre ich in Haft – oder tot.“ Denn täglich von daheim in Moabit anzureisen, gebe seinem Tagesablauf feste Struktur. Und durch die psychosoziale Betreuung habe er erst gelernt, das Ausmaß seiner Sucht zu verstehen. Eine dort tätige Ärztin sei für ihn zum „Mutterersatz“ geworden.

Nach Berichterstattung in den Medien, auch in der Berliner Morgenpost, sind nun zumindest Übergangslösungen in Sicht: Am Anhalter Bahnhof soll die Ambulanz in Container ziehen, 300 Quadratmeter nennt Notdienst-Sprecherin Heike Krause. Zudem kann man einen Monat länger an der Kochstraße bleiben. Auch wenn in der Praxis bereits Umbauarbeiten begännen. Als eine weitere Zwischenunterkunft zeichne sich ein stillgelegtes Krankenhaus ab.