Kreuzberg

Gneisenaustraße: Zurück zum Glanz alter Tage

Studenten der Universität der Künste haben untersucht, wie man die Gneisenaustraße die einst malerische Gestalt zurückgeben könnte.

Boulevard-Entwurf in der Ein-Raum-Wohnung: (v.l.) UdK-Studenten Melisa Altin, Joanna von Essen und Thibaud Leroy.

Boulevard-Entwurf in der Ein-Raum-Wohnung: (v.l.) UdK-Studenten Melisa Altin, Joanna von Essen und Thibaud Leroy.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin.  Sechs Gebäude der Gneisenaustraße sind in der Berliner Denkmaldatenbank erfasst. Doch trotz der imposanten Fassaden aus Zeiten der Tempelhofer Vorstadt ist die Straße heute im Bewusstsein der meisten Berliner nicht mehr als Durchfahrt von und nach Neukölln. Oder als Parkplatz. Architektur-Studenten der Universität der Künste haben untersucht, wie man der Tangente die einst malerische, großzügige Gestalt zurückgeben könnte.

Die Gneisenaustraße basiert auf einem Konzept, das Peter Joseph Lenné vor rund 170 Jahren anstieß: Der „Generalszug“ sollte als Achse vom Südstern bis zur Gedächtniskirche führen. In Kreuzberg endet sie wegen der Entwicklung des Bahngeländes am jetzigen Gleisdreieckpark.

Bei der Begegnung mit drei der vier angehenden Architekten in einer Weddinger ein-Zimmer-Wohnung sprechen sie allerdings kaum von der Historie der Strecke. Sie haben natürlich alte Fotografien studiert, Ansichten eines Boulevards mit Straßenbahn, herausgekurbelten Markisen über den aneinandergereihten Geschäften. Und vor allem: Einem grünen, von Bäumen gesäumten Mittelstreifen. Und der ist Kern ihrer Vision.

Gneisenaustraße in Kreuzberg: Ratten, Matratzen, Gestrüpp

Doch im Frühling 2020 tummeln sich dort die Ratten, das viele Grün ist verwildert, Matratzen liegen herum. Es gibt vermüllte Stücke, in den denen man sich ungern auf die beschädigten Bänke setzen würde. Einziger Ort der Zusammenkunft ist ein Imbiss am U-Bahnausgang Zossener Straße. Die Fahrbahn indes verstehen viele Motoristen bei grüner Welle als Rennpiste.

Das Studenten-Team stört am meisten, dass der 20 Meter breite Mittelstreifen zerstückelt wurde. „Die kreuzenden Straßen durchtrennen den Weg“, sagt Studentin Melisa Altin aus Neukölln. Von Teilstück zu Teilstück zu kommen sei gefährlich oder gar nicht möglich, da Geländer die Kreuzung versperren, so die 22-jährige. Die Teile seien „Inseln“, die die Menschen der gegenüberliegenden Häuserzeilen separieren, sagt Thibaud Leroy, 23, vor sechs Jahren aus dem französischen Rouen nach Berlin gekommen.

Straße mit zweiter Etage darüber

20 Studenten waren im Rahmen eines Seminars aufgefordert, die Gneisenaustraße umzugestalten. Eine Gruppe erdachte etwa eine Überbauung der gesamten Straße: Oben Fußgänger und Rad, darunter: Grün. „Unser Entwurf zielt darauf ab den Verkehr auf der Gneisenaustraße auf eine Fahrrad- und Anliegerstraße zu reduzieren um dem Mittelstreifen so mehr Raum für Gemeinschafts- und Pflanzflächen zu geben“, sagt dagegen Charlottenburgerin Joanna von Essen, 22.

Die Fahrbahn ist da Liefer- und Rettungswagenverkehr sowie Radfahrern vorbehalten. In der Mitte wird eine durchgehende Strecke zum Spazieren geschaffen, die jetzigen Brüche werden geschlossen. „Es gibt wunderbares Kopfsteinpflaster, das wir nutzen würden – jetzt ist es noch von Autos zugeparkt“, sagt von Essen. Asphalt wird durch cremefarbenen Granit ersetzt. Sitzgelegenheiten sind schlichte Berliner Bänke, die bestehenden Beetekübel aus Waschbeton blieben: bloß keine designten Stadtmöbel, die mit der Vergangenheit des Ortes und den Anwohnern nichts zu tun haben, argumentieren die Studenten. Häuserzeilen bekämen im Zuge der Umverteilung des Straßenraums plötzlich Platz für Vorgärten, die etwa die Hausgemeinschaft bewirtschaftet, sagt Leroy.

„Das Auto hat keine Zukunft“

Am Mehringdamm eröffnet ein Brunnen den Boulevard. Der Blick geht wieder unverstellt zur Kirche am Südstern. Fontänen, Becken und Spielplätze auf dem Weg dorthin würden Kinder und Familien anlocken. Die sechs Spuren um die Kirche weichen einem gepflastertem Kirchplatz, der den Bau würdig inszeniert. „Vorbildhaft ist da der Ludwigkirchplatz“, sagt von Essen.

Den Studierenden wollen Verkehr und Parkplätze durch Begegnungsmöglichkeiten ersetzen. „Das Auto hat keine Zukunft“, sagen ihnen ihre Professoren. „Es ist nicht sinnvoll, dass jeder seinen Parkplatz vor der Tür hat“, meint auch Leroy. Altin ergänzt: „Warum zum Beispiel über die Gneisenaustraße mit dem Auto fahren, wenn darunter die U-Bahn rollt?“

Ist-Zustand ziehe den ganzen Kiez herunter

Der derzeitige Zustand der Gneisenaustraße, für die das Land, nicht der Bezirk verantwortlich ist, scheint nicht nur Lehrende und angehende Architekten zu bewegen. 2016 legte Peter Eingartner einen ausführlichen Entwurf vor, den er in Kreuzberg ausstellte und im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg diskutierte. Einfach als Bürger, der an der Gneisenaustraße sein Architektur-Büro hat. „Der jetzige Zustand zieht den ganzen Kiez herunter“, hatte er der Berliner Morgenpost erklärt.

Während die Studierenden von der UdK mit ihrer neuen Version den Anwohnern etwas bieten wollen, war Eingartners Motiv auch die erzieherische Wirkung kluger Stadtraumgestaltung. Er wünsche sich die Straße als Raum, „der würdig daherkommt und den Bürgern ein Umfeld von einer Qualität liefert, die sie veranlasst, behutsam damit umzugehen“, so Eingartner damals.

„Niemanden juckt das“

Vier Jahre später ist sein Zorn über den Zustand des Streifens vor seinem Arbeitsplatz unvermindert. „Er ist der Verwahrlosung überlassen worden – und niemanden juckt das“, sagt der 53-Jährige. Mehr aber als vor vier Jahren betreibt das Bezirksamt inzwischen offensiv eine Wende fort von Auto und hin zu grünen, von allen nutzbaren Stadträumen. So dürfte der Entwurf der vier UdK-Studenten bei den verantwortlichen-Grünen-Stadträten im Jahr 2020 auf reges Interesse stoßen.