Gastronomen in der Krise

Start der Pop-up-Terrasse: Chillen auf dem Parkplatz

Friedrichshain-Kreuzberg gestattete dem Lokal „Tante Lisbeth“ wegen der Corona-Krise in Berlin eine zusätzliche Ausschankfläche.

In der Kreuzberger Kneipe Tante Lisbeth wird ab dem 11. Juli 2020 ein Parkplatz als Außengastronomiefläche genutzt.

In der Kreuzberger Kneipe Tante Lisbeth wird ab dem 11. Juli 2020 ein Parkplatz als Außengastronomiefläche genutzt.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Lange hat Friedrichshain-Kreuzberg seine neuen Pop-up-Terrassen angekündigt. Durch einen Glücksgriff bekam Markus Ossevorth jetzt schon seine Genehmigung. Ab sofort können Gäste seines Kreuzberger Lokals „Tante Lisbeth“ nicht nur unmittelbar davor, sondern auch auf der Parkfläche am Straßenrand Platz nehmen. Damit hat der Wirt wieder seine übliche Zahl von Tischen auf der Straße. Aber seinen Verlust durch die Schließungen wegen des Coronavirus werde er wohl nicht wettmachen, sagt Ossevorth.

Ein Pilotprojekt des Bezirks soll die zumeist verzweifelte Situation Berliner Gastronomen angesichts der Ausfälle durch die Corona-Pandemie lindern. Lokalbetreiber, aber auch Unternehmen und soziale Projekte, können beim Straßen- und Grünflächenamt beantragen, dass die Parkfläche vor ihrem Geschäft für Autos gesperrt wird. Stattdessen wird ihnen dann von freitags bis sonntags zwischen 11 und 22 Uhr die Fläche zugeschlagen.

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300 Bewerber meldeten sich, 85 Prozent von ihnen sind Gastronomen. Das Amt sendet ihnen bei Erfüllung der Auflagen – es geht um die Sicherheit der Kunden und Gäste – die Genehmigung. Der Start wurde bereits verschoben, aber am übernächsten Wochenende könnte es losgehen.

Markus Ossevorth ging einen anderen Weg. Der 50-Jährige betreibt vier Lokale in Berlin – neben dem Tante Lisbeth an der Muskauer Straße auch die renommierte „Bar 23“ in Prenzlauer Berg, „Zum Böhmischen Dorf“ in Neukölln und „Zur Fetten Ecke“ in Kreuzberg. Mit der Prozedur von Veranstaltungsanmeldung und -ausstattung hat er jahrzehntelange Erfahrung, denn er bringt seit 25 Jahren das Techno-Festival „Nation of Gondwana“ nach Brandenburg.

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So ging er zur Genehmigung der Ausschankfläche vor dem Tante Lisbeth einen ihm vertrauten Weg. Er bezog sich nicht auf das bevorstehende Angebot der Wochenendnutzung, sondern übertrug jener Firma, die ihm die Beschilderung verschafft, die Aufgabe, auch gleich beim Bezirksamt die zusätzliche Schankfläche zu beantragen. Den Rundum-Service einer kurzzeitigen Sperrung nutzen etwa auch Berliner, die für Umzüge eine Fläche vor der neuen Wohnung frei halten wollen.

Erst bei 25 bis 30 Prozent des alten Umsatzes

„Die Genehmigung kam schnell“, sagt er. Und gilt für einen weit längeren Zeitraum. So herrscht nun für die Parkplatzbucht vor seinem Lokal vorerst bis zum 8. Juli von sieben bis 22 Uhr Halteverbot. Täglich.

Ossevorth kann dort jene drei bis vier Tische aufstellen, die ihm wegen der Abstandsregeln fehlen. Seine Verluste könne das nicht ausgleichen. Aber er nehme, was er kann. Im Tante Lisbeth hat er 50 Prozent weniger Umsatz, weil er aus Vorsicht nicht den Innenraum nutzt. Seit jeher gilt dort Self-Service. Doch weil Ossevorth das Virus ernst nimmt, darf derzeit jeweils nur ein Gast ins Lokal, um dann aus 1,70 Metern Entfernung am Tresen zu ordern.

Mit seinen Lokalen ist er im Vergleich zu der Zeit vor Corona bei 25 bis 30 Prozent der Einnahmen. Erst seit Juni kommen seine 41 Beschäftigten wieder aus der hundertprozentigen Kurzarbeit. „Für sie ist die Schließung besonders schlimm gewesen“, sagt der Wirt. „Nur 60 Prozent des Netto-Entgelts und kein Trinkgeld.“

Einzig an der Muskauer Straße gewährte ihm der dortige Vermieter, ein Privatmann aus Süddeutschland, eine geringere Miete: Zwei Monate lang musste Ossevorth 75 Prozent weniger zahlen. Er habe sich mehr staatliche Hilfe für die Branche erwartet, sagt er – beispielsweise die Reduzierung der Mehrwertsteuer nicht nur für Speisen, sondern auch auf Getränke.

Weitere Pop-up-Terrassen im Viertel

Die geringere Zahl von Parkplätzen als Folge weiterer Pop-up-Terrassen im Viertel werde nicht zu weniger Publikum führen, ist Ossevorth überzeugt. Persönlich sieht er Berlins Zukunft sowieso als Fahrradstadt. Zwar sei er als Gastronom auf Lieferungen angewiesen. Dennoch begrüßt er, wenn Autos weniger Platz eingeräumt wird. Seinen Erfolg beim Amt will Ossevorth wiederholen. Am Donnerstag sammelte er alle Unterlagen für den nächsten Antrag einer Pop-up-Terrasse. Diesmal in Neukölln.