Mobilität

Wegen Corona: Mehr Platz für Radfahrer in Kreuzberg

In Kreuzberg wurden auf zwei Straßen deutlich breitere Wege abgetrennt, um die Ansteckungsgefahr zu mindern. Es gibt auch Kritik.

An der Zossener Straße in Kreuzberg wurde der Radweg deutlich verbreitert.

An der Zossener Straße in Kreuzberg wurde der Radweg deutlich verbreitert.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg startet ein Verkehrsexperiment, das in Berlin Schule machen könnte. Das Hallesche Ufer auf nördlicher Seite der Hochbahntrasse in Kreuzberg wird um eine Spur reduziert, die bisher Autos zu Verfügung stand. Einige 100 Meter weiter wurden an der Zossener Straße zwei Autospuren schmaler gezogen. In beiden Fällen entstehen so breite Fahrradstreifen. Zweck sei es, auch für Radfahrer den während der Pandemie angeordneten Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 Metern zu garantieren, heißt es beim Straßen- und Grünflächenamt (SGA) des Bezirks.

Die Opposition hält die Maßnahme allerdings für völlig unpassend. Marlene Heihsel von der Gruppe der FDP in der Bezirksverordnetenversammlung attackierte die für die Mobilitätswende zuständige Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) wegen „politischen Aktionismus’“. Ein Test in der Krise sei „eine unnötige Provokation“, der Nutzen zweifelhaft.

Sie halte es „grundsätzlich für unglücklich, dass die Krise für Maßnahmen genutzt“ werde, die inhaltlich klar den Zielen der Mobilitätswende zuarbeiteten. Diese würden unter den Bezirken überdurchschnittlich stark von Friedrichshain-Kreuzberg verfolgt, sagte Heihsel. Das Bezirksamt setze falsche Prioritäten.

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Mehr Platz für Radfahrer: Andere Bezirke sollen dem Beispiel folgen

Kristian Ronneburg, verkehrspolitischer Sprecher der Linksfraktion Berlin, begrüßte dagegen die neue Wegeregelung. „Wir rufen die anderen Bezirksämter dazu auf, nach ihren Möglichkeiten die Einrichtung von temporären Radfahrstreifen ebenso zu prüfen.“

Auch in Charlottenburg-Wilmersdorf waren viele Radfahrer am Donnerstag von einer zusätzlichen Absicherung überrascht worden. Auf dem Kurfürstendamm Höhe Uhlandstraße ist jetzt ein neuer Radweg durch Fahrradsymbol auf dem Asphalt und abgrenzende Leitboys ausgewiesen.

Wie der stellvertetende Bezirksbürgermeister Arne Herz (CDU) über Twitter mitteilte, handelt es sich aber lediglich um ein Provisiorium - für eine Baustelle.

Sicherheitsabstand soll gewährleistet werden

Den Entschluss für die „temporären Radwege“ trafen Bezirksamt und Verkehrsverwaltung unter Senatorin Regine Günther (Grüne). Der Leiter des SGA im Bezirk, Felix Weisbrich, widersprach den Vorwürfen der FDP. Während der Krise werde das Rad häufiger genutzt. Damit auch unter Radfahrern der Sicherheitsabstand gehalten werden kann, werde mit zwei Teststrecken versucht, das kurzfristig umzusetzen.

Da das Verkehrsaufkommen in der Stadt spürbar geringer sei, sei es möglich, jetzt den Platz auf der Straße anders aufzuteilen, so Weisbrich. Wenn so mehr Sicherheitsabstand zwischen den Radfahrern entstehe, wären viele Menschen, die sonst den weit ansteckungsgefährlicheren öffentlichen Nahverkehrs nutzten, gewillt, auf das Rad umzusteigen.

Weisbrich sagte, dass der Pilotversuch am Ende ausgewertet und gegebenenfalls in weiteren Bezirken nach dortiger Abstimmung umgesetzt werde. Er räumte ein, dass der Test auch Auswirkungen auf die Zeit danach haben könnte. Werde in Berlin der Straßenverkehr dann wieder hochgefahren und es entstehe an den beiden Straßen durch die Verschmälerung kein erhöhtes Stauaufkommen, werde das bei der Frage, ob die Krisenschritte langfristig fortgesetzt werden, eine Rolle spielen, sagte Weisbrich.

Parkplätze gibt es nicht mehr

Konkret bedeutet dies am Halleschen Ufer, dass das zeitlich eingeschränkte Parkverbot auf der rechten der drei Spuren nicht mehr gilt, sondern dass die gesamte Spur Radweg ist. Rot-weiße Baken sperren die Fahrradspur vom Auto-Verkehr ab. Eine gelbe Linie trennt sie.

Stellenweise standen am Donnerstag aber noch Autos auf der Spur. Kurz vor der Wilhelmstraße enden zudem die Baken. Die Linie ist dort gestrichelt. Dies sei dem Busverkehr geschuldet, sagt Weisbrich. In der Praxis nutzen dort jetzt auch Autofahrer den Radweg, um in die Wilhelmstraße einzubiegen.

CDU: Parkplätze sind wichtig für Anwohner und Händler

Der Verkehrsexperte der CDU im Abgeordnetenhaus, Oliver Friederici, hat Bedenken, dass der neue Radweg Bestand haben könnte. Er sagt, dass die dort befindlichen Parkplätze für Anwohner und Gewerbetreibende wichtig seien und nicht einfach zurückgenommen werden dürften. Einer Umwandlung in einen Fahrradweg müsste unbedingt eine Anhörung der Betroffenen vorausgehen, so Friederici. Auch müssten die Baken dann durch flexible Sperren ersetzt werden, die Rettungswagen im Notfall überfahren könnten. Grundsätzlich sei er aber mehr Platz für Fahrräder an dieser Stelle gegenüber aufgeschlossen, sagte der CDU-Politiker. „Aber nicht über die Bürger vor Ort hinweg.“

Der zweite temporären Radweg befindet sich auf 190 Metern zwischen Blücherstraße und Gitschiner Straße. Arbeiter trugen dort am Donnerstag gelbe Linien auf. Auf dem Abschnitt wurden die zwei Autospuren jeweils enger gefasst. Der Radweg dagegen ist jetzt fast doppelt so breit.

Positive Resonanz von Radfahrern

Radfahrer Sebastian Bock (42) fährt die Strecke jeden Tag. Er zeigte sich angetan. Damit seien eine Menge Gefahrenlagen entschärft. „Am Stopp vor der Gitschiner Straße ist es jeden Morgen knüppelvoll. Da stehen dann bis zu 30 Räder, manchmal 15 Meter weit.“

Gefährlich werde die Situation besonders, wenn die Ampel auf Grün schalte. „Radfahrer fahren unterschiedlich schnell an“, so Bock. Die Erfahreneren zögen da mit hohem Tempo an jenen vorbei, die gerade in die Pedale steigen. „Wenn dann einer schwankt, muss der Vorbeifahrende auf die Autospur ausweichen.“

Die Verbreiterung findet Bock auch ganz unabhängig von einer Ansteckungsgefahr richtig. Denn: „Der Fahrradverkehr nimmt jetzt seit dem Winter wieder spürbar zu.“

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