Bürger-Ideen

Gesucht: Ein neues Stadtgefühl für den Moritzplatz

Anwohner, Unternehmen und Initiativen wollen mehr Aufenthaltsqualität und Sicherheit. Ein stadtweiter Wettbewerb könnte ihnen helfen.

Das Aufbau-Haus am U-Bahnhof Moritzplatz brachte neues Leben ins Viertel.

Das Aufbau-Haus am U-Bahnhof Moritzplatz brachte neues Leben ins Viertel.

Foto: Amin Akhtar

Es ist ein wenig so, als ob dieser wohlbekannte Ort des Bezirks in einer tiefen Identitätskrise steckt. Aktivistin Bianca Janssen sagt, viele Berliner denken bei „Moritzplatz“ kaum an mehr als an einen Kreisverkehr und einen dicht frequentierten U-Bahnhof in Kreuzberg. Unternehmer, soziale Vereinigungen und Anwohner wollen das ändern. Unter dem Namen „Moritz & Friends“ möchten sie mehr Grün, Lebensqualität, Sicherheit und Bürger-Service auf den Platz bringen – und dies auch in die abgehenden Straßen ausstrahlen lassen. Damit gingen sie bei einem Städtebau-Wettbewerb ins Rennen – und sind jetzt in der Endausscheidung.

Früher sah es hier ganz anders aus. Kaufhaus Wertheim hatte einen Sitz, ebenso Berlins Gastro-Legende Aschinger, es gab Bühnen und regen Verkehr. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte die verordnete Zerstörung übrig gebliebener Altbauten. Autobahnpläne und die Lage an der Berliner Mauer sorgten für einen Entwicklungsstillstand, der stellenweise noch heute zu erkennen ist.

Ansiedlung des Aufbau-Hauses war wichtiger Impuls

Vielleicht wichtigster Impuls für den Neustart nach dem Mauerfall war 2011 die Ansiedlung des Aufbau-Hauses am Platz, etwa mit Verlagssitz, Kunstbedarf-Anbieter Modulor, Buchhandlung, Kita, Veranstaltungsort und viel Kultur. In wandelnden Gruppen schlossen sich die Betreiber des Hauses, dessen Kommunikations-Leiterin Bianca Janssen ist, mit Menschen und Unternehmern der Umgebung zusammen. Von der 1923 gegründeten Gebrüder Geisler GmbH und dem nachbarschaftlichen MehrGenerationenHaus Wassertor e.V. bis zu den zugezogenen Start-ups im Viertel.

„Ziele waren: Den Moritzplatz so attraktiv zu machen, dass mehr Leute herkommen. Und: den Ort als Marke zu etablieren“, so Janssen. Im öffentlichen Bewusstsein sei der Platz ein weißes Loch. Kein Ort zum Verweilen, eher ein Durchgangsbereich. Jeder wisse über den Alexanderplatz und das Kottbusser Tor Bescheid. Aber dem dazwischen liegenden Moritzplatz fehle es an Profil.

Um dieses zu schärfen, nehmen die rund 20 Akteure von „Moritz & Friends“ jetzt am Wettbewerb „Mittendrin Berlin“ Teil. Land Berlin und Industrie- und Handelskammer zu Berlin (IHK) prämieren mit Partnern seit 2005 Strategien und Maßnahmen von Händlergemeinschaften, Initiativen, Eigentümern, Dienstleistern und lokalen Gruppen, die Zentren und Geschäftsstraßen stärken und zukunftssicher machen. Eine Jury benennt die drei Besten, die für ihre Idee den Agentur-Service einer professionellen Stadtentwicklungs-Begleitung im Wert von 30.000 und eine Anschubfinanzierung von 10.000 Euro bekommen.

Kurzkonzept mit fünf Zielen für den Platz

Moritz & Friends kam aus 28 Bewerbern unter die letzten acht. Ihr Kurzkonzept für den Platz setzte fünf übergeordnete Ziele: Neugestaltung des U-Bahnhofs mit Fahrstuhl, Ladenflächen, öffentlichen WCs und der Nutzung der Zwischenetage als Aufenthalts- und Veranstaltungsort, Grünstreifen und begrünte Randflächen, um den Platz einladender zu gestalten.

Zudem Stauvermeidung, Sicherheit für Fußgänger und Lösung der Drogen- und Kriminalitätssituation, bei der auch „Bedürftigen vor Ort geholfen“ wird. Ebenfalls in der Endrunde sind etwa ein Netzwerk aus dem Rheingauviertel, die Interessengemeinschaft (IG) Nikolaiviertel, der Bürgerverein in der Gartenstadt Frohnau und die IG Weißenseer Spitze.

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen und IHK gaben Moritz & Friends für die entscheidende Runde Hausaufgaben mit: So sollen sich die Aktivisten deutlich nach Mitte vernetzen, das nur ein Paar Schritte vom Platz entfernt liegt. Und: Anwohner und Eigentümer sollen gewonnen werden, bei Planung und Projekten teilzunehmen. „Uns fehlen noch die ‘normalen Nachbarn’ “, räumt Bianca Janssen ein.

Platz soll Stadtteilzentrum werden

Als vorgeschriebener Teil des Wettbewerbs lud man vor zwei Wochen zum „Mittendrin vor Ort”-Treffen in den „Salon am Moritzplatz“ an der Oranienstraße. Vor 80 Teilnehmern ging es da um Fragen wie: Was brauchen die Menschen? Wie können wir die Aufenthaltsqualität steigern? Wie kann der Platz zu einem Stadtteilzentrum werden?

Zur Sprache kamen am Abend unter anderem die Umgestaltung und Aufwertung der Grünanlage gegenüber der Aldi-Filiale, etwa mit Kiosk und Bänken, und ein neuer Zebrastreifen. Ein BVG-Vertreter hob die befriedende Wirkung von Läden in Bahnhöfen hervor. Räumlichkeiten dafür sind sogar vorhanden. Aber der von Architekt und Designer Peter Behrens gestaltete Bahnhof steht unter Denkmalschutz. Eine Unternehmerin mit Vorwende-Erfahrung referierte über den Wandel des Platzes. Inzwischen kann sie sich ihre Niederlassung im Kiez selbst nicht mehr leisten.

Aktuell sitzen Moritz & Friends an der Aufgabe, bis Januar ihr Kurzkonzept auszuarbeiten. Die Entscheidung der Jury fällt im Februar. „Auch ohne Preis: Unser Engagement wird nicht enden“, sagt Bianca Janssen. „Aber er würde es befeuern.“

info@moritzandfriends.de

https://moritzandfriends.de/