Verkehr in Kreuzberg

Poller in Kiezen: Anwohner fordern Nachbesserung

 Der Berliner Verkehr soll besser werden, darüber sind sich alle einig. Wie das aber im Detail aussieht, ist eine andere Frage.

Seit einer Woche ist die Wrangelstraße blockiert.

Seit einer Woche ist die Wrangelstraße blockiert.

Berlin. Wohin man an diesem Dienstag auch hört: Sitzen oder stehen zwei auf der Wrangelstraße zusammen, geht es meist um die Poller auf der Fahrbahn. Genau vor einer Woche ließ sie das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg aufstellen. Aber viele im Kiez sind bislang dagegen.

Hüseyin Güleryüz hat sein szeniges Café „Estate Coffee“ gleich am Anfang der Wrangelstraße, an der Ecke zur Skalitzer Straße, dort, wo das blaue „Verkehrsberuhigter Bereich“-Schild steht, das jetzt ein Combi-Fahrer beim Handytelefonat und mindestens mit Tempo 30 einfach mal übersieht. „Es ist seit der vergangenen Woche weder leiser geworden, noch fahren die Autos langsamer“, sagt Güleryüz.

Autofahrer werden in Seitenstraßen geleitet

Nach Klagen der Anwohner, die den Durchgangsverkehr zwischen Kreuzberg, Neukölln und Treptow nicht mehr hinnehmen wollten, leitet die Maßnahme des Bezirksamt jetzt Durchfahrer an Cuvrystraße und Falckensteinstraße mit Pollern in die Seitenstraßen. Die Lösung findet Güleryüz nur halbherzig. Er ist in der Nachbarschaft aufgewachsen und erlebte noch, wie Schutzgelderpressung und Gewalt Besucher aus dem Kiez fernhielten. „Ich bin dann schon eher für eine Fußgängerzone, die Gäste und Touristen bringt. Es könnte hier werden wie in der Bergmannstraße“, sagt er.

Vor einem Zeitschriftengeschäft sitzen der Besitzer und ein Postbote auf weißen Plastikstühlen. „Wegen der umständlichen Wegführung liefert mein Ablagefahrer mir jetzt zu spät die Sendungen“, sagt der Briefträger. „Daher bringe ich die Post oft 30 Minuten später.“ Und wenn Rewe täglich beliefert wird, sei die Straße dicht. Während der dann folgenden Stunde müssten hinzukommende Autos umständlich zurückziehen.

In der Cuvrystraße stehen Kitaleiter Andreas Barz und Anwohner Lothar Kensbock zusammen. Fünf Kindergärten gibt es dort. „Um 7.30 Uhr war hier heute alles voll mit Zulieferverkehr, und wenn gerade mal nicht, fuhr man wieder mit Karacho an den Kitas vorbei.“

Er sei ja für Verkehrsberuhigung, sagt Barz. „Aber nicht so.“ Mit automatischen Blitzergeräten ließen sich die Fahrer doch viel leichter disziplinieren, „und es brächte sogar noch Geld ein“, so der Kita-Chef. Das Straßen- und Grünflächenamt dürfe nicht wie geplant, ein Jahr warten, um die Situation zu prüfen und gegebenenfalls zu verändern, meint er.

Einige Anwohner befürworten die Poller

Online finden sich in Kiez-Foren allerdings viele Anwohner, die von einem spürbar positiven Wandel sprechen: „Die erste Woche, in der ich mal keine Angst um mein Kind auf der Straße hatte“, so ein Vater. „Der Kiez ist entspannt verkehrsberuhigt“, schreibt eine Nachbarin. Ein anderer meint: „Schön, dass die Poller wirken und weniger Autos durch die Wrangel düsen.“

Ebenfalls online hat die Initiative „Wrangelkiez Autofrei? Wir wehren uns!“ eine Petition gestartet. Denn in einer Machbarkeitsstudie lässt die Senatsverkehrsverwaltung prüfen, wie das Wohngebiet verkehrsberuhigt werden kann. Aktivistin Daiana Domke erklärt der Berliner Morgenpost: „Ein autofreier Kiez ist für mich gar keine Alternative. Um die Verkehrssituation im Wrangelkiez zu beruhigen, könnte man Bodenschwellen errichten, vermehrt auf den verkehrsberuhigten Bereich hinweisen oder Ähnliches.“

Petition: Wie viele Menschen sind gegen autofreien Wrangelkiez?

Ihre Petition soll ermitteln, wie viele Menschen ebenfalls gegen einen autofreien Wrangelkiez sind. Domke befürchtet durch Autofreiheit eine Aufwertung der Wohnlage und in Folge weitere Verdrängung. Es dränge sich ihr der Gedanke auf, dies sei eine „Säuberungsaktion gegen Niedrigverdiener“, sagt sie.

In der jüngsten Sitzung des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Verkehr und Immobilien wurden im Rathaus Kreuzberg an der Yorckstraße ganz andere Töne angeschlagen. Im Friedrichshainer Samariterkiez waren vor zwei Wochen ebenfalls Sperren errichtet worden, die Durchgangsverkehr fernhalten sollen. Vertreter der dortigen Initiative bedankten sich nun bei Politik und Verwaltung. Merklich habe der Lkw-Verkehr ab- und die Schulwegsicherheit zugenommen.

Unzufrieden aber zeigte sich die Initiative damit, dass eine Beschilderung an Einfahrten zum Kiez fehle, die die Autofahrer auf die neue Situation hinweist. Auch gebe es zu viele Schlupflöcher, die dazu führten, dass Durchgangsfahrer im Vergleich zur alten Verkehrsführung jetzt nicht mehr als eine Minute verlieren. Auch sähen sich die Bewohner der Bänschstraße einer Belastung ausgesetzt, die es zuvor nicht gab.

Initiative will, dass früher nachjustiert wird

Wunsch der Initiative ist es, dass die Verwaltung nicht wie geplant ein Jahr bis zur Nachjustierung im Kiez wartet. Auch fragte man an, ob der Bezirk nicht Google drängen könne, den Schleichweg durch das Wohngebiet aus dessen „Maps“-System zu nehmen.

Am Donnerstagmorgen war an mehreren Pollern im Samariterkiez ein offener Brief an den Bezirksstadtrat ausgehängt, in dem ein Bürger Unmut gegen die Verkehrsberuhigung ausspricht. "Was Sie mit Ihrer 'Verkehrsberuhigung' im Samariterkiez erreicht haben, ist eine Vermehrung der mit dem Auto gefahrenen Kilometer", heißt es darin. "Zudem möchte ich meine Empörung über die Art der 'Bürgerbeteiligung' bei der Maßnahme mitteilen." Die Bürger hätten erst durch die Baumaßnahmen von der Aktion erfahren.

Der Leiter des Straßen- und Grünflächenamts, Felix Weisbrich, erklärte, er habe Verständnis für die Beschwerden der Anwohner. Man könne aber erst innerhalb mehrerer Wochen beurteilen, welches Verkehrsverhalten sich durchsetzt und ob die veränderte Wegeführung effektiv ist. Die Menschen auf den Gehwegen von Samariter- und Wrangelkiez werden also auch zukünftig noch viel zu reden haben über die neue Lage in ihren Wohngebieten.