Drogen in Berlin

Zu viel Gras im Görlitzer Park

Die Lage in der Kreuzberger Grünanlage ist verfahren. Wer dort wohnt und für den Kiez kämpft, weiß: Einfache Lösungen gibt es nicht.

Schon am Morgen ist die Polizei im Görlitzer Park in Kreuzberg unterwegs.

Schon am Morgen ist die Polizei im Görlitzer Park in Kreuzberg unterwegs.

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Bereits früh am Morgen ist die Polizei präsent im Park. Auf einem Hügel stehen zwei Fahrzeuge, ein halbes Dutzend Beamte ist ausgestiegen. Im Wagen sitzt ein Afrikaner. Er ist der einzige weit und breit. Ein paar Stunden später aber werden Besucher keinen Eingang passieren können, ohne von Dealern angesprochen zu werden. Wie dramatisch das ist, hängt davon ab, ob man mit Anwohnern, Spaziergängern oder den mit Leidenschaft Aktiven des Parkrats spricht. Aber einig sind alle: Die Lage ist verfahren.

An einem normalen Vormittag sieht diese so aus: Wer die Zugänge nimmt, etwa an der Falckensteinstraße, wird von Afrikanern angesprochen, die entlang des Weges stehen. „You need something?“, fragen sie leise. „Brauchst Du ‘was?“, fragt der letzte auf Deutsch.

Mit einem der Männer kommen wir ins Gespräch. Amo trägt eine verwaschene Basecap, Markenturnschuhe, schwarze Jeans und ein schwarz-weiß gestreiftes Polo-Shirt. Er sagt, er sei 35 Jahre alt, wie die meisten hier aus Sierra Leone, wie die meisten hier ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland. Zwei Gramm Gras kosten bei ihm fünf Euro, aber lieber würde er einen geregelten Job haben, „bei dem man morgens zur Arbeit geht und abends nach Hause kommt und nicht ständig rennen muss, wenn die Polizei kommt.“

Görlitzer Park: Vom Dealer blutig geschlagen

Auf einer Parkbank vor dem idyllischen Teich am südöstlichen Ende des 140.000-Quadratmeter großen Areals erwartet uns Rosa. Seit Jahrzehnten wohnt sie im Kiez. Positionen, die sie vertritt und für die sie sich engagiert hat, stehen den Grünen nahe. Aber ihre Ansichten über den Park sind bei manchen in der alternativ gestimmten Nachbarschaft nicht populär, denn in der Diskussion um den Park gehe es um Polizeipräsenz und Flüchtlinge. Bei Versammlungen werde man schnell niedergeschrien. Da möchte sie besser unerkannt bleiben.

Rosa erzählt: Dass eine junge Verwandte vor den Augen ihres Kindes von einem berauschten Dealer am Arm gepackt wurde, dass der nicht mehr losließ. Als ihr ein Bekannter zu Hilfe kam, schlug der Drogenhändler den Mann blutig. Rosa sagt auch, dass die Afrikaner im Park einen herzlichen Kontakt mit den Leuten im Kiez pflegen, dass es da aber immer auch die Durchgeknallten gebe oder aufdringliche Typen, wie den Mann, der einer deutlich Hochschwangeren Cannabis anbot. „Sie hat den angefahren: Spinnst Du?“, sagt Rosa und lacht bitter.

Man wisse nicht, mit wem man es zu tun hat. „Wenn ich von der Glogauer Straße mit dem Rad durch den Park fahre und an diesem Spalier von Männern vorbei muss, die mir ständig etwas anbieten, finde ich das auch nicht so toll“, sagt sie. „Man müsste versuchen, den Männern Arbeit zu geben – was bei ihrem Aufenthaltsstatus natürlich momentan nicht geht.“ Eine Lösung sei nicht in Sicht. „Dabei wünsche ich mir sehr einen tollen Park, der für alle funktioniert.“

Görlitzer Park in Kreuzberg: CDU fordert Null-Toleranz-Regelung im Kampf gegen Dealer

Der CDU-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, Burkard Dregger fordert jetzt, hart durchzugreifen. Die in Berlin geltende Toleranzgrenze von 15 Gramm Cannabis für den Eigenbedarf müsse sinken. „Das ist nicht Eigenbedarf, das ist eine Händlermenge“, sagt er. Dregger will zurück zur Null-Toleranz-Regelung, die 2015 der damalige CDU-Innensenator Frank Henkel für den Park verhängt hatte: Dort durfte man nicht mit Drogen angetroffen werden. Das Drogenverbot soll generell in Parks und Bahnhöfen gelten. Die Durchsetzung würden nach Vorstellung Dreggers verdeckte Vermittler und eine mobile Wache der Polizei erledigen.

Andere Ideen für eine Verbesserung der Lage kamen in der Vergangenheit aus dem Bezirk. Ein Parkmanager wurde eingesetzt und Parkläufer verpflichtet. Sie sollen, so das Bezirksamt, unter anderem die Folgen des Drogenhandels im Park für die anderen Parknutzer abmildern, „damit diese nicht weiter dem teils aggressiven und bedrängenden Verhalten der Dealer ausgesetzt sind“. Als der Parkmanager allerdings im Mai an einem der Eingänge Flächen auf dem Boden kennzeichnete, auf denen jeweils zwei Dealer verkaufen könnten, wurde er nach öffentlicher Empörung – selbst im weltweiten Radioprogramm der BBC berichtete man – vom Bezirksamt zurückgepfiffen.

Zum Drogenproblem im Görlitzer Park gehören auch die Käufer

Die Situation im Park verschärft sich: Dealer geben Jugendlichen kostenlose Probier-Joints. Anwohner sagen, es gebe zunehmend auch harte Drogen zu kaufen. Das TV-Magazin „Kontraste“ meldete, die Zahl der schweren Körperverletzungen sei um 50 Prozent, jene der Raubtaten um 30 Prozent gestiegen. Darauf kommt Lorenz Rollhäuser bald zu sprechen, als er mit den Polizisten redet, die mit ihren zwei Wagen unterwegs sind. Er ist die Stimme des Parkrats, eines gewählten Gremiums, das die Interessen von Anwohnern und Nutzern bei Politik und Verwaltung vertritt.

Der Polizist sagt ihm, die 50 Prozent seien Vergleichszahlen der ersten Quartale 2018 und 2019. „Da wird aber das Umfeld eingerechnet“, so der Beamte. „Gewalt findet dabei am Görlitzer Bahnhof statt und hauptsächlich zwischen Dealern.“ Null Toleranz gegenüber Drogenverkauf im Park sei aber keine Lösung, sagt Rollhäuser: „Da fand eine Verdrängung aus dem Gelände statt – aber hinein in die angrenzenden Straßen.“ Wenn jetzt wieder null Toleranz gefordert wird, klinge dies vielleicht gut, sei aber nur ein billiges Mittel, um öffentlich zu punkten. Andererseits führe die Lage im Park tatsächlich dazu, dass Bürger die Anlage mieden.

Rollhäuser und Mitstreiterin Julia Vettel sagen, es werde öffentlich übersehen, dass Drogenkauf nicht ohne Käufer funktioniert. Wer eine Besserung im Park verlangt, müsse Drogenpolitik überdenken, „ebenso die Illegalisierung von Migranten“. Sie plädieren für Sozialarbeiter, die sich um die Afrikaner im Park, die nicht alle Dealer seien, kümmern. Und für die Möglichkeit, dass die Flüchtlinge arbeiten dürfen.

Ideen, wie die jüngst vorgeschlagenen neuen Gastronomie-Angebote, Urban Gardening oder eine Boulebahn seien indes Mittel, Räume anders zu bespielen und Bürger zurück in den Park zu holen.

Die 47-jährige Kathy ist an diesem Tag im Park mit Familie unterwegs. Ein Kurzurlaub führt sie zurück nach Berlin. „Bevor ich nach Bayern gezogen bin, habe ich hier gelebt.“ Sie staunt, wie sauber es ist – seit Juni 2018 reinigt die BSR im Park. Als abgebrühte Kreuzbergerin störten sie die Dealer nicht. Aber mit der Familie zurück nach Kreuzberg zu ziehen? „Bestimmt nicht“, sagt sie. „Im Görlitzer Park jedenfalls würde ich meine Kinder nicht spielen lassen.“

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