Friedrichshain

RAW-Gelände will weg vom Schmuddel-Image

Der Investor am RAW-Gelände will in die Höhe bauen. So sollen die Mieten niedrig bleiben. Doch eine Initiative stellt sich quer.

Menschen gehen über das RAW-Gelände (Archivbild).

Menschen gehen über das RAW-Gelände (Archivbild).

Foto: dpa Picture-Alliance / Sophia Kembowski / picture alliance / dpa

Berlin. Weg vom Schmuddel-Image, hin zu einem neuen Stadtareal, das Platz für Kunst, Büros, Gastronomie und Freizeitangeboten bietet, das nicht nur Szene-Gänger anspricht: Mieter, Anwohner, Investor und Lokalpolitik suchen seit Jahren ein passendes Konzept für das Friedrichshainer RAW-Gelände.

Aktuelle Planungen und die Frage, wie finanzierbar sie sind, stehen am Mittwoch auf der Tagesordnung im Ausschuss für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen, der diesmal mit dem Ausschuss für Kultur und Bildung berät.

Aktuell liegt das Augenmerk auf Verhandlungen zwischen Bezirksamt und dem Investor, der Kurth-Gruppe. Dabei geht es unter anderem darum, wie hoch das Unternehmen bauen darf, um jene Einnahmen zu erlösen, die eine Querfinanzierung ermöglichen. Erst wenn diese Rechnung aufgeht, könne man aus Sicht der Kurth-Gruppe den ansässigen, seit Jahren angestammten Nutzern auch künftig niedrige Mieten bieten. Im Raum steht eine Geschossflächenzahl (GFZ) von 2,9, das heißt die Grundfläche multipliziert mit dem Faktor 2,9.

Seit dem 1. April 2015 ist Kurth Eigentümerin von 52.000 Quadratmetern auf dem RAW-Gelände. Der zweitgrößte, östlich gelegene Bereich gehört der Münchener International Campus GmbH (IC). Das kleinste Gelände ist im Besitz eines dritten Eigentümers.

Als erster Investor auf dem Areal eröffnete die Kurth-Gruppe einen neuen Standort. Das „House Of Music“ wurde seit 2017 aus dem maroden Industriebau der Radsatzdreherei errichtet. Darin werden seit 2019 auf drei Etagen mit 4500 Quadratmetern Nutzfläche Musik-Unternehmen, Übungsräume und Veranstaltungen angesiedelt.

Angst um dem Verbleib auf neu gestaltetem RAW-Gelände

Ab März 2018 gab es drei Termine sogenannter Dialogwerkstätten, Teil eines Prozesses, der dem Bebauungsplanverfahren vorangestellt wurde. Darin konnten Anwohner, lokale Kulturmacher und Entertainment-Anbieter, Lokalpolitik sowie Investoren diskutieren und festlegen, wie sich das Areal entwickeln und Nutzung in zukünftige Gestaltung integriert werden soll. Nach der L-förmigen Gestalt ihrer Lage auf dem Gelände-Plan sind rund 100 Kultur-Projekten unter dem Begriff „Soziokulturelles L“ (SKL) zusammengeschlossen. Sie fürchten seit Jahren um ihren Verbleib auf einem neu gestalteten RAW-Gelände.

Nach dem aktuell diskutierten Verhandlungsstand wäre dieser gesichert. Demnach würde die GSE Gesellschaft für StadtEntwicklung bei Kurth als Mieter ihrer Räumlichkeiten auftreten und diese zu guten Mieten an die Projekte untervermieten. Die GSE übernimmt, verwaltet, bewirtschaftet und mietet Objekte, um Wohn- und Gewerberäume bestimmten Bedarfsgruppen langfristig anbieten zu können. Zu ihren Gebäuden zählen das Kunstquartier Bethanien in Kreuzberg und das Jugend- und Kulturzentrum Fabrik in Wedding.

Unter den zahlreichen Gruppierungen, die sich in den Dialogwerkstätten sowie begleitenden Bürgerveranstaltungen engagierten, ist die Initiative RAW.Kulturensemble gegen die jüngsten Verhandlungsergebnisse. In der Ausschuss-Sitzung am Mittwochabend soll ihr Einwohnerantrag beraten werden.

Einwohnerantrag will Umgestaltung verhindern

Die Initiative beklagt, dass beim Dialogwerkstattverfahren zwar Meinungen und Wünsche von Anwohnern und Teilnehmern eingebracht wurden, aber letztlich nicht in die Planungen einflossen. So habe das Verfahren letztlich seinen Zweck verfehlt, in Dialogwerkstätten die Zukunft des Areals mitzusteuern.

In ihrem Einwohnerantrag, der im Januar mit rund 2300 Unterschriften in der BVV eingebracht worden war, fordert die Initiative, das RAW als städtebauliches Erhaltungsgebiet zu sichern und es vor Umgestaltung zu schützen. Dazu solle das Bezirksamt für das RAW-Gelände eine Erhaltungsverordnung zu erlassen. Deren Folge wäre laut Initiative eine „behutsame Entwicklung des RAW“. Eine komplette Umgestaltung und Bebauung des Areals wäre abgewendet. Was neu gebaut wird, müsste sich in das bestehende Ensemble einfügen.

Damit wären dem Investor die Hände gebunden

Damit wären der Kurth-Gruppe allerdings die Hände gebunden. Sie hat deutlich gemacht, dass man den Nutzungsmix Areal, die öffentliche Durchwegung, offene Plätze und eben Mietforderungen, die sich nicht ausschließlich an „Top-Zahler“ wenden, nur umsetzen könne, wenn man Einnahmen aus anderen Flächen auf dem Gelände erziele.

So hat eine der Interessengemeinschaften auf dem Gelände, die „Projektentwicklungsgenossenschaft RAW Kultur L“ bereits den Bezirksverordneten geschrieben: Man sei mit überwiegender Mehrheit mit den Verhandlungsergebnissen zufrieden. Sprecher Mike Stolz sagte der Berliner Morgenpost, im Gegensatz zu den gewiss begründeten Vorstellungen der Initiative RAW.Kulturensemble könne der jetzt in Aussicht stehende Kompromiss die Existenz des SKL sichern.