Berliner Spaziergang

Katharina Marie Schubert: Schauspielen als Selbstbefreiung

Unsere Autoren begegnen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal: Ein Spaziergang mit Katharina Marie Schubert, Schauspielerin.

Katharina Marie Schubert beim Spaziergang durch Kreuzberg.

Katharina Marie Schubert beim Spaziergang durch Kreuzberg.

Foto: Reto Klar

Berlin. Zugegeben: Manch einer wird sie erstmal googeln müssen. Katharina Marie Schubert. Ob es dann direkt klingelt, hängt etwa von Art und Ausmaß des eigenen Konsums von deutschen Fernseh- und Kinofilmen ab. Und vielleicht auch von der individuellen Aufmerksamkeit. Denn Schubert ist wandelbar. Ein Überraschungsmoment also: Aktuell trägt sie kurzes Haar, blondiert. Man erspäht sie schon von Weitem, auf der Görlitzer Straße ist es an diesem Nachmittag leer. Schubert wohnt hier in der Ecke. Sie wirkt unvoreingenommen und offen, trotzdem unaufdringlich. Ihre Körperhaltung lässig, keine absolute Kontrolle, kein Pokerface.

Die Kulissen für die Fotos sind schnell gefunden, zwei Querstraßen weiter, vor Graffiti-Wänden. Keine Frage: Sie kommt sich, so bewegungslos posierend, etwas komisch vor. Dabei ist diese Frau in der Riege jener Schauspieler etabliert, denen man beim Spiel so gerne zuguckt, weil sie können, was sie da tun. Aber gut, das eine hat eben nicht zwangsläufig mit dem anderen zu tun. „Diesen Promi-Teil des Berufs finde ich ganz schrecklich unangenehm“, weshalb sie dann auch beim Bayrischen Filmpreis (als Preisträgerin) um, statt über den Roten Teppich lief. Ihr Beruf sei es, auf der Bühne, der Probe oder am Set zu sein, sagt sie. Punkt. Das könnte kauzig, fast schon wieder divenhaft klingen. Aber wer sie gerade reden hört, weiß dass sie es überhaupt nicht so meint. Dass es schlicht die Haltung einer Frau dieser Branche ist, die sich nicht bis zum Erbrechen selbstinszeniert und versucht, zu vermarkten. Vielleicht auch deshalb, weil ihr Beweggrund, Schauspielerin zu werden, vor allem die Lust auf das Schauspielern war. Darauf, Rollen zu übernehmen, sie anzunehmen, sie zu verstehen. Hinter ihnen verschwindet sie jedes Mal gewissermaßen, befreit sich damit von sich selbst. Und wenn sie dann wieder auftaucht, dann ist sie Katharina, von Beruf Schauspielerin. So wie andere Schneiderin oder Bankerin.

Wenn Schubert so über ihren Beruf spricht, tut sie das äußerst enthusiastisch, auch nach 20 Jahren noch. So wie kleine Kinder erklären, wofür sie sich entscheiden. „Es ist Urlaub vom eigenen Leben, Urlaub von mir selbst!“ Ihre Arbeit zwinge sie, die „eigentlich eher ängstlich und zurückhaltend“ ist, wie sie selbst sagt, sich immer wieder zu überwinden. Und sie kann das alles! Haare kahl rasieren. Absurd mies gelaunt sein. Verlogen und bitchy. Das Überhebliche und Arrogante. Prostituierte und Prollweib gehen auch. Extrovertiert, ein bisschen schräg. Alles schon gesehen. „Allerdings ist die Voraussetzung für alles, das ‚Und bitte!‘, das jemand vorher ruft“, sagt Schubert.

Bei Schubert ging es auf der Bühne um Leben und Tod

Dann kann sie auch nackt sein. „Wenn es nicht nur der Nacktheit wegen, sondern sinnvoll für die Geschichte und die Rolle ist.“ So wie an diesem Sonntag im Stuttgarter Tatort. Der Film wurde vor anderthalb Jahren gedreht, fünf Monate nach der Geburt ihrer Tochter. „Diesen Körper gibt es heute nicht mehr“, sagt sie. Der After-Baby-Körper war wie ein Kostüm.

Was in der Konsequenz uneitel wirkt, ist hier eher Werkzeug. Und doch, man merkt es häufiger im Gespräch, ist sie es wohl mehr als andere in dieser Branche: nur wenig auf ihr Äußeres bedacht. Auch weil sie es mehr oder weniger gewohnt ist. Sie nämlich sagt, sich selbst nie als äußerlich besonders empfunden zu haben. Aussehen war nie ihr Kernthema, sagt sie. „Ich habe mich viel mehr über meine Gedanken und Meinung definiert.“ Damit grenzt sich (diese attraktive Frau) gewissermaßen ab von jenen, sagen wir, Frauen, die (auch) ihr Äußeres als Kapital begreifen. Nur soll das hier kein arrogantes Abstecken und Bewerten sein, sondern ist schlicht ihre Art, sich irgendwo da in diesem ganzen Wust einzuordnen.

Grinsend sagt sie, was Laura Tonke, eine Freundin und Kollegin, und sie gerne sagen: „Lieber nicht geschminkt auftauchen, dann bleibt man ein ewiges Versprechen. Die Leute denken dann, wenn man die jetzt herrichtet, dann könnte sie so richtig gut aussehen!‘“ Der Frühling zwingt uns in ein Café. Gerade mit den Fotos fertig, beginnt es zu tröpfeln. Wir nehmen diesen kleinen Wink von oben dankend an, draußen ist es sowieso eher ungemütlich. „Wenn man mir früher ein Kompliment auf der Bühne gemacht hat, wurde ich wirklich ernsthaft rot“, erinnert sie sich nun an ihre Anfänge. Direkt nach der Schauspielschule war das, als sie am Burgtheater in Wien spielte.

Sie erinnert auch die in Teilen ernüchterte Stimmung bei den Darstellern dort. Die Dienstleister-Attitüde von einigen desillusionierte sie manchmal. Riss sie aus ihrer naiven Traumwelt der Schauspielerei. Ihr nämlich ging es doch um Leben und Tod, jedes Mal! „Für mich war das das pralle Leben und täglicher Ausnahmezustand, da auf der Bühne. Da wurde alles verhandelt, da ging alles!“

Inbrunst und Begeisterung überkommen Schubert. Sie erhebt ihre Stimme, macht ausladende Gesten. Von weit weg, ohne zu hören, was sie da sagt, könnte man meinen, sie würde sich echauffieren. Und beim Hinhören merkt der Beobachter: Das kindlich Naive (im besten Sinne) hat sie auch heute noch nicht gegen blanken Pragmatismus eingetauscht.

Nach der Zeit am Burgtheater kamen fast neun Jahre an den deutlich kleineren Münchner Kammerspielen. Vermutlich wurde man da mehr an die Hand genommen. So oder so: Theater hatte sie schon früh „gekriegt“, sagt sie. Als sie als Mädchen mit ihrer Mutter (Sozialpädagogin) hinging. Wie es da nach Puder und Schweiß roch, mmh, wie alles irgendwie ritualisiert war, faszinierend. Früh wusste sie also: „Zu dieser ‚Kirche‘ möchte ich bitte gehören, zu der, wo diese Feiern gefeiert werden!“ Vielleicht auch weil sie fast ganz ohne Fernseher aufwuchs, habe sie sich in diesen Märchenwelten des Theaters verloren. Aber auch in der Filmwelt von Ronja Räubertochter, über zwei Wochen, nachdem sie im Kino gewesen war. Und nach dem Film „Club der toten Dichter“ habe sie nächtelang an diesen Vater monologisiert, der seinen Sohn in den Selbstmord treibt.

Gerade scheint wieder die Sonne, strahlt durch die große Fensterscheibe. Man könnte rausgehen, es aber auch bleiben lassen. Das Gespräch fließt gerade so angenehm leicht. Kaum rausgeguckt, ist das freundliche Strahlen schon wieder verschwunden.

Was steht denn eigentlich so in der nächsten Zeit an? Schubert zieht die Schultern und Augenbrauen hoch, setzt ein unwissendes Gesicht auf. Keine Ahnung habe sie, was in diesem Jahr noch passieren wird. Lange war das nicht mehr so. Zuletzt in dem Jahr, in dem sie schwanger war. Und selbst nach zwei Jahrzehnten ist das noch ein komisch verunsicherndes Gefühl. Wie ungefähr sieht es denn da in ihr aus? Man denkt natürlich irgendwann ans Geld. Das müsse man eben verdienen. Nur: Einfach irgendwas zu machen, das gehe nicht, da bräuchte sie die ganze Summe, um sich danach durch Therapie wieder zu erholen. Sie lacht. „Natürlich geht es nicht immer darum, die Welt zu retten, aber ich muss zumindest ein bisschen das Gefühl von Substanz spüren.“

Wenn es eben nicht nur auf Quantität und Gage ankommt, dann müssen es auch die „richtigen“ Projekte sein. Die, wo sie sich selbst gerne drin sehen will, auch weil sie glaubt, richtig gut da reinzupassen. Aber als Schauspieler muss man dafür gewollt werden. Eine merkwürdige Abhängigkeit.

Die Wahrheit ist: Künstler werden nicht automatisch auch von den Menschen gesehen, die sie ihrer Arbeit wegen schätzten. Da kommt dann zum finanziellen Aspekt noch sowas wie Kränkung hinzu, die ab und zu auf einen einschlägt. „Das ist dann etwa so, wie wenn man unglücklich verliebt ist und einfach nicht verstehen kann, wieso das Gegenüber nicht genau so empfindet.“ Kennt man, tut weh, ändern kann man das allerdings nicht. Nun, was an dieser ständigen Unsicherheit übrigens gut sei: Sie hält einen zwangsläufig dynamisch. Mit dem Alter weiß ja irgendwann jeder ziemlich genau, was er mag und was nicht, „es passiert dann leicht, dass man unflexibel und beratungsresistent wird“. Schauspielern gelinge das nicht so leicht, sie müssen ja ihre Neugier behalten. Da lässt sich dann ein Ü50-Jähriger am Set von einer 20 Jahre jüngeren Regisseurin Spielanweisungen geben. Schubert mag das.

Gute Themen machen noch keine guten Filme aus

Im Tatort spielt sie übrigens eine Altenpflegerin, der vorgeworfen wird, zwei Menschen mutwillig in den Tod geführt zu haben. Frage, wo wir doch gerade über die Sinnhaftigkeit von Filmen sprachen: Muss alles immer politisch aufgeladen sein? Antwort: „Das gute und wichtige Thema macht noch keinen guten Film.“ Bleibt man beim Tatort, gibt es welche, die nur wie die Vorbereitung auf die folgende Anne Will-Sendung wirken, grauenhaft sei das. Ja, ein Film soll einen für Themen sensibilisieren, neuen Input geben, Gedanken, aber eben auch unterhalten. „Und wenn alles gut läuft, dann ist er sogar Kunst.“

Von Kunst hinein ins Reale, in das, was kaum einer mehr übersehen kann: Die Welt scheint gefühlt am Abgrund zu stehen, man selbst inmitten der sich stetig zuspitzenden Krisenherde. Sieht sie das auch so fatalistisch? „Es ist anstrengend und schlimm, was passiert – das Gute aber: Man muss wieder nachdenken, nach Alternativen suchen.“ Das empfinde sie fast schon als befreiend. Die Ära Merkel habe gewissermaßen lethargisch gemacht. Es war das Verwalten des Ist-Zustands, weil doch alles irgendwie „gut“ war. Im Kern aber habe da schon alles geschwelt und jetzt komme alles auf einmal. „‚Geld, Geld, Geld und Hauptsache Ich‘, so ein falsch verstandener Buddhismus funktioniert jetzt nicht mehr.“ Also besser wieder sozial sein! „Das hielt man in den 90er-Jahren noch für jämmerlich. Da war man dann ein Gutmensch, ein Öko-Nerver – jetzt ist das wieder cool.“ Eher schon Pflicht ist es – sollte es sein. Vor allem das mit dem Klimaschutz. „Dem Verhindern dieser Katastrophe muss man jetzt alles unterordnen.“ Mit Kind werde das übrigens noch virulenter. „Meine Tochter wird mich sicher irgendwann fragen, was wir eigentlich die ganze Zeit über gemacht haben. Wird mir Artikel von 1985 zeigen, wo all das ja schon geschrieben stand, nur hat das niemanden ernsthaft besorgt.“ Das Verhalten der Menschen müsse sich schnellstmöglich ändern, meint Schubert. „Leider funktioniert das Freiwillige nur so schwer, daher müssen wohl Verbote her.“ Die Politik soll das alles regulieren.

Kein Plastik mehr und auch keine Massentierhaltung! „Wenn man da vorne an der Ecke Skalitzer Straße vorbeikommt, dann duftet es lecker nach gegrilltem Huhn. Aber es ist klar, dass diese Hühnchen ein kurzes schreckliches Leben hatten, in dem sie mit Antibiotika und Wachstumshormonen vollgestopft wurden.“

Schubert schüttelt es kurz. „Sich als Individuum gegen Gewohntes zu stellen, bedeutet irgendwie oft noch ‚ungemütlich‘ zu sein und aufzufallen.“ Dann zum Beispiel wenn sie mit ihrem Freund ein Curry beim Inder bestellt, sie es aber selbst abholen und das Essen auf ihren mitgebrachten Tellern nach Hause tragen. Umdenken ist jetzt aber nunmal angesagt.

Fast zwei Stunden sind nun vergangen und noch lange ist nicht alles gesagt, da besteht Einvernehmen. Auch wenn die intuitive Zurückhaltung Schuberts gegenüber der Presse, ihre Anti-Redundanz in der Öffentlichkeit sympathisch ist, würde man sich nun fast schon wünschen, zukünftig mehr ihrer Gedanken zum Leben zu finden, wenn man bei Google nach Katharina Marie Schubert sucht.

Zur Person:

Ausbildung: Katharina Marie Schubert wurde am 22. Januar 1977 als Tochter einer Sozialpädagogin und eines Arztes in Gifhorn geboren. Sie wuchs in Braunschweig auf und studierte in Wien Schauspiel. Mit ihrem Freund lebt die Theater- und Filmschauspielerin heute in Kreuzberg. Sie haben eine zweijährige Tochter.

Karriere: Schubert bewarb sich noch während des Abiturjahres an Schauspielschulen. Als sie dann bei ihrem zweiten Vorsprechen sofort genommen wurde, liebäugelte sie damit, die Schule vorzeitig zu beenden. Ihre Mutter fand das nicht so gut. Also absolvierte Schubert ordnungsgemäß das Abitur und ging dann direkt im Anschluss ans Max Reinhardt Seminar in Wien. Nach dieser Ausbildung wurde sie sofort ans Burgtheater Wien engagiert. Es folgten Jahre an verschiedenen Spielhäusern, unter anderem knapp neun an den Münchner Kammerspielen. Seit Anfang der Nullerjahre steht Schubert auch vor Fernseh- und Filmkameras. Sie ist außerem als Filmemacherin aktiv.

Auszeichnungen: 2015 erhielt sie den Bayerischen Filmpreis als beste Darstellerin für ihre Rolle in „Ein Geschenk der Götter“ sowie den Filmpreis der Stadt Hof.