Open Air Gallery

Kunst im Vorübergehen auf der Oberbaumbrücke

Bei der 17. Open Air Gallery auf der Oberbaumbrücke in Friedrichshain haben mehr als 100 Künstler ausgestellt.

Malerische Kulisse – die Oberbaumbrücke ist anlässlich der Open Air Gallery für den Autoverkehr gesperrt. Nicht nur vor dem Stand des Berliner Künstlers Andreas Hoßfeld drängen sich die Besucher.

Malerische Kulisse – die Oberbaumbrücke ist anlässlich der Open Air Gallery für den Autoverkehr gesperrt. Nicht nur vor dem Stand des Berliner Künstlers Andreas Hoßfeld drängen sich die Besucher.

Foto: Reto Klar

Berlin. So farbenfroh ist die Oberbaumbrücke selten. Rot, grün, gelb und blau leuchten die Ölbilder und Aquarelle. Wo sonst Autos über die Fahrbahn rollen, reihen sich am gestrigen Sonntag Stände aneinander, vor denen sich Neugierige drängen. Mehr als 100 Künstler stellen aus. Es ist die 17. Open Air Gallery auf der Oberbaumbrücke. Figuren aus Papier hat Mila Vázquez Otero ausgestellt. Elefant, Bär, Reiher, Giraffe und Perlhuhn sind aus den Seiten alter Zeitungen und Magazine geformt. Nachhaltigkeit sei ihr wichtig, sagt die gebürtige Spanierin, die in Charlottenburg lebt. „Bei großen Figuren mache ich erst eine Grundform aus Kaninchendraht.“ Federn und Fell sind mit farbigen Papierstreifen und -schnipseln gestaltet. Dann werde alles mit einem Acryllack als Schutz besprüht, sagt Mila Vázquez Otero.

Auch kleine Tiere aus Draht hat sie geformt. Ein Drahthuhn weckt das Interesse einer Besucherin, die die Objekte am Stand betrachtet. „Ich finde die Idee sehr schön“, sagt Heidi Wendeln aus Friedenau. Sie sei selbst bildhauerisch aaktiv, erzählt sie. „Ich mache Bronzen.“ Auch sie verwende Draht im Inneren ihrer Figuren, „damit sie stabiler sind.“ Sie habe eine starke Affinität zu Federvieh, sagt die Friedenauerin, während sie den Preis für das Drahthuhn entrichtet. Die Open Air Gallery auf der Oberbaumbrücke besucht sie zum ersten Mal. Es sei schade, dass vor allem Bilder ausgestellt würden und zu wenig „3-D-Ware“, sagt Wendeln.

„Die Leute sind mehr an Kunst interessiert“

Mila Vázquez Otero, ausgebildete Kunsthistorikerin, stellt zum zweiten Mal auf der Oberbaumbrücke aus. „Es ist anders als auf anderen Märkten“, sagt sie. „Die Leute sind mehr an Kunst interessiert. Sie kommen gezielt hierher. Es sind nicht nur Passanten.“ Es sei ein guter Platz für Kunst, meint sie.

Für den Maler Kifan Alkarjousli ist der Galerie-Sonntag eine Premiere. Er hat Ölbilder und Aquarelle ausgestellt, zeigt Porträts und Landschaften. Auch Lithografien sind zu sehen. Der junge Mann stammt aus Syrien und kam vor etwa drei Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Seit dem vergangenen Jahr lebt er in Berlin. Derzeit studiert er an der Universität der Künste und will Lehrer werden. Er habe bereits in Damaskus Kunst studiert und einen Bachelor-Abschluss gemacht. Alkarjousli freut sich über das Interesse der Besucher.

Drei Künstler für die nächste Ausstellung verpflichtet

Einer, der sich sehr genau an den Ständen umsieht, ist Thiemo Napierski aus Steglitz. Er betreibt dort das Café „gm26“. Auf der Oberbaumbrücke sucht er, zusammen mit zwei Freunden, nach Bildern für das Café, und nach Künstlern, die bei ihm ausstellen. „Ich kaufe aber auch aus eigenem Interesse, für Zuhause.“ Ein großformatiges Werk von Clara Julia Escalera ist ihm sofort aufgefallen. „Es hat mich direkt angesprochen.“ Nun trägt Thiemo Napierski den Holzrahmen unterm Arm. Wird er es zu Hause aufhängen oder im Café? „Ich bin mir noch nicht sicher“, lautet die Antwort. Auf jeden Fall hat er Escalera als Ausstellerin für sein Café gewonnen, ebenso zwei weitere Künstler, die er auf der Oberbaumbrücke angesprochen hat.

Aus Steglitz-Zehlendorf kommt auch das ältere Ehepaar, das eine Skulptur von Maren Schwartzkopf gekauft hat. Es ist eine Frauengestalt im Raumfahreranzug und mit leuchtend rubinroten Lippen. Sie soll auf einem kleinen antiken Schrank stehen. „Damit es richtig knallt“, sagt die Steglitz-Zehlendorferin und meint den Kontrast zwischen neuer Kunst und altem Mobiliar. Für die Künstlerin Maren Schwartzkopf ist das keine ungewöhnliche Reaktion. Es seien Kinder und Menschen der Generation 60 plus, sagt sie, die sich für ihre farbenfrohen Keramik-Skulpturen begeistern.

Arbeit mit Skalpellen

„Das meiste ist aus Steinzeugton“, sagt sie. Steinzeug werde bei einer höheren Temperatur gebrannt als Steingut und sei etwas hochwertiger. „Das Besondere ist, dass es stärker geschnitzt ist und man nicht auf den ersten Blick erkennt, ob es aus Holz oder Keramik ist.“ Maren Schwartzkopf arbeitet mit Skalpellen und verwendet französische Keramikfarben. „Sie werden in mehreren Schichten aufgetragen.“ Den Rubinrot-Ton der Lippen, sagt sie, „den kriegt man nur auf diese Weise hin.“ Er sei das Markenzeichen ihrer Figuren. „Nah am Kuss“ heißt die Serie mit den kleinen Frauengestalten, die rubinrote Lippen und Klappaugen haben. Einige sind mit Seepferdchen ausgestattet, andere tragen Boxhandschuhe. „Es sind starke Frauen“, sagt die Künstlerin. „Kämpferinnen.“ Was sie an der Open Air Gallery auf der Oberbaumbrücke begeistert, ist der Kontakt mit den Besuchern. „Meist gebe ich meine Sachen an eine Galerie und weiß nicht, wer sie bekommt und wo sie landen.“ Für viele Käufer, so sagt sie, „haben meine Arbeiten etwas Berlinerisches“.

Oberbaumbrücke wird zur Baustelle

Viel von Berlin zeigen auch die Bilder des Künstlers Rüdiger Neick aus Prenzlauer Berg. Sein Stand ist an diesem Sonntag dicht umlagert. Oft wird er gefragt, wie er arbeitet. „Schabkarton“ nennt sich die Technik. „Bilder entstehen durch das Entfernen und nicht durch das Hinzufügen von Farbe.“ Eine Grundplatte ist mit schwarzer Tusche bedeckt. Diese Tusche kratzt Neick mit einem scharfen Werkzeug heraus und schafft auf diese Weise detailgetreue Ansichten von Berlin. Die „Goldelse“, die Greifenhagener Brücke und die Gedächtniskirche hat er abgebildet. Rüdiger Neick stellt seit 2015 auf der Oberbaumbrücke aus.

In den Vorjahren fand die große Freiluftausstellung an zwei Wochenenden im Sommer statt. Nicht so 2019. Denn die Brücke ist von Montag an eine Baustelle. Bis September werden die alten Straßenbahngleise entfernt. Für den Autoverkehr soll jeweils ein Fahrstreifen pro Richtung zur Verfügung stehen.