Verkehr in Berlin

Neuer Radweg an der Hasenheide - Die trügerische Sicherheit

An der Hasenheide gibt es einen neuen Radstreifen. Studien haben untersucht, wie gefährlich nah sich Auto- und Radfahrer kommen.

Der neue Radweg führt vom Südstern zum Hermannplatz.

Der neue Radweg führt vom Südstern zum Hermannplatz.

Foto: Foto: Patrick Goldstein

Berlin.  Mehr Sicherheit für Radfahrer: Auf der Hasenheide wurde am Dienstag ein sogenannter geschützter Radfahrstreifen offiziell in Betrieb genommen. Kosten: ein knappe halbe Million Euro. Der Weg ist durch massive Poller vom Autoverkehr getrennt und mit grüner Farbe markiert. An der Schnittstelle zu Neukölln kann man jetzt auf südlicher Seite bis auf ein noch unvollendetes Teilstück von Südstern bis Hermannplatz durchfahren. Am Dienstagnachmittag kamen Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) und die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), um die Bahn selbst zu testen. Die Sicherheit regulärer Fahrradstreifen dagegen stellen zwei aktuelle Studien infrage.

Fahrradstreifen weniger sicher als erwartet

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) ermittelte bei einer nationalen Untersuchung mit Schwerpunkt in Berlin, dass jedes zweite Auto, das im Rahmen der Testphase Velofahrer überholte, den vorgeschriebenen Abstand von 1,50 Metern unterschritt. Der große Fehler der Autofahrer liegt dabei darin, dass sie sich lediglich an der Begrenzung des Fahrradstreifens orientieren, nicht aber an der Position des Radfahrers. Hohe Unfalldichten und Unfallraten zeigten sich besonders bei schmalen Streifen sowie bei jenen, neben denen geparkt wird. Viele Unfälle geschehen laut Studie zudem im Zusammenhang mit unachtsam geöffneten Fahrzeugtüren, dem „Dooring“.

Die Untersuchung des UDV fand auf Radfahrstreifen, Schutzstreifen, geschützten Radfahrstreifen sowie älteren Radfahrstreifen in sieben Bundesländern statt und bezog Befragungen von 1370 Radfahrern ein. Zuvor werteten die Autoren der Studie Unfalldaten aus. In Berlin wurde auf 20 Strecken mit einem Messfahrrad ermittelt, wie groß der seitliche Abstand von überholenden Autos zu Velonutzern ist. Die Messung per Laser verzeichnete, um welche Art Fahrzeug es sich handelte, ob mit oder ohne Gegenverkehr überholt wurde und wo sich das Messfahrrad auf dem jeweiligen Radfahr- bzw. Schutzstreifen befand, das heißt auf abgetrennten Fahrbahnmarkierungen, die jeweils durchgezogen oder gestrichelt sind.

Rad- und Schutzstreifen sollten deutlich breiter sein

Bei den Berliner Abstandmessungen kam heraus, dass Fahrradfahrer auf Radfahrstreifen von 50 Prozent der Autofahrer in einer Nähe von unter 1,50 Metern überholt wurden (Schutzstreifen: 48 Prozent). Einen Abstand von sogar unter einem Meter fuhren 19 Prozent (14 Prozent). An Schutzstreifen passierten 69 Prozent aller LKW und 89 Prozent aller Busse die Testfahrer unter 1,50 Metern. An Radfahrstreifen waren es 69 und 43 Prozent.

Daraus folgernd stellen die Unfallforscher der Versicherer eine Reihe Forderungen auf: Rad- und Schutzstreifen sollen statt derzeit 1,25 Meter mindestens 1,85 Meter breit sein. Zu ruhendem Verkehr und vorbeifahrenden Fahrzeugen müsse ein Sicherheitstrennstreifen von jeweils 75 Zentimetern eingerichtet werden. Zudem werden die Kommunen ermahnt, gegen Fahrer vorzugehen, die auf Radstreifen halten und parken. „Wegen der daraus resultierenden Behinderungen und Risiken für die Radfahrer müssen entsprechende Verstöße konsequent überwacht und geahndet werden“, so die Autoren der Studie.

Metallene Poller in Weiß und Rot sind nicht einfach zu überfahren

Der an der Hasenheide fertig gestellte Weg mit Grün- und Weißmarkierung aus Kaltplastik dagegen belässt es nicht bei weißer Bodenmarkierung wie Radfahr- oder Schutzstreifen, die durchgezogene oder gestrichelte Fahrbahnmarkierungen haben. Dort sind metallene Poller in Weiß und Rot unübersehbar – und nicht einfach mal zu überfahren. Der Radfahrstreifen ist nach der Holzmarktstraße in Mitte und dem Dahlemer Weg in Steglitz-Zehlendorf der dritte, der in Berlin fertig gestellt wurde. Sie sind Kernprojekte des im Juni 2018 beschlossen Berliner Mobilitätsgesetzes. Die Hauptstadt ist die erste Kommune in Deutschland, die geschützte Radfahrstreifen einführte.

Vor Baubeginn an der Hasenheide im Februar hatte Verkehrssenatorin Günther erklärt, sichere und komfortable Radwege schafften für die Berliner neue Motivationen, aufs Rad umzusteigen. „Das ist gut für alle Verkehrsteilnehmer“ so Günther. Am Dienstag sagte sie: „Wir sind dabei, Berlin umzubauen.“ In Richtung der Bezirksbürgermeisterin ergänzte sie: „Und wir sind froh, das gemeinsam zu machen.“ Herrmann sagte zur Bedeutung neuer sicherer Radwege: „Wir müssen weniger Autos in den Innenbezirken haben. Daher muss anderer Verkehr attraktiver werden.“

Verstärkt Fahrradfahrer-Kontrollen in Brandenburg

Die derzeit noch verbliebene Unterbrechung der Strecke befindet sich an einer Hochbaustelle auf der Hasenheide, Höhe Fichtestraße. Nach deren Beendigung kann auch der geschützte Radfahrstreifen abgeschlossen werden, teilte die Verkehrsverwaltung mit.

Zur Einhaltung angemessener Sicherheitsdistanz begann am Dienstag in Potsdam eine Aktion der dortigen Polizei mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Wagen von Polizei wurden an der Heckscheibe mit Aufklebern versehen, die auf einen Mindestabstand von 1,50 Metern hinweisen. Laut Polizeioberrat Jan Strotzer, Leiter des Bereichs Verkehrsangelegenheiten im Polizeipräsidium, gab es in den vergangenen zwei Wochen verstärkt Fahrradkontrollen im Land Brandenburg. Bei mehr als einem Drittel der 1254 kontrollierten Radfahrer wurden Verstöße festgestellt. 314 nutzten die Straße nicht vorschriftsgemäß, 70 Räder hatten technische Mängel, 52 Radfahrer fuhren bei Rot, 19 waren abgelenkt, etwa durch das Handy. Bei einem Radfahrer in Potsdam wurden 1,6 Promille Blutalkohol gemessen.

Jeder 17. Überholvorgang unter einem Meter Abstand

Australische Wissenschaftler beschäftigten sich ebenfalls mit dem Thema Sicherheitsabstand. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Accident Analysis & Prevention“ beschreiben sie die Ergebnisse einer Untersuchung im Bundesstaat Victoria. An den Rädern von 60 Testpersonen waren Aufzeichnungsgeräte installiert worden, mit denen sie eine oder zwei Wochen unterwegs waren.

Die wichtigsten Resultate:

-Der Durchschnittsabstand zu motorisierten Fahrzeugen betrug 173 Zentimeter.

-Jeder 17. Überholvorgang war unter einem Meter nah (5.9 Prozent).

-Entgegen der gängigen Vermutung, fuhren Motoristen auf Straßen, die markierte Fahrradwege auf der Fahrbahn haben näher an Radfahrern vorbei als die durchschnittlichen 173 Zentimeter. Ebenso auf Straßen, in denen geparkte Autos stehen.