Als die Pläne WBM für Wohnhochhäuser in Friedrichshain-West erstmals konkret diskutiert wurden, war die deutsche Herrenmannschaft gerade Fußballweltmeister geworden. Es kommt einem wie eine kleine Ewigkeit vor, dennoch wurde bei diesem Vorhaben bis heute rund um Karl-Marx-Allee und Strausberger Platz nicht gebaut. Was im Westen Friedrichshains passieren soll, darum wird zwischen Senat, Bezirk, Anwohnern und der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) seit Jahren gerungen.

Die WBM will seit 2014 so schnell wie möglich bauen. Doch auch fast fünf Jahre später ist daraus noch immer nichts geworden. Nun soll ein anlaufendes Beteiligungsverfahren endlich den Durchbruch bringen und nach Jahren des Stillstands das Gebiet weiterentwickeln. Der Fall zeigt exemplarisch, warum es mit dem Bau neuer Wohnungen nur langsam voran geht. Am Ende steht die Frage, um welchen Preis Wohnungen in Berlin gebaut werden sollen.

WBM-Pläne für 800 Wohnungen wurden gestoppt

Die Diskussion um die Gebietsentwicklung für Friedrichshain-West reicht viele Jahre zurück. Der Senat forderte damals die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften auf, Flächen für den Wohnungsbau zu suchen. Eine Analyse der WBM ergab, auf den eigenen Flächen zwischen den Wohnblocks aus DDR-Zeiten sei Platz für 37 Punkthochhäuser. Letztlich reduzierte man die Pläne auf 15 Gebäude, so sollten dennoch 800 neue Wohnungen entstehen. Doch die Anwohner liefen Sturm gegen die Nachverdichtungspläne der WBM, der Bezirk stoppte die Projekte vorläufig mit Segen der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung 2016.
Zumindest darauf können sich heute alle einigen: Wie es ist, soll es nicht bleiben. Viel zu lange ist in Friedrichshain-West nichts passiert. In der Gegend um die Karl-Marx-Alle und den Strausberger Platz sind soziale Einrichtungen und Außenanlagen der Wohnblöcke aus den 60er und 80er Jahren sanierungsbedürftig oder gar nicht vorhanden. Auch entspricht die geringe Anzahl an Parks und öffentlichen Grünflächen sowie die oft trassengleichen und auf den Autoverkehr ausgerichteten Straßen nicht den Vorstellungen moderner Mobilität.

Senatsverwaltung: Neubau sozialverträglichen Wohnraums habe Priorität

Bereits 2017 wurde angekündigt, in einem Beteiligungsverfahren mit Bürgern das Gebiet zu entwickeln. Nun ist es tatsächlich so weit. Den Startschuss gibt eine Ausstellung, die am Montagabend im Beisein von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und dem Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, Florian Schmidt (Grüne) im ehemaligen Verlagsgebäude des Neuen Deutschlands eröffnet wird.

Die Ausstellung soll über den Beteiligungsprozess und die dort zu diskutierenden Themenfelder informieren. Neben dem Bedarf an Wohnraum, soll es um Klima, Mobilität und soziale Infrastruktur gehen.
„Der Prozess wurde konzipiert und entwickelt, um neuen Wohnraum in Friedrichshain-West zu realisieren“, teilte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung mit. Außerdem wolle man klären, welche Bedingungen aus Sicht der Nachbarschaften zu erfüllen seien, damit neues Wohnen genauso wie Einrichtungen der sozialen Infrastruktur, veränderte Mobilitätsformen und Maßnahmen der Klimaanpassung realisiert werden könnten. Der Neubau sozialverträglichen Wohnraums habe dabei Priorität, so die Sprecherin. Die WBM erhalte „größtmögliche Unterstützung bei der Umsetzung der Ziele zum Wohnungsbau“.

Bürgerbeteiligung könnte Wohnungsbau in den Hintergrund drängen, warnt WBM

Bei der Wohnungsbaugesellschaft will man den vollmundigen Bekenntnissen noch nicht so recht trauen. Man sei gerne bereit, Wünsche und Anregungen zur Überarbeitung der Entwürfe aufzunehmen, sagte WBM-Geschäftsführer Jan Robert Kowalewski. „Wir brauchen in dem Verfahren aber auch das verbindliche Ziel, rasch den benötigten neuen Wohnraum zu schaffen.“

Vor lauter Bürgerbeteiligung, so die Befürchtung bei der Wohnungsbaugesellschaft, könnte der Wohnungsbau am Ende in den Hintergrund geraten. Dabei müssten nicht nur die Interessen der Anwohner gehört werden, sondern auch all jener, die in Berlin derzeit eine Wohnung suchten, so der WBM-Chef. „Berlin braucht dringend neue, bezahlbare Wohnungen, auch in der Innenstadt.“
Den zu realisieren, wird immer schwieriger. Die Baukosten steigen stetig weiter. Mit jedem Jahr Wartezeit wird Bauen teurer. Sozialmieten von 6,50 Euro pro Quadratmeter drohen da in Gefahr zu geraten.

Baustadtrat Florian Schmidt: Planung nicht über die Köpfe der Anwohner hinweg

Dass im Westen Friedrichshains in Zukunft gebaut wird, daran scheint kaum ein Zweifel zu bestehen. Im aktuellen Entwurf für den Stadtentwicklungsplan Wohnen bezeichnet der Senat das Gebiet als Schwerpunktgebiet, in dem eine Nachverdichtung schnell realisierbar ist.

Am Willen zu bauen lässt auch Baustadtrat Schmidt keinen Zweifel. „Auf jeden Fall“, sollen neue Wohnungen gebaut werden. Anders als früher müsse die Stadt jedoch gemeinsam mit den Bürgern geplant werden. Es dürfe nicht das Gefühl entstehen, so der Stadtrat, „die bauen da und wir sind die Gelackmeierten“.

Wohnungsbau in Friedrichshain-West könnte nun schnell starten

Dass das Verfahren erst jetzt starte, gehe auch ihm zu langsam. Es sei jedoch kompliziert gewesen, bis man eine geeignete Methode für die Bürgerbeteiligung gefunden habe. Kooperative Verfahren, Austausch, Beteiligung. Das klingt, als würde auch in absehbarer Zeit nichts gebaut werden in Friedrichshain-West.

Schmidt widerspricht. Eine Planung über die Köpfe der Anwohner hinweg gehe auch nicht schneller. Da komme es nur ständig zu Streitereien. „Wenn die Leute mit dabei sind, dann wollen sie die Konflikte auch mit lösen.“ Vorbild sei die Planung für das Haus der Statistik. „Da läuft es super“, so Schmidt. Ein schneller Bau sei ohnehin kaum möglich. „Die Baukapazitäten sind jetzt schon voll ausgelastet.“
Nun sollen bis Mitte 2020 Quartiersverträge mit der Nachbarschaft erarbeitet werden. „Frühestens in zwei Jahren kann gebaut werden“, sagt Schmidt, der noch kein Ziel für die Zahl der Neubauwohnungen nennen will. Bei der Stadtentwicklungsverwaltung hält man es sogar „durchaus nicht für ausgeschlossen“, bereits in den kommenden zwölf Monaten mit dem Wohnungsbau zu beginnen. Vielleicht tut sich in Friedrichshain-West nun doch bald mehr, als die vergangenen Jahre erwarten ließen.

Update: In einer ursprünglichen Version dieses Artikel hieß es, dass in Friedrichshain-West seit 2014 nicht gebaut worden sei. Dies ist nicht zutreffend. Es fanden verschiedene Bauprojekte statt. An der Veranstaltung zur Eröffnung der Ausstellung nahm zudem nicht Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher sondern Senatsbaudirektorin Regula Lüscher teil.