Markthalle Neun

Erst Aldi-Kündigung, dann Kochschule: Protest wird schärfer

Ein Berliner „House of Food“ soll einziehen. Die Menschen im Kiez fühlen sich erneut übergangen.

Für die Einen Fremdkörper in der Feinschmeckerhalle, für die Anderen vertrauter Anlaufpunkt: Aldi in der Markthalle Neun

Für die Einen Fremdkörper in der Feinschmeckerhalle, für die Anderen vertrauter Anlaufpunkt: Aldi in der Markthalle Neun

Foto: Patrick Goldstein

Der Streit um die Kündigung der Aldi Filiale in der Kreuzberger Markthalle Neun weitet sich aus. In der Nachbarschaft gerät nun ein 3,2-Millionen-Euro-Vorhaben des Senats in den Fokus, das die drei Betreiber in ihr Haus holen wollen: eine Ausbildungsstätte für gesundes Kochen. Das Vorhaben wurde jetzt europaweit ausgeschrieben. Im Kiez und in den sozialen Netzwerken mehren sich nach dem Bekanntwerden die Stimmen von Anwohnern, die einen Zusammenhang mit der Kündigung ihres Stamm-Discounters sehen. Das neue Berliner Leuchtturmprojekt sehen sie als weitere Maßnahme, durch die sie ausgegrenzt werden würden - in ihrem eigenen Kiez.

Unter den Aktivisten ist Filmemacherin Stefanie Köhne. Die 56-Jährige aus der Pücklerstraße, die etwa über Facebook-Seiten wie „Aldi bleibt“ mit der Nachbarschaft vernetzt ist, sagt: „Der Auftrag einer Markthalle ist es, dass dort alle einkaufen können. Arme wie Reiche. Mit dem neuen Projekt werden schon wieder die Leute aus der Umgebung nicht mit einbezogen.“

Neue Ernährungsstrategie des Landes

Bislang gibt es keinen Standort für das geplante „Berliner Zentrum für gute Ernährung“. Federführend bei der Entwicklung einer neuen Ernährungsstrategie des Landes Berlin ist Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Grüne). Das neue Zentrum soll voranbringen, was im rot-rot-grünen Koalitionsvertrag angekündigt ist: „Die Koalition wird den Anteil an Bio-Essen in Kindertagesstätten, Schulen, Kantinen, Mensen und beim Catering in öffentlichen Einrichtungen bis 2021 deutlich erhöhen“, steht darin. Dazu soll ein Ort geschaffen werden, an dem Köche und Küchenpersonal lernen, nach Bio-Art zu arbeiten.

Berlin sucht jetzt europaweit in einem sogenannten Interessenbekundungsverfahren Träger, die ein solches Projekt auf die Beine stellen. Das Land lässt sich die Ernährungswende einiges kosten: Für den Aufbau des Zentrums sind 2019 rund 400.000 Euro im Haushalt festgeschrieben. Für 2020 sind 1,2 Millionen Euro, für 2021 1,6 Millionen Euro avisiert. Bewerber können bis zum 27. März Unterlagen einreichen.

Das Vorbild entstand 2007 in Kopenhagen. Das dortige „House of Food“ sorgte als Stiftung dafür, dass inzwischen in 900 Küchen kommunaler Einrichtungen der Stadt organisch gekocht wird. Eine Umsetzung der Idee betreiben auch die Chefs der Markthalle. Im vergangenen Oktober stand bei ihren Veranstaltungen „StadtLandFood-Festival“ und „-Woche“ die Neuorientierung in Kantinen von Kitas, Schulen und landeseigenen Unternehmen im Mittelpunkt. Co-Geschäftsführer Nikolaus Driessen erinnert an einen Besuch des stellvertretenden Direktors des House of Food, Kenneth Højgaard: „Nach einer dreistündigen Führung durchs Haus sagte er, dies sei das ideale Umfeld für eine Berliner Variante.“

„Wir sind schon genug belastet“

Auch Anwohnerin Köhne räumt ein, dies sei „bestimmt ein ganz tolles Projekt“. Aber: „Viele von uns sind sicher, dass Aldi wegen dieser Ausbildungsstätte gehen muss. Da wird gar nicht gefragt, ob das in das Umfeld passt. Was haben zum Beispiel die Schulen in der Gegend davon, wenn Köche aus ganz Berlin herkommen, um zu lernen, wie man organische Gerichte zubereitet, wenn die Schulen in der Gegend überhaupt keine Küchen haben, in denen frisch gekocht wird?“

Driessen dagegen sagt, das Viertel werde etwa durch Kochlehrgänge für Anwohner profitieren. Musikerin, Publizistin und Anwohnerin Christiane Rösinger kommentierte auf Facebook: „Das Konzept ist ja gut und das House of Food bestimmt eine gute Sache - aber bitte nicht in der Markthalle - wir sind schon genug belastet mit Schaulustigen, Touristen, Foodenthusiasten, Lieferverkehr.“

Die Markthalle hatte dem Discounter zum 31. Juli gekündigt. Driessen verweist als Grund auf das von vornherein angekündigte Konzept kleiner Händler. Angesichts Aldi und dessen Rundumsortiment im Haus seien ihm bereits „vier Fischhändler abgesprungen, wir wollen nicht auch noch den fünften Interessenten abschrecken“.

Anfeindungen wurden immer schärfer

Ende Januar wurde ein Vertrag mit der Drogeriekette „dm“ geschlossen. Als jetzt die Anfeindungen wegen der Aldi-Schließung immer schärfer wurden - in Mails, persönlichen Gesprächen und Mitteilungen am schwarzen Brett im Eingangsbereich -, erklärten die Betreiber der Markthalle auf ihrer Webseite, man prüfe die baulichen Voraussetzungen für die Unterbringung eines Berliner House of Food. Dies sei aber „unabhängig von dem Einzug von dm“.

In einem neuen Konzept für das Großmarktgelände Beusselstraße in Moabit mit rund 100 Händlern hatte die Markthalle Neun im Februar 2018 die Umsetzung der Kopenhagener Idee bereits ins Spiel gebracht. Nun soll sie in Kreuzberg Realität werden. Im Dezember stellten Driessen und Co. einen Bauantrag im Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, wo auch die Untere Denkmalschutzbehörde ihre Zustimmung geben muss. Die Aldi-Befürworter im Kiez gruben bei ihrer Online-Recherche das dort bereits veröffentlichte Exposé eines Architekturbüros Stark + Stilb Architekten aus. In Grundriss, Simulation und Modell wird die neue Etage auf dem jetzigen Discounter mit Lehrküche, Seminarräumen, Büros und Sanitärflächen dargestellt. Nachbarn wie Stefanie Köhne fühlten sich erneut überrumpelt. Nikolaus Driessen räumt inzwischen Fehler bei der Kommunikation mit den Menschen im Viertel ein.

Petitionstitel: „Kiez Markthalle - Keine Luxusfressmeile“

Nächster Schritt ist nun: Mit zwei Bewerbern um die Trägerschaft eines Zentrums für gute Ernährung haben sich Driessen und seine Partner abgestimmt. Dem zukünftigen Betreiber will sich die Markthalle dann als Vermieter anbieten. Anwohnerin Köhne winkt ab. Den Geschäftsführern gehe es mit der Ansiedlung lediglich „um eine Aufwertung ihrer Immobilie.“

Alles sieht nach einer völlig festgefahrenen Situation aus. Driessen will auf mehr Kommunikation setzen, die Aktivisten um Stefanie Köhne versuchen, in der Politik Verbündete zu finden und werben für eine Petition auf openpetition.de. Titel: „Kiez Markthalle - Keine Luxusfressmeile“.

Nach seiner Position gefragt, antworte Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) der Berliner Morgenpost mit einem dann in den sozialen Netzwerken verbreiteten Statement: Die Markthalle unterliege nun einmal ökonomischen Zwängen, womit auch der Mitbestimmung Grenzen gesetzt seien. Anderseits: „Wichtig ist in der Tat, dass die Markthalle auch für Menschen mit geringem Einkommen Angebote hat.“ Bei der Annäherung von Unternehmern und Nachbarn sei er bereit zu moderieren, so Schmidt. Michael Heihsel von der FDP-Gruppe in der Bezirksverordnetenversammlung sagte, es müsse den Betreibern freistehen zu entscheiden, ob Aldi in ihr Konzept passe oder nicht. Den Vorwurf von Anwohnern, die Markthalle sei elitär, könne er jedoch auch verstehen. „Ich war bei einer Veranstaltung dort, bei der der billigste Snack zehn Euro kostete. Und von der Decke hing ein Banner mit der Aufschrift: ‘'Essen für alle’.“