Sextoys

Berliner Dildo-Manufaktur: Schluss mit schmuddelig

Stefanie Dörr fertigt seit 1996 in ihrer eigenen Manufaktur Dildos und Vibratoren. So hat sich das Geschäft verändert.

Bis zu 3000 Dildos und Vibratoren im Jahr: Stefanie Dörr in ihrer Liebesspielzeug-Manufaktur in Kreuzberg.

Bis zu 3000 Dildos und Vibratoren im Jahr: Stefanie Dörr in ihrer Liebesspielzeug-Manufaktur in Kreuzberg.

Foto: Foto: David Heerde

Berlin.  Ein Sex-Shop irgendwo in Berlin, Anfang der 90er-Jahre. Den Eingang des Ladens verhüllt ein schwarzer Vorhang. In dem Geschäft sind ausschließlich Männer. Einige schauen sich in dunklen Kabinen Pornofilme an. Sexvideos und Liebesspielzeug wie Dildos und Vibratoren stehen in den Regalen.

Stefanie Dörr, die gemeinsam mit einer Freundin an diesem Tag den Erotik-Händler besucht, spricht all das nicht an. „Wir fühlten uns nicht willkommen, fast wie Eindringlinge“, sagt die Berlinerin heute über ihren ersten Besuch in einem Sex-Shop.

Fast drei Jahrzehnte später, ein Geschäft im Kreuzberger Bergmannkiez. Stefanie Dörr öffnet die Tür und bittet herein. Sie ist mittlerweile selbst unter die Erotik-Unternehmer gegangen. 1996 hatte die gebürtige Süddeutsche ihre eigene Liebesspielzeug-Manufaktur in einem alten Fabrikgebäude nahe der Oranienstraße gegründet. Seit 2012 ist die Heimstraße das Zuhause von Playstixx. Hier hat Stefanie Dörr nicht nur einen Verkaufsraum, sondern auch eine eigene Produktion.

Erotikhandel klagt über Internet-Konkurrenz

30 verschiedene Dildo- und Vibratorenmodelle stellt Dörr in dem kleinen Raum gemeinsam mit zwei Mitarbeiterinnen her. Bis zu 3000 Stück verlassen jedes Jahr die Manufaktur. Stefanie Dörr hat in ihrem eigenen Geschäft Schluss gemacht mit schmuddelig: Früher seien die Dildos und Vibratoren verschämt in Nachtschränken versteckt worden, sagt sie. Heute würden Kunden ihre Sammlung gerne in ihren Schlafzimmern präsentieren.

Trotz des gut laufenden Geschäfts ist die Berlinerin unter den deutschen Erotik-Händlern die Ausnahme. Unternehmer, die neben dem Handel mit Videos, Dessous, Gleitgel und Liebesspielzeug auch noch eine eigene Dildo-Manufaktur aufgebaut haben, gibt es nach Angaben des Bundesverbandes Erotikhandel kaum. Dabei hätte die Branche Innovationen dringend nötig. Denn die Geschäfte laufen, seit Pornofilme jederzeit und kostenlos über das Internet abgerufen werden können, schlecht.

„Pornografie war immer ein Motor für den Erotikhandel“, sagt auch Uwe Kaltenberg. Die Filmchen lockten vor allem Männer in die Läden, sorgten für gut 60 Prozent des Umsatzes. Die Sogwirkung fehlt der Branche nun. Die ausbleibende Kundschaft war auch ein Grund dafür, dass der traditionsreiche Branchenkrösus Beate Uhse Ende 2017 in die Insolvenz schlitterte.

Branche ist raus aus der Schmuddelecke

Der 65 Jahre alte Rechtsanwalt Kaltenberg ist seit 1991 Geschäftsführer des Verbands und hat die goldenen Zeiten noch selbst miterlebt. Damals hatte der Zusammenschluss der deutschen Sex-Shops 320 Mitglieder. Heute seien es noch 180, so Kaltenberg. Hinzu kommt, dass sich die stationären Händler auch zunehmend gegen Konkurrenten aus dem Internet erwehren müssen.

Das Berliner Start-up Amorelie etwa führt in seinem Sortiment Dildos, Vibratoren, Penisringe oder Liebeskugeln. Das junge Unternehmen wächst seit Jahren und spricht vor allem Frauen und Paare an. Firmen wie Amorelie haben in den vergangenen Jahren auch dafür gesorgt, das Thema Sextoys salonfähig zu machen. „Die viel gerühmte Schmuddelecke habe ich in den allermeisten Sex-Shops auch schon früher nicht gesehen“, sagt Uwe Kaltenberg.

Doch der Umgang mit Dildos und Vibratoren sei „gesellschaftsfähig“ geworden, meint der Rechtsanwalt. Dazu hätten aber auch Messen wie das jährliche Branchentreffen Venus in Berlin beigetragen. Auch Playstixx-Gründerin Stefanie Dörr hat in den vergangenen Jahren eine erhöhte Aufmerksamkeit festgestellt.

Kreationen der Kreuzberger Manufaktur auch im Ausland gefragt

Regelmäßig veranstaltet Dörr in ihrem Geschäft gut besuchte Veranstaltungen wie Junggesellinnen-Abschiede und Verkauf-Events. Dann erfüllt die Unternehmerin auch die Beratungswünsche, die vielen Kunden beim Thema Sex noch immer haben, sagt sie.

Die Kunden von Playstixx kaufen die Produkte sowohl im Laden als auch im eigenen Online-Shop. Das Liebesspielzeug verschickt die Firma aber auch an andere Händler. Sogar im Ausland gibt es mittlerweile Abnehmer für die Produkte aus Kreuzberg.

In Handarbeit fertigen Stefanie Dörr und ihre Mitarbeiterinnen die Dildos und Vibratoren. Das Silikon und auch die elektrischen Bauteile kommen von Zulieferern aus Deutschland. Dörr verzichtet bei ihren Produkten auf Weichmacher und andere Lösungsmittel. Die Kreuzberger Kreationen sind aber nicht nur deshalb besonders hautfreundlich.

Die Gründerin greift in ein Regal, holt ein Modell hervor, dessen Oberfläche an das Aussehen einer Muschel erinnert. „Shelly“, hat Stefanie Dörr das Produkt deswegen getauft. „Die Oberfläche hat eine besondere Stimulierungswirkung“, sagt die Dildo-Expertin. Immer wieder hat sie Ideen für neue Modelle und Formen. Dabei hilft Stefanie Dörr auch ihre Vergangenheit. Denn sie ist studierte Bildhauerin. Der Kunst ist sie gewissermaßen treu geblieben.

Manchmal haben Kunden auch Sonderwünsche

Neue Dildos und Vibratoren entstehen vor der Produktion auf einem Blatt Papier, dann fertigt Dörr in der Werkstatt erste Muster. Immer wieder spricht die Unternehmerin auch mit Gynäkologen und Sexualtherapeuten, um neue Vorlieben und Trends aufzuschnappen. In einem goldfarbenen Vibrator ist etwa eine durchschimmernde Feder eingearbeitet. „Das Produkt ist der ideale sinnliche Begleiter“, findet Dörr.

Manchmal produzieren die Playstixx-Mitarbeiter auch Sonderwünsche. „Mitunter kommen Männer vorbei, die einen Dildo in der Lieblingsfarbe ihrer Frau bestellen“, sagt die Berlinerin. Dörrs Dildos sind nicht nur einfarbig, sondern teilweise auch aufwendig verziert . Das Liebesspielzeug, das zwischen 29 und 150 Euro kostet, ist ein echter Hingucker geworden.

Alle Teile der Serie „Berlin - Stadt der Liebe“