Haus verkauft

Mieter an der Großbeerenstraße bangen um ihr Zuhause

An der Großbeerenstraße in Kreuzberg bangen Mieter einer Hausgemeinschaft, was nach dem Verkauf ihres Hauses nun mit ihnen geschieht.

Ein Abend im Hofgarten: Wie es jetzt mit ihnen weitergeht, weiß in der Hausgemeinschaft von der Großbeerenstraße 19/20 niemand

Ein Abend im Hofgarten: Wie es jetzt mit ihnen weitergeht, weiß in der Hausgemeinschaft von der Großbeerenstraße 19/20 niemand

Foto: Patrick Goldstein

Berlin. Es ist das ungewisse Gefühl der Sorge. Es hat die Alten im Haus erfasst, ebenso die Jungen, die Mütter und die Alleinstehenden. Seit einigen Wochen weiß man an der Großbeerenstraße 19/20, dass das Gebäude verkauft wurde. Ein Fang in bester Lage, im begehrten Kreuzberg 61, nicht weit von der Bergmannstraße. Seitdem lebt eine Hausgemeinschaft, die über Jahrzehnte gewachsen ist, in Ungewissheit.

An diesem Abend sitzen sie wieder zusammen im Hof und sprechen über das, was sie erlebt haben, was ihnen zu Ohren gekommen ist, was der Nachbar sagt, der bereits im Bezirksamt vorgesprochen hat. Dieser Hof ist Produkt ihres Zusammenhalts. Sie haben ihn sich zu eigen gemacht. Ein verborgenes Schmuckstück. "Dabei war das einmal eine Staubwüste", sagt Inga Schüssler. Mit viel Ausdauer legten die Mieter eine Wiese an, was vorübergehend Fußballverbot für die Kinder bedeutete, Blumen kamen hinzu. Aus Paletten und Lärchenholz bauten sie eine kleine Terrasse, die federt und knarrt, wenn man darüber läuft. Die Mülltonnen umstellten sie mit einer Pergola. Entweder man legte als Nachbar mit Hand an oder gab fünf, zehn Euro für die Finanzierung dazu. "Am Ende haben wir einen Preis bekommen", sagt Inga Schüssler, die als Landschaftsarchitektin wusste, wie sich ein karger Hof in einen wohnlichen Treffpunkt umwandeln lässt. "Das war in der Kategorie 'Gemeinschaftliches Arbeiten'." Auf einen Holztisch haben die Mieter nun Wassergläser wie aus dem französischen Bistro gestellt. Urlaubsstimmung im Kiez.

"Wir sind jetzt Teil eines Immobilienportfolios"

Wenn da nicht die Ungewissheit wäre. Im Juli teilte die Hausverwaltung mit, das die Häuser einen neuen Eigentümer haben. Nach Recherchen der Mieter ist es eine im November 2017 in Luxemburg gegründete Firma. Es gab seitdem ein paar beunruhigende Ereignisse. Etwa als eine Mieterin vom Blumengießen aus der Wohnung ihrer verreisten Nachbarn kam und auf mehrere Männer traf. "Sie sagten, sie hätten sich schriftlich angemeldet, die Wohnung solle jetzt besichtigt werden." Auf ihre Entgegnung "Wer sind Sie überhaupt?" hätten die Besucher gesagt, sie seien von einer Bank und der Verwaltung. Ein anderer Mieter erfuhr von einem der ungebetenen Gäste, er sei Gutachter. "Was er im Gebäude sah, sprach er in sein Aufnahmegerät", so Frank Tripp. "Wir sind jetzt Teil eines Immobilienportfolios, hat mir später ein Anwalt gesagt." Die Hausgemeinschaft will jetzt zügig Aushänge anbringen, die Besucher auffordert, sich auszuweisen. "Man wird misstrauisch", sagt Tripp.

Das Verhältnis der Mieter im Haus zu den alten Eigentümern war das vieler Menschen in der Großstadt. "Wir wussten, dass sie in Nordrhein-Westfalen sitzen. Aber hatten nie Kontakt mit ihnen, sie haben jahrelang nichts fürs Haus gemacht", sagt eine Mieterin. Bei der in ganz Deutschland vertretenen Hausverwaltung indes lande man meist nur in der Warteschleife. Im kalten vergangenen Winter fror man lange wegen eines Heizungsdefekts. "In der Höhe meiner Wohnung wird es eh' höchstens lauwarm", sagt sie.

"Wir sind eine gewachsene Hausgemeinschaft", meint Tina Tripp. "Ich habe erlebt, wie hier Kleinkinder aufgewachsen und als junge Erwachsene auszogen sind. Sie kommen uns jetzt wieder besuchen", sagt Liane Swic. Manche Bewohner sind fünf Jahre, manche 40 Jahre im Haus. Von Beruf sind sie Handwerker, Anwältin, Drehbuchautorin, Heilpraktiker, Übersetzer, Musiker. Hier wohnt nicht das chromblitzende Neue Berlin. Hier ist Raum für das ganz normale pure Leben. Jedenfalls bis jetzt.

Die schönen Gründerzeit-Häuser sind begehrt

Die Attraktivität der Umgebung ist Stadt und Bezirk bekannt: Die innerstädtische Lage, die schönen Gründerzeit-Häuser sind begehrt. Seit mehreren Jahren steigt der Druck auf dem Mietwohnungsmarkt. Eigentümer setzen teure Modernisierungen durch, damit steigen Mietforderungen bei Neuvermietungen. Wer kann, macht aus Mietwohnungen Eigentum. Als Gegenmaßnahme wurde der Kiez 2004 zum Milieuschutzgebiet erklärt. Ziel sei es, so steht es in einer Veröffentlichung des Bezirks, "die ansässige Wohnbevölkerung vor Verdrängung zu schützen sowie soziale und städtebauliche Fehlentwicklungen zu vermeiden". Rund 7000 Menschen leben dort. Die 20 Parteien an der Großbeerenstraße 19/20 zahlen in ihren 65 bis 90 Quadratmeter großen Wohnungen eine Kaltmiete von 6.60 Euro.

Wenn die Wohnungen in Eigentum umgewandelt werden, habe man ja Vorkaufsrecht, sagt eine Bewohnerin. "Aber wer von uns hätte 500.000 Euro, um zu kaufen?" In der Runde schütteln sie die Köpfe. "Und was, wenn die jetzt versuchen, uns mit Baustellenmobbing hinauszudrängen", sagt Tina Trip und meint Entmieten durch Lärm und Bauschmutz.

Was die Hausgemeinschaft lange nicht verstand: Warum hat der Bezirk nicht von seinem Vorkaufsrecht Gebrauch gemacht, obwohl das Haus in einem Milieuschutzgebiet liegt. So setzte Frank Tripp in Absprache mit den Nachbarn einen Brief an sechs Adressaten auf, darunter Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann und Baustadtrat Florian Schmidt (beide Grüne). "Stark steigende Mieten können wir uns nicht leisten", heißt es darin. "Bei Bekannten und Freunden im Kiez konnten wir sehen, was geschieht, wenn Häuser wie die unseren nicht vom Bezirk gekauft, sondern auf dem freien Markt gehandelt werden. Wir wollen nicht die Nächsten sein, die ihren Kiez verlassen müssen, der auch durch unsere Gemeinschaft in seiner Lebendigkeit und Vielfältigkeit geprägt wird. Wir sind das 'Milieu' und deshalb erhoffen wir uns von Ihnen jetzt den dazugehörigen Schutz." Die erhoffte Antwort vom Baustadtrat blieb bisher aus.

Aus der zuständigen Fachabteilung erfuhren die Mieter, dass die Vergangenheit ihrer Domizile entscheidend ist. Es sind ehemalige Sozialmietwohnungen. Nachdem die früheren Eigentümer die Förderdarlehen laut den Mietern 2017 vollständig zurück gezahlt hatten, bleiben die Sozialbindungen immerhin zwölf Jahre bestehen. "Das heißt aber nicht, dass wir für den gesamten Zeitraum geschützt sind", sagt Tripp. "Die Regelung lässt sich aushebeln. Und dann können Eigentümer bereits nach sieben Jahren wegen Eigenbedarfs kündigen."

Rund um den Holztisch im Hofgarten ist es frisch geworden. Die Geschichte der Hausgemeinschaft ist auserzählt, Gläser werden zusammen geräumt. "Wir haben uns lange in einem Dornröschenschlaf befunden", gibt Landschaftsarchitektin Schüssler zu, und Frank Tripp ergänzt. "Wir haben alle davon geträumt, hier alt zu werden. Aber daraus wird wohl nichts." Dabei haben die Mieter von der Großbeeren 19/20 längst nicht aufgesteckt. In einem neuen Schreiben an die Hausverwaltung teilen sie höflich mit, dass man vorerst niemanden in die Wohnungen lassen werde, solange die neuen Eigentümer nicht im Grundbuch stehen.

+++ Berlin-Podcast +++ In der aktuellen Ausgabe „Molle und Korn“: Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, in der Folge gab es Begrüßungsgeld: Was kauften die Menschen davon? Außerdem: Berlin sucht einen Feiertag – und der Schienenersatzverkehr bei der S-Bahn

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