Baupläne

Mehr Lebensqualität für das RAW-Gelände

Das berüchtigte Party-Areal bekommt als erste neue Baumaßnahme ein Musikhaus. Der Eigentümer investiert zehn Millionen Euro.

Begehung in der ehemaligen Radsatzdreherei

Begehung in der ehemaligen Radsatzdreherei

Berlin.  Plötzlich kommt Wind auf, der durch die schmalen Wege und Gassen des RAW-Geländes fegt und den Besuchern der Baustelle den Sand in die Augen weht. Das vom Party-Volk geliebte, aber bei Anwohnern eher umstrittene Areal hat noch viel Fine-Tuning vor sich, soll es auch tagsüber zu einem Ort werden, an dem es sich gut verweilen lässt. Ein erster Schritt ist nun getan. Im kommenden Jahr soll an dieser Stelle ein Musik- und Medienhaus stehen.

Eigentümer ist die Kurth-Gruppe aus Göttingen, der seit 2014/15 rund 5,2 der sieben Hektar des Areals gehören. Im ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk, kurz RAW, ist die Gruppe im Begriff, ein erstes Projekt zu realisieren. In der ehemaligen Radsatzdreherei sollen auf drei Etagen mit 4500 Quadratmetern Nutzfläche Räume für Mieter aus der Musikwirtschaft entstehen.

Früher fuhren in das Gebäude Waggons ein, um aus Gräben, die sich unter den Wagen befanden, repariert und gewartet zu werden. Es ist eine der ältesten Industriehallen Berlins. "Wir hätten es abreißen können", sagt Lauritz Kurth von der Geschäftsführung. Denkmalschutz lag nicht vor. "Aber es gehörte für uns zur Gesamtheit des Geländes."

Gebäude komplett entkernt

Eine Überprüfung der Bausubstanz führte zu einem radikalen Schritt: Nur die Fassade und das stählerne Trägerwerk ließ man stehen. "Wenn ich danach oben auf dem Rand der Fassade stand," sagt Gunnar Ring vom beauftragten Büro Zoomarchitekten, "schaute ich in ein mehrere Etagen tiefes Loch." Die Träger waren dagegen in so gutem Zustand, dass sie lediglich mit moderner Brandschutzfarbe aufbereitet werden mussten. Ihrer Tragfähigkeit angemessen, wurden keine Stahlbetonecken eingezogen, sondern die leichteren Ziegeleinhangdecken.

Für die Kurth-Gruppe wurde das Bauvorhaben teurer als zunächst vorgesehen. "Der Boden war so stark kontaminiert, dass alles herausgestemmt und abtransportiert werden musste." Die Kosten für den Bau liegen jetzt bei zehn Millionen Euro. Mehrkosten verursachten auch ökologisch nachhaltige Maßnahmen wie die Einrichtung eines Regenwasserspeichers, Fotovoltaik auf dem Dach und die Verlegung von Fernwärme. Ein architektonischer Hingucker soll eine schwebende Brücke durch das auf Originalhöhe belassene Foyer sein. Die Fassade wird nach historischem Vorbild gestaltet: Bis auf ein Säubern und Ausbessern der verwendeten Steine gibt es keine Veränderung.

Erste Mieter ziehen Anfang 2019 ein

Im Erdgeschoss zieht Anfang 2019 der erste Mieter ein. Das Unternehmen "Noisy" bekommt 23 Proberäume. Das Besondere: Künstler buchen den Raum mit kompletter Ausrüstung, also samt Verstärkern, Instrumenten und Gesangsanlage. Das ist ideal für Bands, die sich erst musikalisch kennenlernen wollen, oder für Musiker, die ohne Ausrüstung anreisen. In Musikstädten wie Los Angeles und London hat sich dieses Konzept längst etabliert.

Eine Herausforderung für Architeken wie Gunnar Ring war, zu verhindern, dass sich die Bands gegenseitig akustisch stören. "Darum konstruierten wir die Räume so, dass sie allein für sich als abgeschlossene Boxen auf Federn stehen. Es gibt sonst kein Berührung mit dem Haus. Ihre Schwingungen übertragen sich nicht nach außen", sagt Ring.

In die erste Etage zieht die Musik-Schule BIMM ein. Das British & Irish Modern Music Institute bildet an Gitarre, Schlagzeug, in Gesang, Songwriting, Musikproduktion und Musikbusiness aus. Ihr Stockwerk bekommt weitere Übungsräume, Probebühnen und Büros. Die oberste Etage belegen verschiedene Mieter: Künstleragenturen und Produzenten. Die Kurth Gruppe verhandelt noch mit Interessenten. "Bis April ist das Haus bezogen", sagt Cornelius Kurth.

Gewalt und Drogen auf dem Party-Areal

Die Begehung der Baustelle hat an diesem Tag Interessenten, Gewerbetreibende, Nachbarn und einen Beamten vom örtlichen Polizeiabschnitt angezogen. Anwohnerin Monika sagt danach, was sie gesehen und gehört hat, gefalle ihr, aber im Grunde sei sowieso "alles besser, als der jetzige Zustand." Schließlich vereine das herunterkommene Areal derzeit Partymacher, Kriminelle, feiernde Touristen. Es wird unverhohlen gedealt, es gibt Gewalt. Im August 2015 stach man einen Freund der Sängerin Jennifer Weist nieder, im Februar 2016 wurde ein Dealer umgebracht. Monika sagt, man versuche als Passant, "schnell am Gelände vorbeizukommen, ohne angequatscht zu werden".

Die 44-Jährige, die selbst in der Musikwirtschaft tätig ist, wünscht sich grundlegende Veränderungen. "Das ist ein Riesenareal, das für mich überhaupt nicht nutzbar ist", sagt sie. Stattdessen wünscht sie sich einen Anlaufpunkt, an dem man nach der Arbeit gern etwas isst, Lebensmittel kauft, "vielleicht so etwas wie einen Pilates-Kurs belegt".

Genau dorthin will die Kurth Gruppe ihre Investition steuern. "Wohnen wird es nicht geben, das will der Bezirk nicht", räumt Lauritz Kurth ein. So zielt man auf die Errichtung eines Lifestyle-, Versorgungs- und Dienstleistungszentrums. Man wolle Kunst, Kultur, Arbeitsplätze und Nahversorgung für den Kiez, sagt sein Bruder Cornelius. Wo das Gelände bislang nur nachts genutzt wird, soll ein umgewandeltes RAW-Areal 24 Stunden lang Anlaufpunkt sein, mit Markt, Einzelhandel, Büros, Kitas und Ärztepraxen.

Der Bezirk hat im Rahmn eines sogenannten Dialogverfahrens Gesprächs- und Arbeitsrunden ins Leben gerufen, in denen Anwohner, derzeitige Veranstalter, Initiativen, Politik, Investoren und perspektivische Mieter zusammen sitzen und den unterschiedlichen Bedarf klären. So gibt es bislang keine fest stehende Planung. Begegnungsstätten, klare Durchwegung, Grün und ein Hochhaus sind etwa in der Diskussion, vielleicht auch zwei. Bis Ende des Jahres ist das Dialogverfahren laut Cornelius Kurth abgeschlossen. Nach dreieinhalb Jahren als Eigentümer wolle er nicht mehr "im luftleeren Raum" agieren. "Wir brauchen Planungssicherheit."

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