Fotoprojekt

Selbstporträts mit der Kamera der Wahrheit

Das einzigartige Fotoprojekt „Imago“ in Kreuzberg lockt chinesische Investoren an. Doch es gibt auch Probleme.

Susanna Kraus vor der Imago-Kamera. Neben ihr steht ein Selbstporträt ihres Vaters Werner mit Erhard Hößle

Susanna Kraus vor der Imago-Kamera. Neben ihr steht ein Selbstporträt ihres Vaters Werner mit Erhard Hößle

Foto: Reto Klar

Irgendwann kam der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk in das Atelier im Aufbau-Haus, gleich um die Ecke vom Kreuzberger Moritzplatz. Sloterdijk sollte hier fotografiert werden. 20 Minuten Zeit habe er nur, sagte Sloterdijk gleich zu Beginn. Drei Stunden später hätte er fast seine Verabredung vergessen.

Susanna Kraus erzählt diese Episode, um zu verdeutlichen, welche Faszination von der Kamera ausgeht, die nahezu den gesamten Raum des Ateliers einnimmt. Kraus ist Fotografin und Inhaberin der Imago-Kamera, der größten begehbaren Großbildkamera der Welt. Der Koloss aus Stahl ist ein wahres Ungetüm: drei Tonnen schwer, vier Meter hoch. Doch die Technik hat eine weiche Seele. So wie Peter Sloterdijk sind viele Menschen fasziniert von der Art der Fotografie, der Brillanz der Bilder und der Wahrheit der Aufnahmen.

„Die Menschen sind hier ganz bei sich, sie entdecken sich neu“, sagt Susanna Kraus an einem Nachmittag im April über die lebensgroßen Fotografien an ihrer Wand. Kraus hat einen Cappuccino aus dem Café nebenan geholt, die Sessel verschoben. Jetzt will sie erzählen, über ihre Liebe zu der Imago-Kamera, ihren Vater und der Sache mit den Chinesen, die ein solches Gerät gerne auch in Schanghai aufbauen würden.

Die Kamera Werner Kraus, Vater von Susanna, ist der Erfinder der Imago-Kamera. 1970 bekommt der Forscher Kraus von Daimler-Benz den Auftrag, die Entwicklung des Wankelmotors zu dokumentieren. Um den Verbrennungsvorgang in Lebensgröße abbilden zu können, konstruiert er ein spezielles und extrem lichtstarkes Objektiv. Nach dem abgeschlossenen Auftrag erkennt Kraus das Potenzial der Idee: Gemeinsam mit dem Bildhauer Erhard Hößle entwirft er die Kamera. Nach zwei Jahren Bauzeit präsentieren die Erfinder die Imago 1972 der Münchner Kunstszene. In den Jahren darauf gibt es zahlreiche Ausstellungen, auch Tochter Susanna macht Hunderte Fotos. 1978 stellt der Hersteller die Produktion des speziellen Fotopapiers ein. Kraus und Hößle müssen die Arbeit mit der Kamera beenden. Fast 30 Jahre lang wird sie in einem Kunstmuseum der bayrischen Landeshauptstadt lagern.

Die Wiederentdeckung Als Susanna Kraus 2004 einen langjährigen Freund beschenken will, erinnert sie sich an die Aufnahmen. Kraus, die zu dieser Zeit als Schauspielerin am Theater und auch für das Fernsehen arbeitet, findet die Kiste mit den Fotos auf dem Speicher des väterlichen Hauses in München. „Mir ist schlagartig alles wieder eingefallen“, sagt sie heute. Die Magie der Bilder lässt die Künstlerin bis heute nicht mehr los.

Die Technik Susanna Kraus will das Foto-Projekt wieder aufleben lassen. Doch das dafür benötigte Papier wird längst nicht mehr hergestellt. Das sogenannte Umkehrpapier war ursprünglich für Reproduktionen genutzt worden. Doch Kopier- und Plottertechniken hatten Anfang der 80er-Jahre das Verfahren überflüssig gemacht. Susanna Kraus nimmt Kontakt zu alten Herstellern auf – und sie hat Glück. Ein Mitarbeiter der ­Firma Ilford aus der Schweiz erinnerte sich an die alte Technik. Einige Monate später hält Susanna Kraus das erste Stück Papier wieder in den Händen. „Unmittelbarer geht es nicht, den Menschen abzubilden“, sagt Kraus.

Das Verfahren, das so ähnlich auch bei einer Sofortbildkamera funktioniert, nennt die Künstlerin „Lichtmalen“. 370 Euro kostet heute ein Selfie mit der Kamera. Seit dem Jahr 2006 ist Kraus nun mit der Kamera in Berlin, seit 2011 ist das Atelier im Aufbau-Haus das Zuhause des Stahlkolosses. Mehr als 2000 Menschen haben seitdem Fotos mit der Kamera gemacht, schätzt Kraus. Der Raum der Wahrheit ist im Inneren des Geräts. In der kleinen Kammer beginnt gewissermaßen die Reise zu sich selbst. Nur mit Objektiv, Spiegel und Selbstauslöser. „Die Kamera ist ehrlich, zeigt die Menschen, wie sie sind. Man darf nicht eitel sein, sollte die Fotos als Kunstprojekt sehen“, erklärt Kraus. Nach dem Drücken des Auslösers entwickelt Susanna Kraus die Fotografie innerhalb von zwölf Minuten.

Die Sache mit den Chinesen Eines Tages im Jahr 2015 betreten die Zwillings-Brüder Raymond und Andy Shi den Raum am Moritzplatz. Die chinesischen Geschäftsleute sind gerade auf Deutschland-Reise. Auf Einkaufstour mit viel Geld im Gepäck planen die Brüder Unternehmen zu erwerben – oder zumindest das Know-how. Raymond und Andy Shi sind in China seit Jahren im Fotografie-Geschäft tätig und von der Kamera im Atelier von Susanna Kraus sofort begeistert. Eine Woche später melden sich die Brüder per Telefon und laden Susanna Kraus nach Schanghai ein.

Kraus hat mittlerweile auch eine mobile Imago-Kamera bauen lassen, mit der die Künstlerin schon seit Jahren durch Europa tourt. Die Schau in der chinesischen Metropole soll drei Monate andauern. Kraus sagt zu. Während der Ausstellung bereiten ihr die Geschäftsleute Shi ein Angebot: Kraus soll eine weitere Kamera für den chinesischen Markt bauen. Kosten der Projekts: rund eine Million Euro. Darin eingerechnet sind aber auch die hohen Zölle, die China für die Einfuhr des Geräts erheben wird. Nachdem ein Teil der Anzahlung eingegangen ist, legt Susanna Kraus los.

Gemeinsam mit ihrem Sohn Jakob, der Bootsbauer ist, entwirft die Künstlerin die neue Imago-Kamera, schmaler, etwas futuristischer im Design. Kraus stellt neue Mitarbeiter ein. Es vergeht fast ein Jahr, bis sie merkt, das etwas nicht stimmt. Die Chinesen haben seit Monaten kein Geld mehr überwiesen. Kraus legt den Weiterbau der Kamera auf Eis. Kontakt zu den Geschäftsleuten aus Schanghai gibt es aber nach wie vor. „Wir bauen weiter, wenn wieder Geld auf dem Konto ist“, sagt Kraus. Fünf Monate Bauzeit bräuchte das Projekt noch bis zu Fertigstellung. Nach wie vor geht die Künstlerin davon aus, den Bau bald abschließen zu können.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.