Verkehrsgeschichte

Vor 175 Jahren wurde der Berliner Ostbahnhof eröffnet

1950 erhält die Station den Namen Ostbahnhof, 1987 wird er zum Hauptbahnhof. Nach der Teilung Berlins bekommt er seinen Namen zurück.

Der Ostbahnhof um 1965: Zu DDR-Zeiten hatte die Station eine große Bedeutung und wurde 1987 sogar zum Hauptbahnhof

Der Ostbahnhof um 1965: Zu DDR-Zeiten hatte die Station eine große Bedeutung und wurde 1987 sogar zum Hauptbahnhof

Foto: hcb/ 360-berlin.de

Rechts eine breite Glasfront, die ein wenig an den abgerissenen "Palast der Republik" erinnert. Auf der linken Seite eine dieser gesichtslosen Hotelfassaden sowie ein neungeschossiger Zweckbau, von denen es viele in der Stadt gibt. Wer auf dem schmucklosen südlichen Vorplatz des Berliner Ostbahnhofs eintrifft, wird kaum auf die Idee kommen, vor der ältesten noch in Betrieb befindlichen Bahnstation der Stadt zu stehen. Ende Oktober 1842, also vor 175 Jahren, ist sie eröffnet worden – damals als Frankfurter Bahnhof. Erst im Bahnhofsinneren werden die eigentlichen Dimensionen deutlich: Da liegen vier Gleise für Nahverkehrszüge (heute die S-Bahn) und fünf Gleise für Regional- und Fernbahnzüge nebeneinander, überspannt von zwei riesigen Kuppeldächern aus Stahl und Glas – fast 14 Meter hoch, 260 Meter lang und zusammen 98 Meter breit. Eine Kathedrale der Mobilität.

Der König ist gegenüber der Eisenbahn skeptisch

Die Geschichte der Eisenbahn beginnt in Preußen zögerlich. König Friedrich Wilhelm III. kommentiert 1835 die Pläne einer Schienenverbindung zwischen Berlin und Potsdam, der ersten in Preußen, mit den launigen Worten: "Kann mir keine große Seligkeit davon versprechen, ein paar Stunden früher in Berlin oder Potsdam zu sein." Zum Vergleich: In England verkehrt die erste Linie, die auch Personen befördert, seit 1825, in Deutschland, zwischen Nürnberg und Fürth seit 1835.

Eine radikale Veränderung der Fortbewegung. Goethe, der 1832 stirbt, reist noch mit der Kutsche über die Alpen nach Italien, das ist nicht nur unbequem, sondern auch gefährlich, denn Überfälle gibt es häufig.

Zu stoppen ist der Siegeszug der Eisenbahn nicht durch einen zweifelnden König. Letztlich sorgen die Triebfedern des Kapitalismus für den Ausbau, der die Industrialisierung befördert. Das erkennt der Kronprinz und spätere König Friedrich Wilhelm IV. im Jahre 1838, als die Strecke zwischen Potsdam und Berlin eröffnet wird: "Diesen Karren, der durch die Welt läuft, hält kein Menschenarm mehr auf."

Mit Inbetriebnahme der Stadtbahn 1882 wird aus dem Kopf- ein Durchgangsbahnhof

In den kommenden Jahren investieren private Eisenbahngesellschaften in ihr Netz, auf die Potsdamer Bahn folgten innerhalb weniger Jahre die Berlin-Anhalter-Eisenbahn und Verbindungen nach Stettin, Hamburg und Frankfurt (Oder). Für letztere wird der gleichnamige Bahnhof gebaut und am 23. Oktober 1842 eröffnet. Knapp 40 Jahre später bekommt er eine zweite Halle und einen neuen Namen: Schlesischer Bahnhof, denn von dort fahren auch die Züge ins aufstrebende Breslau ab. Mit Inbetriebnahme der Stadtbahn 1882 wird aus dem Kopf- ein Durchgangsbahnhof.

Und er geht auch in die Literatur ein. Der Schriftsteller Hans Fallada lässt in dem Epochenroman "Wolf unter Wölfen" den Rittmeister a. D. und Rittergutspächter Joachim von Prackwitz-Neulohe im Juli des Inflationsjahres 1923 in den Schlesischen Bahnhof, nein, nicht einreiten, sondern einfahren. In einem aus dem Osten des Reiches kommenden früheren Fernzug, mit "klappernden Fenstern, zerbrochenen Scheiben, zerschnittenen Polstern". Nach Passieren der "Weichen und Kreuzungen von Stralau-Rummelsburg" kommt "die Ruine eines Zuges" zum Halten.

Joachim von Prackwitz-Neulohe sucht Erntehelfer – und findet ein mieses Viertel mit diversen Bordellen rund um den Bahnhof. Zu der "Trostlosigkeit der Fassaden, den üblen Gerüchen, der öden, dürren Steinwüste kam eine wilde, verzweifelte Schamlosigkeit, Geilheit aus der Gier, einmal selbst etwas zu sein in einer Welt, die in sausender, irrer Fahrt jeden mitriß, unbekannten Dunkelheiten zu".

Die nächsten zwei Umbenennungen gibt es zu DDR-Zeiten. 1950 erhält die Station den Namen Ostbahnhof, 1987 wird er zum Hauptbahnhof. Wenig später ist die Teilung Berlins Vergangenheit, eine neue zentrale Station entsteht in Mitte, 1998 bekommt der Ostbahnhof seinen Namen zurück.

Das Areal um die Arena könnte den Bahnhof beleben

Bahnhofsmanager Matthias Scholz will sich gar nicht so sehr mit Vergangenheit aufhalten, sondern viel lieber den Blick voraus werfen. Denn auch wenn der Ostbahnhof längst nicht mehr die Bedeutung wie etwa zu DDR-Zeiten hat, herrscht in der Station immer noch viel Betrieb. 322.000 Zughalte gab es 2016, damit liegt der Ostbahnhof im Verkehrsaufkommen immerhin noch auf Platz acht in Berlin. Die S-Bahn legt auf vier Linien im Bahnhof einen Zwischenstopp ein, auch die Züge besonders fahrgaststarker Regionallinien halten hier im Abstand von wenigen Minuten.

Nur Fernzüge sind in den vergangenen Jahren immer weniger geworden: Ein paar wenige ICE und die Eurocity nach Warschau und Amsterdam stehen noch auf den großen gelben Plakaten, auf denen die Bahn die Zugabfahrten veröffentlicht. Mit täglich rund 72.000 Reisenden lag der Ostbahnhof 2016 bei der Nutzerfrequenz auf Platz zehn unter Berlins Bahnhöfen, deutlich hinter dem Hauptbahnhof oder den Bahnhöfen Friedrichstraße und Ostkreuz. In diesem Jahr dürfte die Bilanz noch schlechter ausfallen, denn seit Sommer hat das Kaufhaus auf der Nordseite geschlossen. Zu DDR-Zeiten ist der mit bunten Fassadenplatten verkleidete Würfel das modernste Warenhaus des Landes, in dem es so manch rares "Konsumgut" gibt, das anderswo nur unter dem Ladentisch zu haben ist. Die halbe Republik pilgert dorthin, viele kommen mit dem Zug.

Seit der Kaufhausschließung in diesem Sommer ist der nördliche Bahnhofsvorplatz weitgehend verwaist, nur ein paar Döner- und Bratwurstbuden stehen noch. Ein Neubau mit Büros und Wohnungen ist geplant. Wann es losgeht, ist noch offen.

Die Scheiben sind vielfach blind vom Ruß alter Kohlekraftwerke

Bahnhofsmanager Scholz ist sich indes sicher, dass die Zeit für den Ostbahnhof noch lange nicht abgelaufen ist. "Im Gegenteil: In unserer Nähe passiert viel, das wird auch den Bahnhof weiter beleben." Er meint vor allem die Entwicklung im Viertel rund um die riesige, im September 2008 eröffnete, heutige Mercedes-Benz Mehrzweckarena mit bis zu 17.000 Plätzen. Inzwischen entstehen rings um die Halle neue Wohn- und Geschäftshäuser, Hotels und auch ein Großkino.

All das dürfte auch dem Ostbahnhof einen Bedeutungsgewinn verschaffen. Die Bahn setzt auf diese Entwicklung und will in den kommenden Jahren von den für alle Berliner Stationen eingeplanten 560 Millionen Euro immerhin 70 Millionen Euro in den Ostbahnhof investieren. Das meiste Geld fließt in die Sanierung des Kuppeldachs. Die Scheiben sind vielfach blind vom Ruß alter Kohlekraftwerke und dem Dreck der vielen Tauben, auch die stählernen Stützen werden teilweise erneuert. Baubeginn soll in der zweiten Hälfte 2018 sein. "Das wird einige Jahre dauern, weil wir das alles bei rollendem Rad machen wollen", sagt Bahnhofsmanager Scholz.

Im Rahmen der Neugestaltung soll auch die große Vergangenheit des Bahnhofs sichtbarer werden. Eine Idee ist, große historische Fotografien an den Wänden anzubringen. "Mal sehen, was unsere Besucher sich wünschen", sagt Scholz mit Blick auf einen Ideenwettbewerb. Abschluss der Arbeiten soll 2021 sein, vielleicht wird dann das Fest für den Veteranen unter Berlins Bahnhöfen nachgeholt, das zum 175. Jahrestag ausgefallen ist.

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