Kreuzberg

Eines der spannendsten Grünprojekte steht mitten in Berlin

Am Kreuzberger Moritzplatz liegen die Prinzessinnengärten. 25 Mitarbeiter setzen sich für dort urbane Ökologie und Nachhaltigkeit ein.

Wasser marsch! Staudengärtner Matthias Wilkens gießt gelbe Tageslilien und rosa blühende Phlox

Wasser marsch! Staudengärtner Matthias Wilkens gießt gelbe Tageslilien und rosa blühende Phlox

Foto: David Heerde

10:10 Tausende Autos und Radfahrer fahren um den Moritzplatz, an dem sich vor dem Zweiten Weltkrieg ein pulsierendes innerstädtisches Quartier befand. Nach Bombardierung, Mauerbau und Abriss fiel das Areal in einen Dornröschenschlaf, der im November 1989 endete. Seither blüht der Kiez am westlichen Ende der Oranienstraße auf, neue Geschäfts- und Bürohäuser wurden gebaut. Doch eine mehr als 5000 Quadratmeter große Fläche lag brach. "Die Idee, hier Vorzeigeprojekte für Hof-, Dach-, und Fassadenbegrünung in einem mobilen, ökologisch arbeitenden Zentrum zu verwirklichen, hatten wir 2008", sagt Robert Shaw. Der gebürtige Krefelder mit britischem Vater und Marco Clausen hatten das Areal und die Cuvrybrache an der Spree ins Auge gefasst. 2009 erhielt das Team die Genehmigung für den Moritzplatz. Heute sind etwa 25 Menschen in den Prinzessinengärten beschäftigt. Für die Organisation der Prinzessinnengärten arbeitet Shaw am liebsten mit dem Notebook im kleinen Robinenwäldchen. "Das ist hier alles natürlich gewachsen", freut sich der gelernte Friedhofsgärtner und Dokumentarfilmer.

11:40 Christopher Saturnus aus Essex bereitet in der Küche das Tagesessen vor: Gegrillte Kürbisspalten, Mais, Rote Bete und Bulgur. Sechs Euro kostet das stets vegetarische Tagesgericht. Seit vier Jahren arbeitet der 27-Jährige in der Küche. "Bei gutem Wetter ist hier was los, da gehen mehr als 200 Essen raus", sagt er. Im Spätherbst und im Winter jobbt er in einer Bar und macht experimentelle Musik.

12:20 Onia Ellinghaus (19) macht ein freiwilliges ökologisches Jahr. Heute verbringt sie den Mittag mit einer Gruppe geflüchteter Kinder, die in Hellersdorf untergebracht sind. Die 9- bis 13-Jährigen besuchen die Prinzessinengärten und werden bemalt. Danach wird das zu erntende Gemüse ausgesucht. Gurken, Zucchini und Kürbisse sind reif für die Küche. Nach dem Praktikum möchte die Pankowerin in Eberswalde an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung studieren.

13:15 Svenja Nette beschäftigt sich mit der Koordinierung von Förderanträgen. "Ein Großteil der hier arbeitenden Menschen werden projektbezogen finanziert. Die Anträge sind ganz schön umfangreich." Außerdem kümmert sich die 31-Jährige um Anfragen von Gruppen, die in den Prinzessinengärten Informationsveranstaltungen durchführen wollen. "Gerade bearbeite ich eine Anfrage von Slow-Food. Die möchten gerne mit 40 Personen eine Einheit zum Thema Ernte und Saatgut durchführen."

14:10 Hanna Burckardt führt eine Gruppe junger Unternehmer aus Taiwan über das große Gelände. "Das Interesse im In- und Ausland an unserem Projekt ist enorm", berichtet die 28-Jährige, die nebenbei noch bei Wikimedia arbeitet. In Schweden hat sie Urban Gardening studiert, "in diese Richtung wird es auf jeden Fall weitergehen. Grüne Städte sind ein Zukunftsthema", erklärt die in Niedersachsen aufgewachsene Frau. Sie ist überzeugt: "So etwas wie die Prinzessinnengärten ist eine prima Sache für Berlin."

15:10 Frank Däms (56) zimmert eine Holzkiste für ein neues Saatbeet. Däms war 25 Jahre Kraftfahrer. "Dann hat der Rücken nicht mehr mitgemacht." Es folgte Arbeitslosigkeit. "Hier bin ich über eine Maßnahme reingekommen", sagt der Kreuzberger, "das ist wie ein zweites Leben. Man ist draußen, macht was Sinnvolles, und ist unter Leuten." Außerdem hat er in den sechs Jahren, die er hier beschäftigt ist, "viel über Garten und Gartenbau gelernt. Wir unterstützen ja auch Schulen und Kitas mit der Anlage von Gärten."

16:30 Lisa Dobkowitz entlädt Rasenmäher, Heckenscheren, Spaten und anderes Arbeitsgerät aus einem Kleintransporter. Die gelernte Garten- und Landschaftsbauerin kommt von einem Auftrag in Steglitz zurück. "Wir haben in einem Hof Rasen gemäht, vertikutiert und die Staudenbeete gepflegt. Die haben wir zusammen mit den Bewohnern vor einigen Jahren angelegt", erklärt die 39-Jährige. Sie gehört fast von Beginn an zum Team der Prinzessinnengärten. "Wir haben hier einen Vertrag bis 2018 mit Option auf Verlängerung bis 2020." Und dann? "Werden wir sehen. Gerne weiter hier, aber der Garten ist mobil. Den können wir auch an anderer Stelle errichten."

17:40 Staudengärtner Matthias Wilkens gießt zum Feierabend gelb leuchtende Tageslilien und rosa blühenden Phlox. Auf rund 400 Quadratmetern kultiviert er Hunderte Stauden, Heilkräuter und seltene Pflanzen wie Katzenpfötchen oder Wiesenschwertlilien. Eine eigene Sektion ist Bergpflanzen vorbehalten. Wilkens lebt vom Verkauf seiner Pflanzen und hat zusätzlich eine Honorarstelle in den Prinzessinnengärten als Koordinator von Gartenanlagen. Im Winter kümmert er sich um Buchhaltung und Planung.

18:10 Hans Boes repariert vor seiner Fahrradwerkstatt ein Damenrad. Der Diplomwirtschaftler ist ein Tüftler und arbeitet derzeit an der Realisierung von batteriegetriebenen Tretrollern. Stolz zeigt er einen Prototyp. Der ist mit Sensoren ausgestattet, die den Elektrobetrieb nur zuschalten, wenn der Fahrende auch mit dem Fuß Schwung gibt. "So sind die Bestimmungen hierzulande. Aber es wird funktionieren", ist er sicher. Um die Ecke bastelt er an einem Tretroller mit Solarpanelen und abschließbarer Transportbox. Seine Fahrradwerkstatt ist immer mittwochs von 16 bis 19 Uhr geöffnet.

19:20 Vor Johanna Deiß hat sich eine lange Schlange gebildet. Die 33-Jähre hat die Spätschicht an der Getränkeausgabe. Ihre Ausbildung als Grundschullehrerin habe sich nicht als richtige Entscheidung herausgestellt. Seit drei Jahren arbeitet sie in den Prinzessinnengärten, neben dem Bar-Job macht sie Führungen. "Ein wirklich magischer Ort", sagt sie.

20:45 Auch bei Matthew Cough-land (32) herrscht Hochbetrieb. Der Brite backt seit vier Jahren Pizza auf dem Gelände, im holzbefeuerten Backofen. Den Nachmittag über hat er den Teig vorbereitet, Tomaten püriert und mit eigener Kräutermischung verfeinert, Kartoffeln und Salat geschnitten, Heukäse geraspelt. Von 17 bis 22 Uhr werden je nach Wetterlage 50 bis 150 Pizzen gebacken.

Prinzessinnengärten, Prinzenstr. 35–38, Kreuzberg, 0176 24 33 22 97, Mo.–Sbd. 10–22, So. 10–20 Uhr, www.prinzessinnengaerten.net

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