Wolkan ist tiefenentspannt. Für den Spätkaufbesitzer ist es nichts Besonderes, dass an seinem Laden in der Zossener Straße 45 Halligalli ist. An Tagen wie dem „Mayfest“ oder dem Karneval der Kulturen sind die Menschentrauben vor seiner Tür Standard. Wolkan prägt damit dieses eigene Späti-Gefühl, das man so vor allem aus der Hauptstadt kennt. Dort, wo sich der Begriff – schon vielfach wurde drüber geschrieben – geformt hat.

An diesem Freitag ist trotzdem alles anders: Um 17 Uhr beginnen drei junge Typen mit Bauchtasche und Cappy unter einem Zelt vor Wolkans Späti zu rappen. Mit Mikro, Boxen, Tonmann und DJ. Sie nennen sich „BHZ & Friends“. Ziemlich lässig performen sie für 30 Minuten ihren sogenannten Cloud Rap: Da ist nicht mehr der bekannte gangsterhafte Bass sondern blubbernde Wellen voller Synthie-Klängen. Fast schon lähmend langsame Rhythmen, zu denen sich die Meute organisch bewegt.

Die Jungs haben sich neben vier anderen Bands ihren Auftritt beim „Spätival“ bei einem Casting erspielt. Die Deutsche Klassenlotterie Berlin hat dazu aufgerufen. Der Anbieter steckt also hinter diesem ersten „Spätival“ an vier ausgewählten Spätis in Kreuzberg. Lotto-Berlin-Vorsitzende Marion Bleß meint, das sei eine kluge Marketingidee, um Lotto auch für junge Erwachsene attraktiv zu machen. Das Spiel, sagt sie, sei auch ein Stück Kiezkultur. Insgesamt 1000 Annahmestellen gibt es in Berlin, davon sind 15 Prozent Spätkäufe.

Dass niemand der Zuhörer in den Läden weiß, dass Lotto verantwortlich ist, sei bewusst so: „Als legaler Glücksspielanbieter unterliegen wir strengen Werberegeln. Auch deshalb halten wir uns als Veranstalter dezent im Hintergrund.“ Trotzdem keimt da innerlich die Hoffnung, dass mit solchen Aktionen, die auf andere Bezirke ausgeweitet werden soll, ihre „Tipster“ irgendwann Lotto spielen. Eine Wortkombi aus tippen und Hipster. Es könne auch eine Möglichkeit sein, viele, die bei illegalen Anbietern im Netz unterwegs sind, dazu zu bewegen, auf Lotto umzusteigen. „Wir sind staatlich kontrolliert und Lotto ist nicht allzu suchtgefährdend“, so Bleß. Wolkan bezweifelt das. „Die jungen Leute wollen nicht eine Woche darauf warten, ob sie gewonnen haben – die zielen eher auf das ‚schnelle Geld‘“, sagt er.

Zum Späti-Dresscode gehört ein Bierchen

„BHZ & Friends“ ziehen weiter zum nächsten Späti in der Blücherstraße. Die vier Acts rotieren zwischen den Läden. Soundcheck in der Zossener Straße macht nun die 27-jährige Singer Songwriterin Mona Weiss. Ein blondes Mädchen mit Gitarre und ruhiger Stimme. Außerdem spielen an diesem Abend noch „Illegal Boys“ und „The Suns of Shine“. Lotto Berlin zahlt jedem als Anreiz eine Gage von 2500 Euro. Für die Heilerziehungspflegerin ist es auch eine gute Möglichkeit, mal vor ein paar Leuten zu spielen. Sie mag die Späti-Kultur in Berlin übrigens, hängt selbst häufig dort rum.

Als es dunkel wird, werden auch die Zuhörer mehr. Feierabend. Nun beginnt das Umherziehen durch die Stadt, rein ins Wochenende. Zum Späti-Dresscode gehört nun mal ein Bierchen. Auch wenn Bleß betont, dass sie im Sinne der Suchtprävention nicht mit Alkohol in Verbindung gebracht werden will. Rausch und Glücksspiel vertragen sich nicht. Aber da ohnehin niemand wirklich weiß, wer der Organisator des „Spätivals“ ist, hört man die Flaschen klingen. Prost!