Revaler Straße

Gewalt in Friedrichshain - Schattenseite der Party-Metropole

Zwei brutale Gewalttaten an der Revaler Straße sorgen für Empörung. Anwohner sprechen von „unbeschreiblichen Zuständen“.

Das Gelände des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerks in Friedrichshain ist ein Magnet für junge Berliner und Touristen

Das Gelände des ehemaligen Reichsbahn-Ausbesserungswerks in Friedrichshain ist ein Magnet für junge Berliner und Touristen

Foto: Amin Akhtar

Es ist weit nach Mitternacht, als sich vom S-Bahnhof Warschauer Straße noch immer Hunderte vornehmlich junge Menschen auf den Weg zum Gelände des ehemaligen Reichsbahnsausbesserungswerk an der Revaler Straße machen.

Viele von ihnen sind Touristen, sie scheinen sich während einer Berlinreise auf eine wilde Nacht im Friedrichshainer Vergnügungsviertel zu freuen, das weit über die Stadt hinaus als RAW-Gelände bekannt ist. Tausende Menschen bevölkern in dieser Sonnabendnacht das Gelände, die Stimmung ist prächtig.

Drogendealer, Taschendiebe und Straßenräuber

Nur wenige Stunden später tritt nahe dem RAW-Gelände zum wiederholten Mal die Schattenseite der boomenden Party-Metropole Berlin zutage. Seit mehr als zwei Jahren registriert die Polizei Drogendealer, Taschendiebe und Straßenräuber, die in großer Zahl ebenso wie die Partygänger den Kiez bevölkern. Und zu welcher Brutalität sie fähig sind, müssen in der Nacht zu Sonntag innerhalb von 90 Minuten zwei niederländische Touristen und ein 26-jähriger Berliner erfahren.

Die Niederländer setzen sich kurz nach 3 Uhr gegen einen Taschendieb zur Wehr und werden daraufhin von etwa 15 blitzschnell auftauchenden Komplizen des Täters zusammengeprügelt.

Gegen 4.40 Uhr reißt ein minderjähriger Straßenräuber dem 26 Jahre alten Berliner eine Kette vom Hals, der Überfallene hält den Täter fest, und sofort sind weitere vier Täter zur Stelle. Einer versetzt dem 26-Jährigen einen Messerstich in den Hals, das Opfer kommt mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus.

Schlagzeilen durch Facebook-Post

Dass der Fall des 26-Jährigen drei Tage später erst richtig für Schlagzeilen sorgte, ist das Verdienst von Jennifer Weist, Sängerin der Berliner Rockband Jennifer Rostock. Die 28-Jährige war mit dem zwei Jahre jüngeren Mann in Friedrichshain unterwegs und wurde Zeugin der brutalen Attacke auf ihren Begleiter.

Noch immer erkennbar empört über den Angriff auf ihren Begleiter, schildert die Sängerin das Geschehen im Internet und gibt gleich eine Warnung aus. "Auf der Revaler / Warschauer Straße ist eine Bande unterwegs. Die schrecken nicht einmal davor zurück, wegen einer beschissenen Kette zu töten", schreibt die 28-Jährige und fügt gleich noch ein Foto bei, dass die Verletzungen ihres Begleiters zeigt.

Später macht sie in einem Post ihrer Wut über ausländerfeindliche Kommentare Luft.

>> So reagiert das Netz auf die Übergriffe in Friedrichshain <<

"Unbeschreibliche Zustände"

Dabei scheinen die beiden Vorfälle lediglich die Spitze eines Eisbergs zu sein. Anwohner und Geschäftsleute sprechen gegenüber der Berliner Morgenpost von "unbeschreiblichen Zuständen" und regelrechten Gewaltorgien krimineller Banden. Polizeisprecher Thomas Neuendorf bestätigt einen seit zwei Jahren stetig ansteigenden "intensiven Drogenhandel" und ein erhöhtes Aufkommen an Raub, Diebstählen und Rohheitsdelikten.

Damit endet aber auch schon die Übereinstimmung. Anwohner und Lokalbetreiber verbinden ihre Schilderungen selbsterlebter Gewalttaten allesamt mit der Forderung nach mehr Polizei im Kiez. Die sei dort so gut wie nie sichtbar, lautet ein immer wieder erhobener Vorwurf.

Dagegen wiederum wehrt sich die Polizeibehörde. Die Polizei kontrolliere verstärkt mit Sondereinsätzen diesen Bereich. "Allein in den ersten sechs Monaten 2015 wurde durch die zuständige Polizeidirektion 5 insgesamt 234 Sondereinsätze durchgeführt. Darüber hinaus existiert seit Januar 2015 eine mobile Streife, um den Drogenhandel zu bekämpfen", sagt Polizeisprecher Neuendorf.

Schlägereien als Ablenkung

Den Geschäftsleuten vor Ort ist das offenbar nicht genug. Franz-Josef Steiner, Inhaber des Lokals "Mützenbacher" an der Revaler Straße, hat seine eigene Methode, seine Gäste zu schützen. Immer wenn vor seinem Lokal eine Schlägerei ausbricht, und das passiert offenbar regelmäßig, läuft er hinaus, um seinen Gästen im Außenbereich zuzurufen: "Geldbörsen, Handys und alle Wertgegenstände sichern". Für Steiner sind die vermeintlichen Schlägereien ein reines Ablenkungsmanöver. "Wenn alle auf die Schläger achten, räumen die Komplizen die Tische ab", berichtet er.

>> Die Diskussion der Morgenpost-Leser bei Facebook <<

Inzwischen haben sich die Zustände scheinbar auch bei ausländischen Besuchern herumgesprochen. "Wir haben schon zu Hause gehört, in dieser Gegend soll man vorsichtig sein, deshalb sind wir erst mal am Tag hierher gekommen", erzählen drei skandinavische Touristen am Dienstag der Berliner Morgenpost. Für die Polizei ist die Forderung nach mehr Präsenz in Friedrichshain eindeutig etwas Neues, wie ein Zivilfahnder beschreibt: "Normalerweise sind wir hier der Feind und im Einsatz muss man immer damit rechnen, dass von irgendwo her Steine und Flaschen fliegen."

Die Berliner Polizei reagierte am Dienstag mit einem Facebook-Post mit Tipps, wie sich Partygänger bei einem Überfall verhalten sollten.

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