Das Neugeborene war in drei Jacken gewickelt, als es ein Passant in der Nacht zum Mittwoch entdeckte. Es lag in einem Hauseingang in Friedrichshain und war stark unterkühlt. Zurzeit ist sein Zustand aber stabil. Die Polizei sucht nach der unbekannten Mutter und bittet die Bevölkerung um Mithilfe. Auch am Donnerstagmorgen gab es aber zunächst keine neuen Erkenntnisse.
Gegen 1.40 Uhr hat der Passant nach Auskunft der Polizei das dunkle Bündel in der Scharnweberstraße auf dem Boden neben dem Eingang der Hausnummer 38 gesehen. Als er darin das Baby entdeckte, verständigte er die Polizei. Nach Angaben der Beamten war das Kind offenbar kurz zuvor geboren worden und stark unterkühlt. In der Nacht fiel die Temperatur auf 1 Grad Celsius, zudem stürmte es.
Mittlerweile ist sein Gesundheitszustand stabil. Das Baby befindet sich vorerst in der Obhut eines Krankenhauses. Nach Polizeiangaben handelt es sich um ein Mädchen. Ihre Herkunft blieb zunächst unbekannt. Von der Mutter fehlt bislang jede Spur.
„Kein vorschnelles Urteil über die Mutter fällen“
In Berlin passiert es nach Aussage der Polizei sehr selten, dass ein neugeborenes Baby einfach an der Straße zurückgelassen wird. 2014 gab es keinen derartigen Fall, sagte eine Polizeisprecherin. Anwohner der Scharnweberstraße waren zutiefst betroffen, als sie vom Schicksal des Säuglings erfuhren. Anwohnerin Katharina Petzold sagte der Berliner Morgenpost, dass so etwas „total untypisch“ für ihren Kiez sei. „Man sollte aber kein vorschnelles Urteil über die Mutter fällen. Viele Mütter können nicht einschätzen, was auf sie zukommt“, sagt sie. Auch Christiane Jannson kann so eine Tat nicht verstehen: „Was wird wohl in der Mutter vorgegangen sein, warum nur hat sie keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen?“
In Berlin haben immerhin fünf Krankenhäuser eine Babyklappe. Frauen in großer Not können ihre Kinder dort anonym hineinlegen. Die erste Babyklappe wurde vor 15 Jahren am Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede eingerichtet. Initiatorin der Hilfseinrichtung ist Pastorin Gabriele Stangl. In Berlin seien in den vergangenen Jahren etwa 25 Kinder in eine der Babyklappen gelegt worden, sagte sie der Berliner Morgenpost. „Wir brauchen diese Orte der Sicherheit für Frauen, die keinen anderen Weg sehen.“ In jedem Bezirk müsse es zwei solcher Orte geben, forderte Stangl. Außerdem müsse es möglich sein, anonym zu entbinden. Für einige Frauen sei das der einzige Weg, sich in professionelle Hände zu begeben.
Vertrauliche Geburt oder Babyklappe
Der Bundesrat hat indes 2013 ein Gesetz verabschiedet, nachdem die Frauen ihren Namen nennen müssen, auch wenn sie nicht wollen, dass jemand von der Geburt erfährt. Vertrauliche Geburt heißt dieser Vorgang. Wenn das Kind 16 Jahre alt ist, soll es den Namen seiner Mutter erfahren, damit es seine Herkunft kennt. „Dieses Gesetz führt zur Stigmatisierung der Babyklappen“, sagte Stangl. Viele Frauen hätten jetzt Angst, ihr Kind dorthin zu bringen. Es seien zunehmend soziale Gründe, die dazu führten, dass Frauen in Notsituationen kommen.
Die Polizei sucht auch die Mutter und fragt: Wer hat in der Nacht zum Mittwoch zwischen 21 und 3 Uhr Verdächtiges beobachtet, das im Zusammenhang mit der Aussetzung des Kindes stehen könnte? Wer kennt eine Frau, die kürzlich schwanger war oder bei der eine Schwangerschaft vermutet wurde, die nun kein Baby bei sich hat? Hinweise nehmen das Landeskriminalamt unter der Rufnummer (030) 4664-912 555 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.


