Berlin-Kreuzberg

Übermaltes Wandbild soll Signal gegen Gentrifizierung sein

Weil Kunst im öffentlichen Raum zu steigenden Mieten beitrage, habe er die Werke an der Cuvrybrache übermalt, outet sich Kulturwissenschaftler Lutz Henke. Der Künstler Blu soll damit einverstanden sein.

Foto: Marcus Golejewski/Geisler-Fotopress / picture alliance / Geisler-Fotopress

Das Gerücht tauchte auf, kaum waren die Street-Art-Gemälde an der Cuvrybrache übermalt: Der Künstler Blu selbst stecke hinter der Aktion und wolle damit ein Signal gegen die Berliner Stadtentwicklungspolitik setzen. Jetzt hat der Berliner Kulturwissenschaftler Lutz Henke, der nach eigenen Angaben selbst bei der Entstehung eines der Wandgemälde beteiligt war, bestätigt: Er habe gemeinsam mit weiteren Künstlern die Bilder übermalt. Sie wollten ein Signal gegen die Gentrifizierung der Stadt zu setzen, schreibt Henke in einem Beitrag für den britischen "Guardian".

Die beiden Wandgemälde aus den Jahren 2007 und 2008 waren in der Nacht zum 12. Dezember mit schwarzer Farbe übermalt worden. Zunächst hätten viele Zuschauer vermutet, dass der Investor die Wandgemälde des italienischen Künstlers verschwinden lassen wollte. Sie seien ausgebuht worden, während sie in 25 Meter Höhe mit ihren Farbeimern auf der Hebebühne standen, schreibt Henke, der mit seinem Beitrag im "Guardian" diese Vermutungen korrigieren wollte.

Die umzäunte Fläche an der Kreuzberger Cuvrystraße war lange Zeit besetzt und wurde nach einem Großbrand im September 2014 von der Polizei geräumt. Im kommenden Jahr sollen Bauarbeiten für die Cuvry-Höfe mit luxuriösen Wohnungen beginnen. Wann die Bagger kommen, sei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nicht bekannt, sagte eine Sprecherin, noch werde am Bebauungsplan gearbeitet.

Zentrum der Gentrifizierung

Die Gegend sei schon lange ein Zentrum der Gentrifizierung geworden, heißt es in Henkes Beitrag, und die Kunst, vor allem Kunst im öffentlichen Raum, trage zu diesem Prozess bei. Berlin habe sein räumliches Potential verschleudert und dadurch die Existenz seiner größten Attraktion – der Künstler – gefährdet. Die Gentrifizierung zerstöre kreative Räume und versuche anschließend, Kreativität künstlich zu reanimieren. Henke spricht von "Zombifizierung". Die Kunstszene drohe, zu einem Vergnügungspark für diejenigen zu werden, die sich die teuren Wohnungen leisten können.

Ende November hatte die Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) von Friedrichshain-Kreuzberg vorgeschlagen, die Wandgemälde unter Denkmalschutz zu stellen. Statt diesen Versuch zu unterstützen, entschied sich Blu laut Henke, ihrer Zerstörung zuzustimmen. Street Art sei es vorherbestimmt, wieder zu verschwinden. Zugleich, so schreibt Henke, wolle er selbst das Übermalen der Werke aber auch als Weckruf verstanden wissen: um an die Notwendigkeit zu erinnern, lebendige, bezahlbare Räume in der Stadt zu erhalten.

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