Um neun Uhr fahren an diesem Donnerstagmorgen nur wenige Berliner mit ihrem Rad durch den Görlitzer Park. Die meisten von ihnen kommen aus Treptow und wollen nach Kreuzberg. Andere kreuzen zu Fuß den Park, pendeln zwischen Wiener und Görlitzer Straße. Die zahlreichen Ein- und Ausgänge sind unbewacht, die Parkbänke noch verwaist. Doch spätestens von zehn Uhr an wird es voll im Park und in der Umgebung. Die Drogendealer beziehen Stellung. Während Kinder in einer Verkehrsschule im Park das Fahrradfahren und die Verkehrsregeln praktisch erlernen, rasen mutmaßliche „Kuriere“ der Dealer auf Mountainbikes durch den langgestreckten Grünzug zwischen Skalitzer Straße und Landwehrkanal. Sie geben Zeichen. Immer dann, wenn sie einen Polizist oder eine verdächtig erscheinende Person ausmachen winken sie den Dealern oder rufen den Männern etwas zu.
In der Regel sind Polizisten gemeinsam mit Angehörigen des Ordnungsamt gemeinsam auf Streife, um den Kontrolldruck auf mutmaßliche Drogenhändler hoch zu halten. Doch heute gehen die Beamten anders vor, sie wenden sich an potenzielle Kunden der Dealer. Mit Infokarten soll gewarnt werden. Vor dem Kauf von Drogen und den damit verbundenen Risiken. Denn häufig werden die Kunden zu Opfern, sie werden beraubt, überfallen oder bestohlen. Die Dealer bedienen sich etlicher Tricks. Sie locken die Käufer in einen Hinterhof, um das Geschäft abzuwickeln. Nicht selten wird mehr Geld verlangt, es kommt zu Drohungen oder zu Gewalttaten. Im besten Fall soll die Aktion also dazu führen, dass gar keine Drogen mehr gekauft werden.
„Dass die Polizei hier etwas gegen diese Drogenhändler und die Kriminalität tut, ist lobenswert. Doch das reicht nicht. Die Aktion heute ist doch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein. Es gehört inzwischen zum Alltag, dass hier an der Wiener Straße die Leute angepöbelt werden. Und wenn dann die Polizei noch mit Martinshorn vorfährt, sind die Typen gewarnt und rechtzeitig verschwunden“, sagt Celebi Fathi. Er arbeitet in einer Bäckerei und bekommt täglich mit, wenn vor dem Geschäft die Passanten von Drogenhändlern angepöbelt werden. „Natürlich haben wir auch im Geschäft damit zu tun. Nicht selten versuchen Dealer, etwas hier auf der Toilette zu verstecken“, sagt er.
Polizisten verteilen 4000 Info-Karten
Gleichwohl begrüßt er die Aktion der Polizei, die mit 40 Beamten von 12 bis 19 Uhr im Park und der Umgebung im Einsatz war. Wesentliches Ziel der Aktion ist es, mit Gesprächen vorbeugend zu informieren. Die Beamten verteilen 4000 Info-Karten und ziehen im Laufe des Tages bis zur Warschauer Brücke in Friedrichshain. Denn auch rund um das ehemalige Reichsbahnausbesserungswerk (RAW) an der Revaler Straße hat sich eine Dealerszene wie im Görlitzer Park etabliert. Die dortigen Hostel-Betreiber sind erfreut über die Polizeipräsenz.
Auf den Klappkarten heißt es auf deutsch und englisch: „Die Berliner Polizei macht aufmerksam: Parkbesucher werden von Drogenhändlern zum Kauf von Drogen aus dem Park gelockt, um im schlimmsten Fall ausgeraubt zu werden“ – so eine Masche der Dealer. Dabei haben es die gut organisierten Banden vor allem auf Wertsachen wie Gold, Schmuck aber auch Handys oder die Brieftasche abgesehen. Eine weitere Masche sei es, auf die Parkbesucher zuzugehen, sie zu umarmen, „anzutanzen“ und körperlich zu bedrängen. Dabei werden sie oft unbemerkt ausgeraubt.
500 Übergriffe auf Besucher des Görlitzer Parks
Seit Mai dieses Jahres hat es etwa 500 derartige Übergriffe auf Parkbesucher im Görlitzer Park gegeben. Bis Ende August hatte die neu gegründete Ermittlungsgruppe der Polizei Ermittlungen gegen 70 Tatverdächtige aufgenommen, die Delikte reichen von Raub über Körperverletzung bis Drogenhandel. Der verstärkte Einsatz bewirkt mehr Arbeit: 2013 gab es wegen rund 350 Straftaten im Görlitzer Park Ermittlungen, in diesem Jahr bis Ende August doppelt so viele. „Nicht selten gehen die Dealer mit ihren Kunden den Weg zum nächsten Geldautomaten“, sagt Polizeihauptkommissarin Kerstin Ismer. Es sei es schon vorgekommen, dass Drogenkäufer um einen vierstelligen Geldbetrag betrogen wurden. Denn nachdem die Dealer das Geld in der Hand gehabt hätten, seien sie ohne Drogenübergabe verschwunden.
„Ich habe Angst, mit meiner Frau bei Dunkelheit durch den Park zu gehen“, sagt Geschäftsmann Harun G. Einer Kundin habe man kürzlich die Tasche aus der Hand gerissen. „Ich bin froh und finde es gut, dass die Polizei auf die Gefahren aufmerksam macht.“ Doch es gibt auch kritische Stimmen. „Wenn die Polizei in dieser Form über die Kriminalität aufklärt“, sagt Bernd St., „dann ist das in meinen Augen eine Kapitulation. Ein Zeichen, dass die Dinge hier außer Kontrolle geraten sind.“ Die Mehrzahl der Besucher und Geschäftsleute rund um den Görlitzer Park hält die Aktion aber für sinnvoll. In einigen Monaten werde die Polizei ein erstes Resümee ziehen, um zu entscheiden, ob diese Form der Aufklärung auch für das RAW-Gelände sinnvoll sei, so Kerstin Ismer.


