Schwarz glänzende Mercedes G‑Klassen jagen die Sybelstraße entlang, eine hinter der anderen, mit hohem Tempo. Sie lassen die Giesebrechtstraße hinter sich und biegen in die Clausewitzstraße ein. Auf den Nummernschildern stehen russische Kennzeichen, und mitten im Konvoi fährt ein Polizeiwagen, ebenfalls aus Russland.
Vor der Hausnummer 9 bremsen alle Wagen im selben Augenblick, als hätte jemand ein unsichtbares Signal gegeben. Die Türen fliegen gleichzeitig auf, schwarz vermummte Männer springen heraus und stürmen ins Haus.
„Cut!“
Was eben noch aussah wie der Zugriff einer russischen Spezialeinheit mitten in Charlottenburg, ist ein Filmdreh. Apple TV realisiert hier, rund um den Meyerinckplatz, gemeinsam mit Studio Babelsberg einen neuen Film. Gedreht wurde bereits am Donnerstag, Freitag war der zweite Drehtag. Über den Film selbst gibt die Crew keine Auskunft, er bleibt vorerst streng geheim. Und nicht alle im Kiez sind von dem Spektakel vor ihrer Haustür begeistert.
Auch interessant
Die Mitarbeitenden am Set haben Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben, und auch das Bezirksamt äußert sich zu Titel und Inhalt auf Morgenpost-Nachfrage nicht. Ein paar Hinweise liefert immerhin das Anwohnerschreiben, das in den Hauseingängen hängt. Darin steht, dass mit Schusswaffen gedreht wird und Straßen voll oder teilweise gesperrt werden.
18 Blocker und abgehängte Praxisschilder
Wie groß der Aufwand ist, zeigt sich an der Kreuzung von Sybel- und Giesebrechtstraße. Die Crew hat dort eine Patisserie und das BRLO als Drehorte gemietet, während bei Alnatura der Betrieb ganz normal weiterläuft. In den umliegenden Straßen stehen 18 sogenannte Blocker, die Passanten kurz anhalten, sobald eine Aufnahme läuft. Selbst das Straßenbild hat das Team angepasst. Die Schilder einiger Arztpraxen wurden abgehängt, weil sie im Bild zu sehen wären, nach Angaben der Produktion mit Erlaubnis. An ihrer Stelle stehen mobile Aufsteller mit den Öffnungszeiten, die nur für die Dauer einer Aufnahme weggeräumt werden.
Mit den Leuten in der Straße stehe man in engem Kontakt, sagt ein Mitarbeiter der Produktion. „Sie kennen mich alle persönlich.“ Mit den Betroffenen habe man Verträge geschlossen, sie würden für die Einschränkungen bezahlt. Die Sperrungen seien eine Frage der Sicherheit, schließlich fahren die Autos mit hoher Geschwindigkeit in die Straße.
Eine betroffene Ärztin will die Filmfirma verklagen
Für Ärger hat der Dreh trotzdem gesorgt. Vor Ort treffe ich auf eine Schönheitschirurgin, die ihre Praxis in der Clausewitzstraße 7 hat und sichtlich aufgebracht ist. Ihre Patienten fänden den Weg in die Praxis nicht mehr, sagt sie. Allein an diesem Tag entstehe ihr ein Schaden von 20.000 Euro. Ein Anwohnerschreiben habe sie nie bekommen. Sie ist überzeugt, dass ein Dreh in dieser Form nicht erlaubt ist, und will die verantwortliche Firma verklagen. Von der Crew verlangt sie vor allem eines: „Kriege ich jetzt endlich eine Visitenkarte für meinen Anwalt oder nicht?“ Statt einer Visitenkarte bekommt sie den Namen der Produktionsfirma genannt.
Auch interessant
Gemeinsam sprechen wir mit dem Mitarbeiter der Produktion. Und der widerspricht deutlich. Der Dreh sei bei den Behörden angemeldet und genehmigt. Bezirksamt und Verkehrslenkung schrieben vor, die Anwohner vorab zu informieren, und genau das habe man getan. Er selbst habe die Schreiben aufgehängt, sie hingen seit einer Woche, seit vergangenem Freitag. Auch in den Arztpraxen der Clausewitzstraße 7 sei er persönlich gewesen, habe geklingelt und Bescheid gesagt. Seit zwei Wochen sei er jeden Tag in der Straße unterwegs. Für den Vorwurf der Ärztin hat er wenig Verständnis: „Wer das nicht mitbekommen hat, dass man hier heute dreht, der war vielleicht zwei Wochen gerade nicht da.“
Abgeriegelt sei die Gegend trotzdem nicht, betont er. Anwohner, Patienten und Passanten dürften jederzeit durch. Nur wenn die Kamera gerade läuft, müsse man kurz warten, bis die Blocker das Okay ihres Koordinators haben.
So erlebt es auch die Morgenpost. Nur während der etwa zweiminütigen Aufnahme müssen Passanten hinter der Absperrung warten. Danach wird der Weg wieder freigegeben.




