Wer kleine Kinder hat, weiß, wie es sich anfühlt. Ein Termin beim Amt, Formulare auf dem Tisch, und die Kinder wollen Aufmerksamkeit. Die Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf, Kirstin Bauch (Grüne), erzählt von Müttern, die sie fragen, wie sie das schaffen sollen. „Mit einem Ohr ist man eigentlich immer beim Kind“, sagt sie. Durch den Behördendschungel kommt man so kaum durch. Das Projekt AktiFam hat sich genau dieses Problems angenommen. Während Eltern beraten werden, werden ihre Kinder betreut.
Das neue Projekt der agens Arbeitsmarktservice gGmbH, eines gemeinnützigen Berliner Trägers mit fast 30 Jahren Erfahrung, eröffnete am 25. März 2026 in der Brandenburgischen Straße 86–87 und richtet sich an Familien, Kinder und Alleinerziehende im Bezirk..

Charlottenburgs Ruf beschreibt Bauch als „totalen Irrglauben“
Gepflegte Straßen, gute Adressen, Altbauten mit hohen Decken. Charlottenburg-Wilmersdorf gilt als einer der wohlhabenderen Berliner Bezirke. Bezirksbürgermeisterin Bauch räumt damit auf. „Das ist ein totaler Irrglaube“, sagt sie.
Hinter den Fassaden stecken auch hier oft: Alleinerziehende, Großraumsiedlungen, Familien, die auf Bürgergeld angewiesen sind. Menschen, die Hilfe brauchen, aber oft nicht wissen, wo sie anfangen sollen. „Viele brauchen lange, bis sie sich ins hoheitliche Rathaus trauen“, sagt Bauch. AktiFam soll genau diese Hürde abbauen. Direkt im Kiez, ohne große Schwellen.
Bauch weiß, wovon sie spricht. „Ich habe selbst eine große Familie. Eine Familie ist etwas total Tolles“, sagt sie, „aber auch ganz schön anstrengend.“ „Bevor ein Kind auf der Welt ist, haben Eltern bereits einen Berg an Anträgen hinter sich“, so Bauch. Dass jetzt jemand komme und sage, wir kümmern uns darum, pragmatisch, mitten im Kiez, das mache einen echten Unterschied.
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„1,8 Millionen Bürgergeldempfänger könnten arbeiten, aber wissen nicht, wie“
5,8 Millionen Menschen beziehen in Deutschland Bürgergeld. 1,8 Millionen davon könnten laut Projektleiter Dr. Gul-Rahim Safi sofort arbeiten gehen. „Aber die wissen nicht, wie“, sagt er.

AktiFam setzt genau hier an, mit Beratung, Jobcoaching und konkreter Unterstützung auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Wer zu AktiFam kommt, soll nicht wieder allein gelassen werden, sondern gezielt an die richtigen Stellen im Bezirk weitergeleitet werden. „Wir werden Lotsen sein. Wir werden gucken: Wo können wir hin vermitteln, wer hat welches Angebot, oder wo beraten wir selber?“, sagt Regionalteamleiter Michael Neß.
Was AktiFam wirklich anders macht
Wer zu AktiFam kommt, bringt oft einen Stapel Briefe mit. Mahnungen vom Amt, Formulare, die niemand erklärt hat. Bescheide, die keiner versteht. Das Team hilft beim Ausfüllen, beim Verstehen, beim Einordnen. Es begleitet auf dem Weg zum Jobcenter, vermittelt zum Jugendamt, zum Schulamt, zum Integrationsbüro. Und wer nicht weiß, wo er überhaupt anfangen soll, fängt einfach hier an.
Die Beratung ist kostenlos. Das siebenköpfige Team berät auf Deutsch, Arabisch, Türkisch, Russisch, Persisch, Englisch und Französisch. Wer nicht selbst kommen kann, wird besucht. „Nicht alle kommen zu uns, unsere Beratenden gehen zu den Menschen nach außen“, sagt Safi. Und wer mit Kindern kommt, muss sich keine Sorgen machen. Während Eltern beraten werden, werden die Kinder betreut. Kostenlos und vor Ort.
Für Bürgermeisterin Bauch war genau das der entscheidende Punkt. Vor allem Alleinerziehende kommen oft mit diesem Dilemma zu einem Termin im Amt. „Wie um Himmels willen soll ich das jetzt machen mit diesen kleinen Kindern neben mir?“, beschreibt Bauch die Realität vieler Mütter.
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Fast 30 Jahre Erfahrung für Familien in Charlottenburg
Detlef Bischur hat agens vor fast 30 Jahren selbst gegründet. Was damals als Beschäftigungsförderung begann, steht heute hinter einem der bekanntesten sozialen Träger Berlins. Aktiv in fast allen Bezirken, mit Jobcoaching, Beratungsangeboten und sozialen Projekten.
In Charlottenburg-Wilmersdorf ist agens seit fünf Jahren mit einem eigenen Projektzentrum vertreten. Die Arbeit, die hier geleistet werde, sei gesellschaftlich unverzichtbar, betont Bischur. Mit Sorge beobachte er, dass Politiker versuchten, „den Geldbeutel etwas zu verkleinern“.
AktiFam hat seit dem 1. April sein vollständiges Team zusammen und die ersten Familien sind bereits in Beratung. Die Räume in der Brandenburgischen Straße sind noch im Aufbau, das Projekt aber ist längst in Bewegung. „Das ist Arbeit, die wichtig ist. Sonst funktioniert unsere Gesellschaft nicht“, sagt Neß.
AktiFam wird gefördert durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die EU. Wer Hilfe braucht, findet das Team in der Brandenburgischen Straße 86–87 (U7, Blissestraße), per Mail unter AktiF@agens-berlin.de oder telefonisch unter 030 61 08 11 880.




