Die Aale, die am Mittwoch im Fischereiamt an der Havel in Berlin-Westend angekommen sind, haben einen weiten Weg hinter sich. Gefangen wurden sie vor wenigen Tagen in den Flussmündungen rund um den französischen Küstenort Hendaye. In Kisten, die gekühlt werden, um den Stoffwechsel der Tiere zu verlangsamen, warten sie auf der Ladefläche eines Transporters millionenfach auf das Ende ihrer ungewöhnlichen Reise. Früher fanden die Tiere, die in der Sargassosee vor Florida geboren werden und nach einem Leben auf Wanderschaft dort zum laichen und sterben zurückkehren, von ganz alleine in die Seen und Flüsse rund um Berlin.
„Heutzutage schaffen es aber viele Fische gar nicht mehr hier her“, sagt Jens Puchmüller, Amtsleiter und beim Berliner Fischereiamt für die Überwachung und den Zustand der Fischbestände in den Berliner Gewässern zuständig. Ein Problem: Bauwerke wie Schleusen erschweren heute die Zu- und Abwanderung der Aale in ihre angestammten Lebensräume in den deutschen Gewässern. Aber auch ein Verlust an Lebensraum und die Folgen des Klimawandels hemmen laut der Senatsverwaltung für Umwelt die Wanderung.

Aale in Berliner Gewässern: So stark hat der Bestand in den letzten 30 Jahren abgenommen
Mit gravierenden Folgen: Berliner Fischer hätten einen Fangrückgang von 50 Prozent im Vergleich zu 1994 zu verzeichnen, heißt es. In den letzten Jahren sei wieder ein leichter Anstieg zu beobachten, sagt Britta Behrendt, Staatssekretärin für Klimaschutz und Umwelt. „Daran haben wir auch unseren Anteil“, sagt sie. Denn insgesamt wurden in den Jahren 2005 bis 2025 knapp 19 Millionen junge Aale mit einem Gesamtwert von 2,91 Millionen Euro in die Berliner Gewässer gesetzt. Für Entwarnung sei es aber zu früh.

Deswegen kommen auch dieses Jahr noch einmal 1,8 Millionen neue junge Aale dazu. Insgesamt 541 kg Glasaale werden im Bereich Oberhavel, Unterhavel, Spree und Dahme ausgesetzt. Finanziert wird die Maßnahme aus Mitteln der Europäischen Union, des Landes Berlin und von Fischereiberechtigten – sie kostete in diesem Jahr 130.250 Euro. Um die Aale entlang der Flüsse zu verteilen, unterstützen Fischer aus der Region das Vorhaben. Sie laden die Boxen mit den Aalen auf ihre Boote und entlassen sie entlang der Flüsse ins Schilf. „Der europäische Aal ist in dieser Lebensphase ein sehr ortstreues Tier“, sagt Jens Puchmüller vom Fischereiamt.
Fischerei in Berliner Gewässern: Diese Folgen hat der Rückgang der Aal-Population
Die drei Jahre alten Tiere bleiben in unseren Gewässern, bis sie das achte bis zwölfte Lebensjahr erreicht haben. Dann wandern sie zurück zu ihrem Geburtsort in die Sargassosee. Dort laichen sie ab und sterben dann. Und der Kreislauf beginnt von vorn. Aber auch wenn die Natur in dieser Hinsicht beeindruckend sei, würde es ohne die menschliche Unterstützung dazu kommen, dass man in Berlin heute keinen nennenswerten Aalbestand mehr habe, ist Puchmüller sicher. Europaweit sei diese Aalart vom Aussterben bedroht.

Aber welche Folgen hat die Abnahme des Aalbestandes überhaupt? Am deutlichsten spüren das natürlich die Fischer. Für die Fischereiunternehmen im Havel/Spree-Gebiet stellt der Aal eine wichtige Wirtschaftsgrundlage dar. Aber auch beim Hobbyangler ist der Aal beliebt. Trotz der Gefährdung darf der Fisch rund um Berlin weiter geangelt werden. Es ist aber lediglich die Entnahme von drei Fischen erlaubt. „Es wird aber insgesamt weniger Aal geangelt“, sagte Malte Frerichs vom Deutschen Angelfischerverband.

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„Es geht aber nicht nur um die Fischerei“, betont Staatssekretärin Behrendt. Der europäische Flussaal habe auch eine wichtige ökologische Funktion. Er trägt unter anderem zur Wasserreinhaltung und zur Verringerung gebietsfremder Flusskrebsarten bei. Ohnehin ist der Besatz von Fischen in Gewässer ist eine gängige Artenschutzmaßnahme. Dabei soll der „Kulturschock“ für die Aale so gering wie möglich ausfallen. Der Fang, die vorübergehende Aufbewahrung und der Transport der Glasaale sei nachhaltig erfolgt und entsprechend zertifiziert. In den Berliner Flüssen und Seen hingegen fühle sich der Fisch pudelwohl. „Die Berliner Gewässer sind sehr nährstoffreich“, sagt Puchmüller. Außerdem werde das Projekt wissenschaftlich begleitet, um die Auswirkungen zu messen.



