Am Dienstag fand unter der Avus-Tribüne an der Berliner Stadtautobahn der Auftakt für den sogenannten wettbewerblichen Dialog rund um den „Stadteingang West“ statt. Acht Planungsteams aus den Bereichen Stadtplanung, Architektur, Landschaftsplanung und Verkehrsplanung stellten ihre ersten Ideen für das Mammut-Projekt in der City-West vor.
Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Vereine und Initiative konnten Anmerkungen machen und ihre Ideen einwerfen. Im nächsten Schritt wählt eine Jury vier Büros aus. Im Verlauf des Jahres 2023 sollen die Entwürfe für die Transformation zu einem zusammenhängenden und urbanen Stadtquartier erweitert werden. Wir stellen die Ideen vor, die nach der Auftaktveranstaltung sofort im Gedächtnis geblieben sind.
Berlin: Die Ausgangslage in der City West
Durch den Neubau des Autobahndreiecks am Funkturm werden Flächen frei, die vorher nicht erschlossen werden konnten. Konkret geht es um die Gelände zwischen den Straßen und Gleisen, die durch den neuen Verlauf der Autobahn frei werden. Eckpunkte der Gestaltung sind vom Senat allerdings vorgegeben.

So soll zwischen der A 115 und den Gleisen des Güterverkehrs auf der anderen Seite ein Wohngebiet entstehen, aus dem das Auto größtenteils ausgeschlossen wird, das aber mit Rad- und Fußwegen an die Umgebung angeschlossen wird. Auch zwischen ICC und S-Bahn-Halt Westkreuz ist noch Platz für neue Gebäude. Die in den kommenden Jahren entwickelte Vision soll bis zum Jahr 2040 umgesetzt werden.
Radfahrer und Fußgänger mit Brücken über die Autobahn führen
Eine große Herausforderung für die Planer ist es, die verschiedenen neu gestalteten Areale auch für Fußgänger und Radfahrer zu erschließen. Schließlich nehmen der Schienenverkehr einerseits und die Autobahnstraßen die neuen Gebiete regelrecht in die Zange. Die angrenzenden Ortsteile Grunewald, Witzleben und Halensee sollen mit Wegen über die Infrastruktur mit dem Quartier verbunden werden.
Während die meisten Planer die am Kreuz erhöhten Autobahnen untertunneln, sieht hingegen der Entwurf des Architekturbüros Cobe aus Kopenhagen vor, die Radfahrer und Fußgänger über das Autobahnkreuz zu führen. In der Mittelinsel des neugestalteten Dreiecks würde ein Kreisverkehr entstehen, der Radfahrer und Fußgänger in alle Richtungen führt. Die Über- oder Unterquerung der Fahrbahnen und Schienen ist eine zentrale Vorgabe bei der Planung des neuen Gebietes. Schließlich soll es auch ohne Auto erreichbar sein.
Hochverdichtetes Wohngebiet ohne Autos
Das neue Wohnquartier soll zwischen der A 115 und den Gleisen auf der anderen Seite auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Grunewald entstehen. Dabei müssen die Planer mit der Vorgabe arbeiten, dass diese Quartier nahezu autofrei wird. Es ist zwar mit Auf- und Ausfahrten an die umschließende Autobahn angeschlossen, allerdings sollen Anwohner und Besucher ihre Fahrzeuge vor der Einfahrt in das Wohngebiet abgegeben. Das Auto wird nach der Einfahrt in einem sogenannten Mobility-Hub abgestellt. Von dort geht es dann mit anderen Fahrzeugen weiter. Ob sich das auf Fahrrad, E-Roller oder die eigenen zwei Beine beschränkt? „Es sind auch kleine Fahrzeuge, die man sich teilt, dort vorstellbar“, so ein Planer.
Wichtig sei es auch, dass das Gebiet eine eigene Identität bekommt, von dem Menschen selbstbewusst sagen würden, dass sie dort wohnen. Das soll durch die gute Anbindung an den Rest der Stadt, innovative Konzepte für das Quartier und letztlich durch eine lebenswerte Stadt in der Stadt erreicht werden.
Kunstobjekt, Begrünung oder Datenzentrum: Mehrere Pläne für Mittelinsel im Kreuz
Völlig unterschiedliche Pläne stellten die Planer für die Fläche vor, an der die Straßen des neu gestalteten Autobahnkreuzes einmal zusammenlaufen sollen. Manche wollen die Inseln zwischen den Fahrbahnen zwar begrünen und entsiegeln. Aber Menschen sollen sich dort allerdings nicht aufhalten. Zu laut, zu unwirtlich.
Andere Büros wiederum planen auf der Fläche die Einfahrt zu einer unterirdischen Lieferzone für die Messe. Ein anderes Büro könnte sich auf der Mittelinsel ein Datenzentrum vorstellen. Die Abwärme der Rechner könne genutzt werden, um das benachbarte Gewerbe- und Wohngebiet zu versorgen. Eine Vision mit dem Namen „Land Art Park Avus“ will unter den Autobahnbrücken einen Landschaftspark mit Kunst und hoher Aufenthaltsqualität anlegen.
Neues Quartier zwischen S-Bahnhof Westkreuz und ICC
Auch zwischen dem S-Bahnhof Westkreuz und ICC ist noch Platz. Hier befinden sich schon Kleingärten und der Bezirk will ein neues Parkgebiet mit dem Namen Westpark schaffen. Die Naherholungsfunktion des Gebiets soll dort erhalten bleiben. Laut den Planern von Hosoya Schaefer Architects aus der Schweiz habe der verbleibende Bereich allerdings noch ein hohes bisher verschenktes Potenzial für weitere Nutzungen.
Sie wollen entlang der Autobahn Büro- und Gewerberäume schaffen, die auf moderne Formen der Arbeitsorganisation ausgelegt sind. Die Bürogebäude würden ein dahinter liegendes Wohngebiet vor Lärm abschirmen. Einwohner des anderen neuen Quartiers auf der gegenüberliegenden Seite der Autobahn könnten durch die neuen Fuß- und Radwege schnell an potenzielle hier gelegene Arbeitsplätze gelangen.
Das sagen die Bürgerinnen und Bürger
Für das Format selbst gab es von den Bürgerinnen und Bürgern überwiegend Lob. Es sei gut, dass die Entwicklung seit Jahren in die Richtung gehe, die Öffentlichkeit früh einzubinden. Christian, ein Teilnehmer des Bürgerdialogs, kritisierte: „Es zeichnet sich eine Spaltung der beauftragten Teams ab. Manche bauen mit ihren Entwürfen darauf, dass sich die Mobilität bis zum Jahr 2040 grundlegend ändert, andere planen mit dem Status-Quo.“
Es werde immer noch dem Auto Vorrang gewährt, auch wenn Fußgänger und Radfahrer prominent mitgedacht werden, sei die autogerechte Stadt in den Köpfen noch nicht weg. Der einhellige Tenor der Planer: Für die Planung des neuen Funkturm-Autobahnkreuzes können wir nichts. Das ist vorgegeben.
Die Idee, die Radfahrer mit Überführungen über die Straßen und Schienen zu führen, stieß bei einer älteren Verkehrsteilnehmerin auf Widerstand. „Wieso müssen Radfahrer denn die höchste Steigung überwinden?“ Ohnehin zeichnete sich ab, dass die Vorgabe, den motorisierten Individualverkehr komplett aus den neuen Quartieren herauszuhalten, für Zündstoff sorgt.
Es müssten auch Lösungen für ältere und weniger mobile Menschen mitgedacht werden. „Was passiert, wenn ich mal einen Kasten Bier nach Hause tragen muss?“, fragte ein anderer Bürger. Ein Planer entgegnete, dass im Jahr 2040 auch andere nichtindividuelle Verkehrsmittel als heute zur Verfügung stehen. Kleine und elektrobetriebene Fahrzeuge könnten extra für das Quartier zur Verfügung stehen.
Auch an der Idee mit den Wohnquartieren ein quasi autonomes Gebiet zu schaffen, in dem die Bewohner ihre ganze Zeit verbringen, gab es Kritik. „Wer will den nur in seinem Kiez rumhängen. Das ist ja eine Horrorvorstellung“, sagte eine Besucherin des Bürgerdialogs. Das würde nicht zu Berlin passen.


