Sechs tödliche Schüsse auf den renommierten Steueranwalt Ingo W. in Westend beschäftigen seit knapp einer Woche die Berliner Polizei und die Medien der Hauptstadt gleichermaßen. Der entscheidende Beweis bei der Suche nach dem Täter fehlt den Ermittlern der 5. Mordkommission bis heute.
Dafür ist allerdings seit dem 12. August kein Tag vergangen, ohne dass neue Erkenntnisse, Hinweise oder Gerüchte über die Familie des Getöteten bekannt wurden. Vieles von dem behandeln die Ermittler mit großer Vorsicht, zu vage und vor allem zu widersprüchlich ist manches, was da ans Tageslicht kommt.
Es reicht allerdings, um die Beamten in ihrer Theorie von einem familiären Hintergrund der Tat zu bestärken. Denn was da Tag für Tag an Neuigkeiten bekannt wird, zeichnet zunehmend das Bild einer völlig zerrütteten Familie.
Für die Mordermittler ist dabei von großer Bedeutung, wer welche Rolle in diesem am Ende tödlichen Familiendrama spielt. Und genau das lässt sich derzeit kaum mit Sicherheit feststellen. Denn wann immer jemand ein einzelnes Familienmitglied positiv darstellt, findet sich schnell ein Zweiter, der sofort Gegenteiliges zu berichten weiß.
So wird es auch in diesem Fall zu einem wesentlichen Teil der Ermittlungen, ein Psychogramm der Familie zu erstellen, das Aufschluss über die einzelnen Mitglieder, ihre Persönlichkeiten und ihr Verhältnis zueinander gibt. Die Berliner Morgenpost beschreibt, wie ein solches Psychogramm aussehen könnte:
Die Familie
Ein Ehepaar, gemeinsame Inhaber einer Steuerkanzlei in feinster Gegend, erfolgreich, wohlhabend. Dazu zwei gut geratene Söhne, begabt, mit besten Aussichten für ihre Zukunft. Das war das heile Bild, dass Familie W. in der Öffentlichkeit abgab. Bis zum Nachmittag des 12. August. Da wurde der 49-jährige Ingo W. in seiner Kanzlei von einem bislang unbekannten Mann eiskalt ermordet.
Und was bis dato als heile Welt erschien, verwandelte sich schnell in eine bröckelnde Fassade. Die Polizei schließt nicht aus, dass die zerrütteten Verhältnisse die Ursache für die Tat sein könnten. Wie tief war der Riss, der durch die Familie ging? Wenn die Polizei die Tathintergründe im familiären Bereich sieht, ist die Klärung dieser Fragen von besonderer Bedeutung.
Das Opfer
Über Ingo W. wurde in den vergangenen Tagen am meisten bekannt. Viele Kollegen, Bekannte und Nachbarn beschreiben ihn als freundlichen, aufgeschlossenen Menschen.
Auch in der Gartenkolonie Ruhwald, in der die Familie seit Langem eine Laube besaß, weiß man nur Gutes zu berichten. In einem Nachruf des Kolonievorstandes ist die Rede von einem netten Nachbarn, freundlichen Menschen und engagiert helfendem Vereinsmitglied.
Von anderer Seite wird allerdings auch das Bild eines Familientyrannen gezeichnet, der nach dem Scheitern seiner Ehe, Frau und Söhnen knallhart den Geldhahn zudrehen wollte. Das jüngste Gerücht über W. lautet, er habe im Mai dieses Jahres einen seiner Söhne überfahren wollen.
Die Ehefrau
Von ihr ist sehr viel die Rede, sie selbst äußert sich öffentlich bislang nicht. Presseberichten zufolge soll auch sie eine Presseerklärung vorbereiten. Gegenüber Reportern der Berliner Morgenpost lehnte sie am Sonnabend eine Stellungnahme ab.
Die Söhne
Timm und Manuel L. (Namen geändert) spielen bislang in den Ermittlungen der Polizei eine entscheidende Rolle. Beide gerieten direkt nach der Tat unter Verdacht, weil Mitarbeiter der Kanzlei den Täter als jungen Mann beschrieben, einer der Zeugen sogar einen der Söhne erkannt haben wollte. Die Söhne wurden festgenommen, aber bald wieder freigelassen. Zu widersprüchlich waren die Aussagen der Kanzleimitarbeiter. Gegen beide werde weiterhin wegen Totschlags ermittelt, den dringenden Tatverdacht, der einen Haftbefehl rechtfertige, gebe es aber nicht, teilte die Staatsanwaltschaft dazu mit.
Was die Staatsanwaltschaft nicht ausdrücklich sagt: Der 16-jährige Sohn ist noch Jugendlicher, der 18-Jährige gilt als Heranwachsender. Für Verdächtige in diesem Alter sind die Hürden für einen Haftbefehl besonders hoch. Medienberichten zufolge sollen beide Söhne in ihren Vernehmungen keine Trauer über den Tod ihres Vaters gezeigt haben, sondern eher kalt aufgetreten sein. Voreilige Schlüsse daraus zu ziehen, halten Ermittler allerdings für gefährlich.
Die Ermittlungen
In der kommenden Woche soll es konkrete Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchungen geben. Dazu gehört auch die Untersuchung der Kleidung möglicher Täter auf Schmauchspuren. Unter Umständen bedeuten sie den Durchbruch bei der Suche nach dem Täter. Womöglich aber geht die Tätersuche und damit die Zeit der Ungewissheit für die in die Öffentlichkeit gezerrte Familie weiter.


