An der Gedächtniskirche ist die Stimmung noch etwas nachdenklicher sonst. Seit bekannt wurde, dass der islamistische Anschlag auf den dortigen Weihnachtsmarkt im Dezember 2016 im Oktober ein weiteres, 13. Menschenleben forderte, ist der Breitscheidplatz wieder ins Bewusstsein gerückt. Doch manchen irritiert das Drumherum. Der Duft von gebrannten Mandeln und Glühwein, die Dudelmusik, ein Weihnachtsmann – mitten im Oktober.

Die Buden und Bauzäune, Rammkörbe und der Müll in den Ecken bilden seit vielen Jahren eine Konstante an jenem Platz, der eigentlich zu den wichtigsten Orten Berlins zählt.

Michael Frenzel, General Manager des Hotel Palace am Platz, wendet sich jetzt unter der Überschrift „Tristesse, Müll und Weihnachten“ in einem offenen Brief an die zuständigen Stadträte – wieder einmal. Schon 2019 hatten er und andere Gewerbetreibende einen „Tiefpunkt der Verwahrlosung“ angeprangert. Damals wie heute ging es um die Absperrungen, die die Touristen erschreckten, um Müll und Budenzauber rund ums Jahr. Und um die Behörden, die seit Jahren um ein Konzept für den Platz streiten, ohne dass wirklich viel passiert.

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Breitscheidplatz: „Wirklich verbessert hat sich nichts“

Frenzel fordert Aufklärung, wie es weitergeht, „denn wirklich verbessert hat sich nichts“. Zwar sind die Betonquader heute mit bunten Folien verkleidet. Als Verbesserung wurde auch die Verschiebung der Rammkörbe vom Platz auf die Budapester Straße angekündigt. Auf der südlichen Seite wurde bei der Gelegenheit ein vorläufiger Radweg markiert. Erbittert gestritten wurde dagegen um einen „Berlin“-Schriftzug als Rammbock, der bei Anrainern Entsetzen erregte und nach Einwänden von Denkmalschützern verworfen wurde.

Und Pfarrer Germer von der Gedächtniskirche kann Absurdes erzählen – wie sich die Sanierung des denkmalgeschützten Gebäudes durch die Absperrungen deutlich verzögerte und verteuerte. Oder vom Kampf um den Kirchen-Parkplatz: Das berühmte Gotteshaus ist seit dem Anschlag vom Verkehr abgeschnitten, durch immer neue Volten der Ämter. „Unter anderem wurde die Zufahrt als Haltestelle für Touristenbusse ausgewiesen.“

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Weihnachtsmarkt eröffnet am 22. November

Die halbseitige Sperrung der Budapester Straße, sagt Frenzel, erzeuge inzwischen neues Chaos. „Krankenwagen hupen sich durch den Stau, für Radfahrer ist es noch gefährlicher.“ Der Breitscheidplatz selbst biete nach wie vor „einen Anblick, den man eher in Brennpunktkiezen nach einer nächtlichen Party erwartet.“ Der Versuch, den Platz in diesem Jahr durch einen „Kultursommer“ mit Veranstaltungen zu beleben, habe teilweise funktioniert, sagt der Manager. „Aber jetzt scheint es, als nehme man das zum Vorwand, um den Markt ganzjährig stehen zu lassen, ebenso die Sperrung der Budapester Straße.“

Tatsächlich gibt es an der Gedächtniskirche schon seit dem 20. Oktober Glühwein, Gänsebraten und gebrannte Mandeln, bestätigt Michael Roden, Vorsitzender des Schaustellerverbandes Berlin und Betreiber des Weihnachtsmarktes. Auch der Weihnachtsbaum wird diesmal früher als sonst aufgestellt – am kommenden Dienstag, 2. November. Bis zum 7. November trage die aktuelle Veranstaltung den Titel „Herbstfest“, dann werde rundherum umgebaut. „Der reguläre Weihnachtsmarkt eröffnet am 22. November.“

Erst vor drei Wochen sei der Weihnachtsmarkt genehmigt worden, sagt Roden. Geplant werde nun mit 3G-Konzept und Maskenpflicht. Größere Abstände zwischen den Ständen oder Einlasskontrollen werde es nicht geben.

Gedenken zum 5. Jahrestag des Anschlags geplant

Im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf bestätigt man den frühen Weihnachts-Start. Weil für den Weihnachtsmarkt die Betonelemente von der Südseite der Kirche auf den Kurfürstendamm verlegt würden, müsse zuvor eben der Baum aufgestellt werden – danach sei kein Platz mehr für den Kran.

Immerhin ein Streitthema scheint für dieses Jahr abgeräumt: Die Finanzierung der Weihnachtsbeleuchtung. Fast schon rituell wurde sonst das Aus wegen Geldmangel verkündet, ebenso zuverlässig fand sich ein Retter. In diesem Jahr werden die 140.000 LED-Lichter am 22. November einfach angeknipst.

Und noch etwas wird derzeit organisiert: Das Gedenken zum fünften Jahrestag des Anschlags. Der Weihnachtsmarkt werde am 19. Dezember zur Uhrzeit des Anschlags gegen 20 Uhr einen Moment stillstehen, sagt Roden. In der Kirche und am Gedenkort sind Andachten geplant, so Pfarrer Germer. Er fügt hinzu, dass er nicht findet, dass das Leben am Platz dem Gedenken weichen sollte. Aber dass es doch gut wäre, wenn es nach fünf Jahren endlich ein finales Sicherheitskonzept gäbe.