Auf den ersten Blick ist das neue Hotel Wilmina schwer zu finden. Durch eine massive, hellgraue Metalltür führt der Weg zuerst in den Innenhof. Es fühlt sich ein bisschen so an, als würde man in eine andere Welt eintauchen. Vom Großstadtlärm ist plötzlich keine Spur mehr – und das mitten an der Kantstraße in Charlottenburg unweit des Amtsgerichtsplatzes. Nur die Vögel hört man zwitschern. Efeu klammert sich an das rötliche Mauerwerk des Gebäudes. Nur die schwarzen Stahlgitter an den Fenstern zeugen noch davon, dass hier einst ein Gefängnis war.
„Wir wollten bewusst, dass unsere Gäste hier ihre Ruhe haben“, sagt die Architektin Almut Grüntuch-Ernst. Zusammen mit ihrem Mann Armand Grüntuch hat das lange leerstehende Frauengefängnis ein Hotel verwandelt. Die Eheleute führen das Berliner Architekturbüro Grüntuch Ernst. Seit Anfang April ist die Unterkunft für Besucher geöffnet. Ursprünglich war die Eröffnung für Mai 2020 geplant, doch wegen Corona habe sich einiges verzögert, sagt Grüntuch-Ernst. Umso größer ist jetzt die Freude. „Es musste jetzt einfach losgehen“, so die Architektin.
Türen und Treppe noch aus Gefängniszeiten erhalten
Durch eine kleine Metalltür geht es ins Hotel. Von den hohen Decken im Flur ragen dutzende lange Lampen, die aussehen, wie kleine leuchtende Glaskugeln. Eine alte Granittreppe noch aus Gefängniszeiten führt nach oben zu den Zimmern. Auch die frisch blaulackierten Türen sind noch im Original erhalten. In den Zimmern hingegen erinnert kaum noch was an Gefängnis. Durch die weiße und moderne Einrichtung wirkt der Raum hell und freundlich.

Nur die alten Gitter vor den Fenstern erinnern an die Geschichte des Ortes. Ursprünglich seien die Fenster laut Grüntuch-Ernst so gebaut, dass man nicht rausgucken kann. Damit Licht in den Raum reinstrahlen kann, wurden im Zuge der Umbauarbeiten die Fenster jetzt deutlich vergrößert und die Gitter angehoben, sodass man einen schönen Ausblick auf den Innenhof hat.
Originalgetreue Zelle soll Ausstellungsraum werden
Während für die größeren Zimmer jeweils zwei Zellen zusammengelegt wurde, haben die kleinsten Zimmer mit insgesamt elf Quadratmetern noch die ursprüngliche Größe. „Wer hier zu zweit schläft muss sich schon sehr lieb haben“, sagt Grüntuch-Ernst und lacht dabei. Versteckt im Badezimmer findet sich ein weiteres Highlight: Per Knopfdruck erscheinen im Spiegel alte, originale Wandschnitzereien der Häftlinge.
Eine einzige Zelle ist sogar noch original getreu erhalten geblieben. Geplant ist, dass hier ein Ausstellungsraum mit Informationstafeln zur Geschichte des Gefängnisses entstehen soll. Zudem soll es Gruppenführungen in Kooperation mit dem Bezirksmuseum von Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim geben. Laut Armand Grüntuch habe der gesamte Ort einen „musealischen Charakter“. „Das Beste, was man machen kann, ist so einen Ort wiederzubeleben“, so der Architekt.

Viele Widerstandskämpferinnen unter den Häftlingen
Dessen Geschichte beginnt vor gut 120 Jahren. 1896 entstand an der Kantstraße 79 ein neues Strafgericht. Im Hof dahinter errichteten die Architekten Adolf Bürckner und Eduard Fürstenau auch einen neuen Zellenbau für hundert Gefangene. Das Gefängnisgebäude war damals und ist heute noch von Wohnhäusern umgehen, sodass es von der Straße aus nie sichtbar war.
In der NS-Zeit wurden hier ab 1933 Regimegegner eingesperrt, bei denen es sich ab 1939 ausschließlich um Frauen handelte. Darunter waren viele weibliche Mitglieder der als „Rote Kapelle“ bekannt gewordenen Widerstandsbewegung. Zu den Insassinnen zählte unter anderem Libertas Schulze-Boysen, die seit 1940 gezielt Film- und Bildmaterial über NS-Verbrechen gesammelt hatte. Sie wurde am 22. Dezember 1942 in Berlin-Plötzensee ermordet.
Seit 1985 stand das Gebäude leer
Nach dem Krieg wurde das Gerichtsgefängnis als Jugendarrestanstalt genutzt – sowohl für Männer als auch für Frauen. Seit der Schließung 1985 steht das Gebäude leer und geriet bei vielen Berlinern in Vergessenheit. Nur für Dreharbeiten nutzten gelegentlich Regisseure den Zellenbau als Kulisse, etwa für einige Szenen in „Der Vorleser“ mit Kate Winslet.

Vor mehr als elf Jahren hat dann ein Investor das Gelände gekauft und wollte hier ein Hotel erreichten. Almut Grüntuch-Ernst und Armand Ernst wurden von ihm dafür als Architekten beauftragt. Doch kurze Zeit später wollte der Investor das Gebäude wieder verkaufen. „Es war ihm zu unwirtschaftlich“, sagt Grüntuch. Unter anderem der Denkmalschutz und die geringe Nutzfläche seien Gründe gewesen. „Doch wir waren zu dem Zeitpunkt schon mittendrin und je mehr er das Interesse verlor, desto mehr Interesse haben wir gewonnen.“ Also hat das Architektenpaar ihm das Grundstück abgekauft.
Wilmina: Geschichte soll sich auch im Namen widerspiegeln
Die Geschichte des Ortes sollte sich auch im Namen des Hotels widerspiegeln. „Wir haben uns für Wilmina entschieden, weil wir einen Frauennamen wollten, den auch jeder aussprechen kann“, erklärt Grüntuch-Ernst. Zudem soll Wilmina auch für Willkommen stehen.
Trotz des hohen Standards hat das Hotel bislang noch keine Sterne. „Ich weiß auch nicht, ob wir überhaupt welche wollen“, sagt Grüntuch-Ernst. „Die Gäste kommen nicht zu uns wegen der Sterne, sondern wegen des Ortes.“ Die Preise variieren je nach Zimmergröße zwischen 104 Euro und 240 Euro pro Nacht.


