Auf dem Breitscheidplatz gibt es einen ordentlichen Rumms, wie ihn allenfalls ein Polenböller erzeugt. Danach steigt roter Bengalo-Rauch auf. Es ist 13.30 Uhr, gut vier Stunden vor Anstoß und die Kroaten sind für deutsche Verhältnisse außer Rand und Band. „Pyrotechnik ist nicht erlaubt, unterlassen sie das Zünden von Pyrotechnik“, ertönt eine genervte Polizistinnenstimme über Lautsprecher. Die Kroaten lassen sich die Laune nicht davon verderben. Aber sie zünden erst einmal nichts mehr, dafür klettern sie auf die Bäume am Fan-Meeting-Point. Der Kudamm ist dort gesperrt für den Verkehr.
Ausgelassene Stimmung auf dem Breitscheidplatz. Zu den sechs Spielen, die im Rahmen der Fußball-Europameisterschaft der Männer in Berlin stattfinden, werden insgesamt 2,5 Millionen Besucher aus 120 Ländern erwartet. Am Sonnabendnachmittag dominiert das rot-weiße Schachbrettmuster die Stadt. Der Legende nach soll der kroatische König Stjepan Držislav († 997) die Freiheit aus der Gefangenschaft der Republik Venedig im Schachspiel mit dem dreifachen Sieg gegen den venezianischen Dogen Pietro II. Orseolo erspielt und damit ein Blutvergießen verhindert haben. Seitdem gibt es das Blutige-Quadrate-Muster auf der Fahne. Nach Blutvergießen ist die Stimmung nicht. Die wollen doch nur spielen. Es posieren sogar Fans im Spanientrikot neben den Kroaten und gemeinsam halten sie die Flagge.
Bojan und seine Jungs haben sich bereits um kurz nach 9 Uhr in im Ramvi an der Güntzelstraße/Ecke Bundesallee getroffen. Gerade ordern sie dort eine Runde Jägermeister. Kein Sliwowitz? „Man muss sich auch ein bisschen an die lokalen Sitten anpassen“, sagt der Elektrotechniker aus Rijeka, der seinen Jahresurlaub opfern und bis zum Finale bleiben will. „Irgendwann muss es doch einmal klappen.“ Kroatien spielt seit Jahren als Geheimtipp oben mit, für einen EM-Titel hat es noch nicht gereicht.
Einer der wichtigsten Treffpunkte für Kroaten: Ein griechisches Restaurant
Vier Stunden vor Anstoß herrscht beste Stimmung in dem Lokal. Was auf den ersten Blick überrascht. Denn es ist ein griechisches Lokal. Die griechische Betreiberfamilie des Restaurants hat sich für die Stimmung T-Shirts eines kroatischen Bierherstellers übergeworfen. Wirt Costa erzählt: „Ich habe einige kroatische Gäste und die haben Freunde mitgebracht – irgendwie hat sich das so entwickelt.“ Sein Griechenland konnte sich diesmal nicht für die EM qualifizieren. Aber wenn Griechenland gegen Kroatien spielen würde? Costa macht eine wedelnde Handbewegung und verzieht das Gesicht.

Die Kroaten lieben Kostüme. Einer von ihnen trägt einen langen Bart und einen weißen Umhang, erinnert an einen orthodoxen Priester. Andere tragen Wasserballkappen. Ausgelöst hat diesen Trend Kroatiens Verteidiger Vedran Corluka bei der EM 2016 in Frankreich. Er hatte sich gegen die Türkei eine Platzwunde am Kopf zugezogen, die getackert werden musste. Zum Schutz bekam er vor der zweiten Hälfte eine Wasserball-Kappe auf.
Bis zu 100.000 Kroaten werden während der EM in Berlin erwartet
Offiziell leben in Berlin rund 13.000 Kroaten. Nicht erfasst werden all jene, die die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben und alle Nachfahren der Gastarbeiter, die Kroatien ebenso tief im Herzen tragen wie Kreuzberg. Zudem wird zur EM ausnahmsweise einmal ein umgekehrter Touristenstrom im Sommer erwartet: Bis zu 100.000 Kroaten reisen von der Adria nach Berlin, um hier ihre „Feurige“ („Vatreni“) genannte Nationalmannschaft anzufeuern.
Das kroatische Nationalteam hat sein Lager in Neuruppin, anderthalb Zugstunden von Berlin entfernt, aufgeschlagen. Dort wurde es bereits beim ersten Training von 4000 Fans empfangen. Als Begleitprogramm bietet die Stadt eine Ausstellung, einen kroatischen Spezialitäten-Markt und Public Viewing.
Bei den Kroaten spielt Superstar Luca Modric seine vermutlich letzte EM. Die Mannschaft ist richtig gut in Form. Die letzten sechs Spiele wurden allesamt gewonnen, darunter zuletzt ein 2:1-Sieg gegen Portugal. Gegner Spanien hat hingegen eine junge Mannschaft, war aber 1964, 2008 und 2012 Europameister. Allerdings residiert die spanische Mannschaft während des Turniers im Schwarzwald.

Chris, Carlson und Minou Kramer sind Wahl-Spanier aus Amerika. „Wir leben in Valencia und darum schlägt unser Herz natürlich für Spanien“, sagt Vater Chris. Mit dem Billigflug sind sie nach Berlin gekommen, haben Karten fürs Olympiastadion. Spontan angefreundet haben sie sich mit Sebastian, einem Studenten aus München, der eigentlich halb aus Costa Rica und halb aus Spanien kommt. Der Latino lässt seinen Koffer nicht eine Sekunde aus dem Auge. „Das haben wir Südamerikaner so drin.“ Ob sie noch weitere Spiele gucken können, ist fraglich. Sebastian hat noch keine weiteren Karten. Und für die Cramers geht es zurück nach Amerika. „Carlson kommt auf die Highschool.“ Aber sobald der Sohn aufs College wechselt, steht für die Eltern fest: „Zurück nach Spanien.“
Es leben ungefähr so viele Spanier in Berlin wie Deutsche auf den Balearen
Offiziell sind in Berlin 17.600 spanische Staatsbürger gemeldet. Ungefähr so viele Deutsche leben auch auf Mallorca und den anderen Balearen-Inseln zusammen. Seit der Euro-Krise 2009 sind viele Spanier nach Berlin gezogen. Spanische Restaurants und Tapas-Bars gibt es in den damals von der Szene besiedelten Straßenzügen in Friedrichshain und zwischen Maybachufer und Weserstraße diverse. Die am zweithäufigsten gehörte Sprache: Spanisch, gleich nach Englisch.

Alvaro Riogarcia hetzt mit seinem Sohn, seinem Kumpel sowie dessen Tochter über den Alexanderplatz zur S-Bahn, während ein sangriaseliger Fan mit gelb-rotem Gesicht in der benachbarten Tapas-Bar „Espagnaaaaaaa“ ruft. Sie wollen zum Spiel. „Wir haben Karten bekommen und sind extra nur für diese Partie aus Madrid hergekommen. Danach fliegen wir wieder zurück.“ 1:0 für Spanien ist sein Tipp.
Er bleibt optimistisch trotz der erdrückenden Übermacht der kroatischen Fans, die Heimspielatmosphäre verbreiten. Aber Halbspanier Sebastian hat für die Übermacht eine augenzwinkernde Erklärung. „Nur die Ruhe, wir sind Spanier, wir kommen immer etwas später.“


