Klischees über die Berliner gibt es viele, und manche glauben, etwa über Charlottenburg alles ganz genau zu wissen. Zum Beispiel so: Während an Silvester im Prenzlauer Berg auf Kultur gesetzt wird und der Nachwuchs namens Alma und Prosper Trompete und Geige vorspielt, geht es Arthur in Charlottenburg um den gehobenen Lebensstil. „Haben wir noch Champagner? Es ist gleich zwölf!“ - fragt er etwa kurz vor Mitternacht auf einer Party.
Doch – stimmt das eigentlich alles so? Ein Faktencheck.
Klischee Nummer Eins: „Charlottenburg ist das Pflaster für Reiche“
Es ist wohl so – manche Teile Charlottenburgs gehören zu den wohlhabenderen Teilen Berlins. Weshalb mancher ihn als spießig bezeichnet: Sie trägt eine weiße Bluse mit Absatz-Schläppchen, die Haare sind zu einem gestuften Bob frisiert, die Lippen knallrot, die Augen versteckt hinter einer riesigen Sonnenbrille. Er trägt das Hemd offen, dazu Sakko und Sneaker. So sieht am typischen Sommernachmittag die mittelalte Kundschaft des „Caras Gourmet Coffee Shop“ am Kurfürstendamm aus. Hier gibt es dann nachmittags nach dem Luxus-Shopping am Kurfürstendamm erst einmal einen Aperol Spritz.
Nur eine Momentaufnahme? Betrachtet man diese Szenerie, ist es kein Wunder, dass Charlottenburg oft als das spießige Prenzlauer Berg bezeichnet wird. Schließlich sind Charlottenburger nicht nur älter als Prenzlauer Berger, sondern sie zeigen auch, was sie haben: ihren Schmuck, ihre Designer-Klamotten. Und ihre teuren, hochmotorisierten Autos, mit denen sie zum Shoppen an den Kudamm fahren oder auf der Kantstraße ihren Motor aufdrehen. „Wir zählen schon, wie viele Ferraris und Porsche hier parken“ erzählt die 47-jährige Nijla, die mit ihrer 14-jährigen Tochter Selma über den Kudamm schlendert.
Die Einkommensreichen leben im Westen
Was die Fakten sagen: Schon im ersten stadtweiten Reichtumsbericht von 2016 gehörten 16 Prozent der Einwohner Charlottenburg-Wilmersdorf zu den Einkommensreichen. In Neukölln waren es hingegen nur 3,5 Prozent. Nach Steglitz-Zehlendorf und Pankow hatte Charlottenburg-Wilmersdorf 2017 mit 2150 Euro das dritthöchste Haushaltsnettoeinkommen Berlins, erklärt der Bezirksstadtrat für Stadtentwicklung, Fabian Schmitz-Grethlein (SPD). Geändert habe sich das seither nicht wirklich, sagt er – auch heute noch habe Charlottenburg-Wilmersdorf nach Steglitz-Zehlendorf und Pankow die drittmeisten Haushalte in der obersten Einkommensklammer (über 3200 Euro netto). Auch habe Charlottenburg-Wilmersdorf mit 6,6 Prozent eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten. Berlinweit lag sie im August bei über neun Prozent.
Betrachtet man nun den Bereich Charlottenburg im engeren Sinne, also die Viertel an der Kantstraße, rund um den Savignyplatz, den Stuttgarter Platz, und den Kudamm von Adenauerplatz bis Uhlandstraße, würden hier überwiegend diese wohlhabenden Leute wohnen. Schließlich sind hier die Mieten auch sehr hoch.
Die Kontraste sind mitunter auch in Charlottenburg stark
Einige Ausreißer gibt es natürlich trotzdem: Manche Häuser, meist unsaniert und unmittelbar an lauten Straßen gelegen, haben eine geringere Miete. Doch auch hier ist mit der Gentrifizierung zu rechnen. Für diese Gegenden erlässt der Bezirk einen Milieuschutz. So genehmige die Stadt nur selten das Anbringen von schwebenden WC oder Außenaufzüge, um eine Mieterhöhung zu verhindern.
Also gehört Charlottenburg zu den wohlhabenderen Bereichen Berlins. Doch es gibt auch die andere Seite: Unmittelbar neben den schicken Altbauwohnhäusern der Leonhardtstraße zum Beispiel stapeln sich Matratzen und Müll, in der Luft hängt der Geruch von Urin und Zigarettenrauch. Dazwischen liegen Heroinspritzen.
Die Brücke unter dem S-Bahnhof Charlottenburg in der Nähe des Stuttgarter Platzes und auch der Bahnhof Zoo gelten schon seit Jahrzehnten als sozialer Brennpunkt für Obdachlose und Drogenkonsumenten. Was die Stadt dagegen tut: Das Ordnungsamt räumt einmal pro Monat auf, sagt der Stadtrat. Für Anwohner ist das zu wenig. Die Szenerie sei „eklig“, sagt Passant Christian, 59, während er leere Weinflaschen in den Glascontainer wirft, der umgeben ist von Müll.
Klischee Nummer Zwei: „In Charlottenburg leben nur alte Leute“
Zwar ist die ältere Dame, die auf dem Kudamm ihren Hund spazieren führt, keine Seltenheit. Doch ist Charlottenburg wirklich so alt?
Laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg betrug das Durchschnittsalter 2021 beispielsweise im Lietzensee-Kiez 47,8 Jahre und am Amtsgerichtsplatz 43,7 Jahre. Verglichen mit dem Senefelder-Kiez in Prenzlauer Berg ist das ganz schön alt. Hier beträgt das Durchschnittsalter gerade mal 36 Jahre.
Wie kann das sein? In Charlottenburg sei eine Alterslücke entstanden, sagt Stadtrat Schmitz-Grethlein. Junge Leute ziehen aus Charlottenburg nach Prenzlauer Berg oder Friedrichshain – dort ist es hipper. Wenn sie dann Jahre später eine Familie gründen, ziehen sie wieder zurück in den ruhigeren Westen. Dies liege auch an Charlottenburg-Wilmersdorfs Schulen mit ihrem guten Ruf.
Auch gebe es im engeren Charlottenburg noch viele der sogenannten Alt-68er, also Teilnehmer oder Sympathisanten der 1968er-Bewegung, die sich damals ansiedelten und seitdem nicht mehr weggezogen sind. Wohnungen werden nicht frei und der Nachzug somit schwierig. Insgesamt wird die Bevölkerung wenig durchmischt. So sei in Charlottenburg eine ganz eigene Altersstruktur entstanden, sagt der Stadtrat: relativ wenige Kinder, relativ viele Ältere. Dies ändere sich nur langsam.
Und die Menschen zwischen diesen Altersgruppen trinken offenbar ihr Bier lieber in einer der coolen Bars in der Kastanienallee als einen Espresso-Martini am Savignyplatz.
Klischee Nummer Drei: „Charlottenburger bleiben lieber unter sich“
Wer in Charlottenburg lebt, bleibt am liebsten in seinem Kiez – so hieß es 2016 in einem Artikel des Nachrichten Magazins „Focus” über typisch Charlottenburger Merkmale.
Kein Wunder – Charlottenburg hat ja auch alles. Am Kudamm kann man feiern, einkaufen, morgens Kaffee und nachmittags Aperol Spritz trinken. Auch die breiten Bürgersteige eignen sich perfekt zum Spazierengehen. Selbst wenn man ins Theater oder Kino will, hat es der Charlottenburger dank der Schaubühne und dem Zoo Palast nicht weit. Warum also den eigenen Kiez verlassen, wenn man alles vor der Haustür finden kann? Wir fragen Passanten: Die 41-jährige Pari fühlt sich hier sehr wohl: „Meine Freunde sagen schon, ich wäre immer nur hier. Und es stimmt: Man kann hier alles in fünf Minuten erreichen. Wenn man das einmal gewohnt ist, versackt man. Woanders macht es dann gar keinen Spaß mehr.“
Stadtrat nennt Charlottenburg „unperfekt im besten Sinne“
Auch das Pärchen Sandro (29) und Karina (34) verlässt selten die Gegend. „Wir bleiben eigentlich immer in dieser Ecke.“ Auch sie nutzen den Kudamm gerne zum Spazierengehen und Einkaufen – zum Essen geht es an die Kantstraße. Nur die Jugend zieht es dann abends nach Mitte und Friedrichshain, genauer gesagt zum Hackeschen Markt oder zur Warschauer Straße. „Da kann man besser feiern“, sagt Max (21), der mit seiner Freundin unterwegs ist.
Fazit: Es ist wie beinahe immer – etwas Wahres ist an den Klischees dran. Bei näherem Hinschauen wird jedoch deutlich, dass die Bilder nur oberflächlich zutreffen. Und wie würde Stadtrat Fabian Schmitz-Grethlein Charlottenburg selbst beschreiben? „Unperfekt im besten Sinne“.


