Corona-Krise

Lehrer-Brandbrief: „Wir werden vom Staat im Stich gelassen“

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Lea Verstl
Am Gottfried-Keller-Gymnasium hängt ein Plakat, das den geringen Impffortschritt unter den Lehrern dort zeigt. Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Am Gottfried-Keller-Gymnasium hängt ein Plakat, das den geringen Impffortschritt unter den Lehrern dort zeigt. Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Impfchaos, wenig Masken, Schülertests: Lehrer des Gottfried-Keller-Gymnasiums schreiben einen Brandbrief an die Bildungssenatorin.

Berlin. Die Lehrer, die am Gottfried-Keller-Gymnasium in Charlottenburg unterrichten, sind verzweifelt. Die Corona-Krise verlangt ihnen vieles ab: Sie müssen gleichzeitig den Präsenz- und Distanzunterricht organisieren und seit dieser Woche auch noch die Corona-Schnelltests von Schülern. Arbeitsüberlastung und Angst vor Ansteckung mit dem Virus führten dazu, dass sie sich entschlossen, einen Brandbrief an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zu schreiben. Mathematiklehrerin Cordula Kollotschek bezeichnet den Brief als „Gefährdungsanzeige“ der Lehrer und sagt: „Wir fühlen uns von dem Staat, der uns genauso schützen soll wie alle anderen, komplett im Stich gelassen.“

Um den Unterricht in der Krise zu gewährleisten, stelle die Senatsbildungsverwaltung nicht genügend Schutzausrüstung oder digitale Ausstattung bereit, erzählt Kollotschek: „Seit dem Sommer hat die Senatsverwaltung nur zwei FFP2-Masken an uns geschickt.“ Zudem seien im Kollegium bislang nur wenige Lehrer geimpft worden. Die Vorgaben des Senats, wonach die Lehrer nun verpflichtet sind, in den Schulen die Corona-Tests für Schüler anzuleiten, sorgte für zusätzliche Empörung. Wenn infizierte Schüler die Klassenräume betreten, könnten sie die Lehrer, die nicht geimpft sind, anstecken. „Nirgendwo darf man sich im Lockdown mit vielen Menschen treffen, aber bei uns gelten andere Regeln“, sagt Kollotschek, „viele von uns tun sich schwer, damit umzugehen.“

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Corona: Lehrer fordern Verwaltung auf, ihrer „Fürsorgepflicht“ nachzukommen

Hinter dem Zaun des Schulhofs am Gymnasium haben die Lehrer nun ein Plakat aufgehängt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Auf dem weißen Schild haben sie mit schwarzer Farbe eine Spritze mit einer Skala von 0 bis 70 aufgemalt. Am unteren Ende der Spritze wurde ein roter Strich aufgemalt – er soll den Impffortschritt unter den Lehrern veranschaulichen. Auf der Skala reicht der Strich nur bis knapp unter 10. Das verdeutlicht, das von insgesamt 70 Kollegen nur sechs aufgrund ihres hohen Alters geimpft wurden.

In dem Brief an Senatorin Scheeres fordern die Lehrkräfte, die Senatsbildungsverwaltung müsse „endlich Ihrer Fürsorgepflicht als Arbeitgeber“ nachkommen. Mit dem Schreiben wollen die Lehrer als Arbeitnehmer wiederum ihrer Pflicht nachkommen, „Vorgesetzten jede festgestellte unmittelbare erhebliche Gefahr für die Sicherheit und Gesundheit“ anzuzeigen. Die wichtigste Forderung steht am Anfang des Briefes: Der Senat müsse Lehrern erneut ein Impfangebot machen.

Arbeitsbelastung während Corona macht Lehrer krank

Impfeinladungen, die jüngere Kollegen erhalten hatten, seien zurückgezogen worden, nachdem festgestellt wurde, dass der Impfstoff Astrazeneca insbesondere bei Menschen im Alter von unter 60 Jahren zu schweren Nebenwirkungen führen könnte. Die Lehrer bräuchten jedoch die Impfung, da sie sonst sowohl ihre Gesundheit als auch die ihrer Familienangehörigen aufs Spiel setzen, heißt es in dem Schreiben. Der Präsenzunterricht sollte ausgesetzt und erst wieder eingeführt werden, wenn alle Kollegen geimpft sind.

Dass Schüler nun an den Gymnasien getestet werden sollen, stelle nicht nur ein Gesundheitsrisiko für alle Anwesenden dar, sondern führe auch zur Stigmatisierung der Infizierten. „Wir sind kein medizinisches Hilfspersonal“, stellen die Lehrer klar. Und auch die Arbeitsbelastung in Zeiten von Corona machten die Lehrkräfte krank, wie sie schreiben. Da Schüler nicht verpflichtet sind, am Präsenzunterricht teilzunehmen, müssten einige parallel zu Hause unterrichtet werden.

Auch FDP fordert neues Impfangebot für Lehrer

Dies jedoch „verlangt den Beschäftigten nahezu eine Verdoppelung ihrer Arbeitsleistung ab - und wohlgemerkt nicht als kurzfristige Überlast, wie sie in jedem Beruf vorkommen kann, sondern als Einrichtung von unbegrenzter Dauer und ohne Angebot von Kompensationsmöglichkeiten“, heißt es weiter. Es herrsche auch ein Mangel an digitaler Ausstattung, der Bildungssenatorin sei es „bis heute nicht gelungen, die notwendigen Arbeitsmittel“ bereitzustellen.

Die Schulleitung indes habe nichts versäumt und sich Mühe gegeben, die Lehrer vor dem Virus zu schützen. So testen der Schulleiter und seine Stellvertreterin die Lehrer regelmäßig auf Corona. In ihren Forderungen werden die Lehrkräfte von der FDP im Bezirk unterstützt. Die Lehrer, stehen an vorderster Front und müssen die zusätzlichen Probleme bewältigen“, sagt Stephanie Fest, Bildungssprecherin der Fraktion. Daher sollten sie geimpft werden. Die Senatsbildungsverwaltung solle ihrer Fürsorgepflicht nachkommen und sich „keinen schlanken Fuß machen“, so Fest.

Senatsverwaltung machte zuerst Grund- und Förderschulen Impfangebot

Zu den Vorwürfen der Gymnasiallehrer im Brief äußert sich die Senatsbildungsverwaltung auf Anfrage der Berliner Morgenpost zurückhaltend. Der Senat habe beschlossen, dass Präsenzunterricht stattfinden soll und die Teilnahme freiwillig sei, sagt Martin Klesmann, Sprecher der Behörde. Zu der Forderung, dass Schüler nicht von den Lehrern getestet werden sollen, äußert er sich nicht. Gegen den Mangel an Masken wolle die Verwaltung nun vorgehen: „Es sind aktuell knapp 1,2 Millionen FFP2-Masken bestellt beziehungsweise in der Auslieferung für Schulen und Kitas.“

Zudem verweist er darauf, dass das Land Berlin „die Lehrkräfte der weiterführenden Schule bevorzugt mit Astrazeneca impfen wollte, obwohl diese erst in der Priorität 3 des Bundes sind.“ Das Angebot habe die Verwaltung zurücknehmen müssen, nachdem der Bund vorgab, nur noch Personen im Alter von über 60 Jahren mit dem Stoff zu impfen. Im Gegensatz zu Gymnasiallehrern haben alle Lehrkräfte an Grund- und Förderschulen „bereits eine Impfeinladung erhalten, viele sind bereits geimpft“, so Klesmann.