Stadtgeschichte

In diesem Charlottenburger Bordell vergnügten sich die Nazis

Im „Salon Kitty“ in der Giesebrechtstraße gingen Größen des Nationalsozialismus ein und aus. Spionagegerüchte halten sich hartnäckig.

Dieses mal das richtige Bild vom Verlag. Sorry für die alte version (Sören Kittel) Buchcover von "Kittys Salon" von urs Brenner und Julia Schrammer. 

Dieses mal das richtige Bild vom Verlag. Sorry für die alte version (Sören Kittel) Buchcover von "Kittys Salon" von urs Brenner und Julia Schrammer. 

Foto: Berlin Story Verlag

Berlin. Julia Schrammel sagt, im „Salon Kitty“ sei es „buchstäblich drunter und drüber“ gegangen. Die schlicht gekleidete Österreicherin spricht ganz ruhig und wie eine Wissenschaftlerin betont gelassen von Sexorgien, vom „Sündenbabel mit Doppel- und Dreifachmoral der Nazis“ und von Damen, die „zwischendurch ein Tablett Trüffel und Champagner reichen“. Dann schaut Schrammel kurz nach ihrem Baby, das sie mit zur Buchvorstellung gebracht hat. Das schläft zu diesem Zeitpunkt noch.

Es ist ein ungewöhnliches Buch, das der Berlin Story Verlag mit Schrammel und dem Schweizer Urs Brunner herausgebracht hat: „Kittys Salon – Legenden, Fakten, Fiktion.“ Das rund 300 Seiten starke Buch behandelt ein ungewöhnliches Kapitel der Berliner Geschichte, das nicht ohne Grund im Spionagemuseum am Leipziger Platz vorgestellt wird: Schließlich galt es lange als erwiesen, dass in dem Edelbordell in Charlottenburg während des Dritten Reiches nicht nur gefeiert wurde, sondern dass dort auch Informationen beschafft wurden – von den Prostituierten selbst. Im Jahr 1975 erschien sogar ein Spielfilm namens „Salon Kitty“, der sich vor allem eingehend mit den schönen Spioninnen auseinandersetzte.

"Salon Kitty" in Charlottenburg: Die Damen wurden über einen Katalog ausgewählt

Es kommt also einiges an „Legenden“ zusammen, derer sich Schrammel und Brunner angenommen haben. Gesichert sind zunächst folgende Fakten: Zwischen 1939 und 1942 gab es im dritten Stock der Giesebrechtstraße 11 eine „Pension Schmidt“, deren rund 60 Jahre alte Inhaberin von vielen nur „Kitty“ genannt wurde. Über diese Vergnügungsstätte war bekannt, dass bei Bedarf Damen zur Unterhaltung zugeführt wurden. Es gab einen „Katalog“, über den die „passende Begleitung“ ausgewählt wurden. Toleriert wurde das Geschäft von den Nazis, die dort auch verkehrten – obwohl Prostitution offiziell verboten war.

Urs Brunner zählt die Namen auf, die hier ein und ausgingen: Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop, sein italienischer Amtskollege Galeazzo Ciano, Hitlers Oberster Leibwächter Sepp Dietrich, SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich und SS-Brigadeführer Walther Schellenberg. Letzterer erwähnte den Salon lobend auf einer Seite in seinen Memoiren. „Hitler selbst war demnach nie in dem Salon“, sagt Brunner. „Er hat sich eher abfällig über Prostitution geäußert.“ Aber es gibt Hinweise, dass Propagandaminister Joseph Goebbels zur Kundschaft gehörte.

Zumindest ein Kunde im "Salon Kitty" wurde abgehört

Die Prostituierten selbst mussten „Manieren haben“, stellen die Buchautoren klar, sie mussten Fremdsprachen beherrschen und gebildet sein. Wer am Eingang das Codewort „Rothenburg“ sagte, bekam noch eine Sonderbehandlung. Doch worin diese bestand – und ob die Damen auch für eine Spionagetätigkeit ausgebildet wurden, wie der Film von 1975 suggeriert, lässt sich nicht verifizieren. „Aber zumindest ein Fall ist belegt“, sagt Urs Brunner, „einmal hat sich wohl ein Kunde abfällig zu Heydrichs jüdische Abstammung geäußert.“ Dieser Mann wurde anschließend abgeführt und verurteilt. „Zwar wurden bei Renovierungsarbeiten Kabel im Gebäude gefunden, , aber das beweist noch nichts.“

Die Autoren ziehen das Fazit, dass es wohl mehr um Voyeurismus und das Spiel mit Macht und Kontrolle ging. Ein interessantes Licht werfen sie im vierten Kapitel auf die Person der Betreiberin des Salons, Kitty Schmidt. Von Zeitzeugen wird sie als nette, ältere Dame beschrieben. Sie war gut vernetzt und wohl keine überzeugte Nationalsozialistin. Urs Brunner nennt sie „eine kluge anpassungsfähige Frau, die ihre Familie durch die Zeit der Nazis führte“. Ihr Grabstein steht im Friedhof Heerstraße. Ihre Nachfahren sind gestorben. „Sie war keine Bestie“, sagt Julia Schrammel, „aber sie heulte mit den Wölfen.“ Dass bei diesen Worten ihr Baby im Kinderwagen beginnt zu schreien, könnte auch Zufall gewesen sein.