Verkehrsberuhigung

Die Kantstraße wird zum Versuchslabor

Die Kantstraße wird zum Versuchslabor für den Lieferverkehr. Vom Messegelände aus sollen Waren per Lastenrad angeliefert werden.

Um den Lieferverkehr zu entlasten, sollen auf der Kantstraße Lkw nur noch morgens fahren.

Um den Lieferverkehr zu entlasten, sollen auf der Kantstraße Lkw nur noch morgens fahren.

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

Berlin. Waren anzuliefern ist auf der Kantstraße – wie auf vielen anderen Berliner Hauptstraßen auch – schon immer kompliziert gewesen. Lkw und Transporter-Fahrer, die einen nah zum Geschäft gelegenen Parkplatz am Fahrbahnrand suchten, wurden nur selten fündig – und parkten deshalb zum Ausladen gern in zweiter Reihe. Diese ohnehin unerlaubte Methode ist nicht mehr möglich, seit im Mai ein Fahrstreifen zugunsten der Pop-up-Radwege gestrichen wurde. Wie also kommen die Lieferungen nun in Supermärkte und Geschäfte?

Das hat sich auch der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf gefragt – und versucht nun, bei der Antwort neue Wege zu gehen. In Kürze will der Bezirk dafür einen Verkehrsversuch für den Lieferverkehr der Zukunft auf der Kantstraße starten. Das Ziel: Lastwagen zu großen Teilen des Tages aus der Straße zu verbannen und den Warenverkehr stattdessen über kleinere Vehikel abzuwickeln.

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Kantstraße: Hub für den Lieferverkehr auf dem Messegelände

„Wir haben den Auftrag vergeben für einen Verkehrsversuch auf der Kantstraße“, sagte Charlottenburg-Wilmersdorfs Verkehrsstadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) der Berliner Morgenpost. Der Versuch werde gemeinsam mit einem bundesweiten Logistikverband durchgeführt. „Der schwere Lastverkehr soll nur noch morgens anliefern dürfen“, erklärte Schruoffeneger. Im Verlauf des restlichen Tages würden die Waren dann mit Cargobikes zu den Geschäften und Restaurants kommen.

Damit das möglich ist, ist auf dem Parkplatz am Messegelände ein Hub für den Lieferverkehr geplant. Lkws und Transporter würden ihre Ware dann künftig zu dort aufgestellten Containern anliefern. Vom Messegelände aus übernähmen dann Lieferräder den Transport entlang der Kantstraße.

„Wir haben jetzt den Auftrag erteilt, das Konzept fertigzustellen“, sagte Schruoffeneger. Derzeit werde dafür untersucht, welche Unternehmen bei dem Versuch mitmachen wollten. Davon hänge ab, wie viele Lieferzonen an Stelle von Parkplätzen demnächst wo auf der Kantstraße eingerichtet werden sollen. Diese Planung werde bis Ende des Jahres fertig sein. Vor dem Weihnachtsgeschäft werde es mit einem Beginn daher aber nichts mehr. „Der Start ist für das erste Quartal 2021 geplant“, sagte Schruoffeneger weiter.

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Kantstraße: Pop-up-Radweg gab den Anstoß für das Projekt

Der Stadtrat geht nicht davon aus, dass schon während des Versuchs alle Gewerbetreibenden entlang der Kantstraße mitmachen würden. Das Projekt ist entsprechend kleiner dimensioniert. Mit sechs bis sieben Containern an der Messe plant Schruoffeneger aktuell plus die dazwischen liegenden Fahrwege. „Wenn jetzt alle mitmachen, würden wir eine gehörige Fläche brauchen“, erklärte er. Das sei in dieser Form derzeit nicht umsetzbar.

Schruoffeneger betonte, dass die Einführung des Pop-up-Radweges den Anstoß für das neue Projekt gegeben habe. „Die Fahrradspur war der Auslöser. Damit wurde das illegale Parken in zweiter Reihe unmöglich.“ Abgesehen von den Lieferzonen, die anstatt einiger Stellplätze geplant sind, werde sich am Aufbau der Straße vorerst jedoch nichts ändern, sagte Schruoffeneger.

Die Anordnung des Pop-up-Radwegs gelte vorerst bis Jahresende. Voraussichtlich wird sie jedoch von der zuständigen Senatsverkehrsverwaltung verlängert werden. Auch von rechtlicher Seite dürfte dem Projekt nun deutlich weniger Gefahr drohen, nachdem das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg am Dienstagabend erklärte, den vom Verwaltungsgericht beschlossenen Abbau der provisorischen Radstrecken vorerst auszusetzen und auch grundsätzlich durchblicken ließ, die im September gefällte Entscheidung im Eilverfahren wohl für fehlerhaft zu halten. Pläne, die Kantstraße baulich neu zu gestalten, seien ihm aktuell jedoch auch nicht bekannt, erklärte Schruoffeneger.

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Neues Logistikkonzept für die City West

Die FDP hatte kürzlich ein Konzept zur Umgestaltung der Kantstraße vorgelegt. Ausgangspunkt dieser Planung ist, den Mittelstreifen weitestgehend zu entfernen. Der gewonnene Platz würde es ermöglichen, trotz der Schaffung eines Radwegs künftig zwei separate Fahrstreifen für den Kfz-Verkehr und die Busse der BVG zu führen. Daneben sieht das Konzept an einigen Stellen auch explizite Lieferzonen vor.

Ideen für den Lieferverkehr in der kompletten City West bündelt ein neues Mobilitätskonzept der im Rahmen des WerkStadtForums erarbeiteten Charta City West 2040. Dieses sieht den Bau eines zentralen Logistikhubs an Messe, Halensee, Westkreuz oder Hardenbergplatz vor. Dorthin sollten demnach die Anlieferungen von Waren für die Einzelhändler an Kurfürstendamm und Tauentzien erfolgen. Von den zentralen Standorten würden die Waren dann weiterverteilt. Daneben schlägt das Konzept die Einrichtung von insgesamt 14 kleineren Logistik-Hubs in den zu Kiezgaragen umgebauten Parkhäusern vor. Von diesen Stationen aus würden Pakete und Waren von Kurierdiensten per Lastenrad in die nähere Umgebung ausgeliefert.

Die Neuorganisation des Wirtschafts- und Güterverkehrs in Berlin zählt zu einer der zentralen Aufgaben in den kommenden Jahren. Die gestiegene Zahl an Online-Bestellungen und die geplante Neuaufteilung des Straßenraums zugunsten von Fußgängern und Radfahrern begrenzen zusehends auch den Platz für den Kraftverkehr. Im September hatte Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) den Entwurf für den Mobilitätsgesetzteil zum Wirtschaftsverkehr vorgelegt. Vorgesehen ist demnach, unter anderem stadtweit Parkplätze zu Ladezonen für den Lieferverkehr zu machen.