Dreieck Funktum

Eichkamper Anwohner nehmen Senatsvertreter in die Mangel

Die Deges will das Autobahndreieck Funkturm umbauen. Die Anwohner sind verärgert. Auf der Bürgerversamlung ging es hoch her.

Die Präsentation der Umbaupläne für das Autobahndreieck Funkturm nutzten die Eichkamp-Anwohner, um auf ihre Forderungen hinzuweisen.

Die Präsentation der Umbaupläne für das Autobahndreieck Funkturm nutzten die Eichkamp-Anwohner, um auf ihre Forderungen hinzuweisen.

Foto: Matthias Vogel

Berlin. Der Sitzungssaal des Veranstaltungsortes Haus Eichkamp im Berliner Westend ist eindeutig zu klein für den Andrang zur spätabends stattfindenden Bürgerversammlung. Eine gute Zahl der über 100 anwesenden Siedlungsbewohner muss stehen, um die Vertreter des Berliner Senats zu dem Thema zu befragen, das ihnen allen auf dem Herzen liegt – der umstrittene Umbau des nahen Autobahndreiecks Funkturm durch die Deutsche Einheit Fernstraßenplanung – und bau GmbH (Deges).

Die Stimmung ist aufgeheizt, man kennt sich untereinander und diskutiert schon vor der Veranstaltung über die Pläne, die als Bedrohung nicht nur für die Ruhe Eichkamps angesehen werden. Die Siedlung liegt zwischen der Avus im Südosten und der Siedlung Heerstraße im Nordwesten und ist im Norden durch das Messegelände und südwestlich durch den Grunewald begrenzt. Die Bewohner sind sauer, denn geht es nach der Deges, kommt der starke Verkehr der A100 und der A115 bald direkt bis vor ihre Haustür.

Das plant die Deges

Das etwas am Dreieck Funkturm getan werden muss, ist erst einmal klar. Das Nadelöhr, das die Autobahnen A100 und A115 verbindet, ist schon lange durch das Alter und die Belastung stark verschlissen. Nahezu alle Brücken sind beschädigt. Zudem ist der gesamte Aufbau des Dreiecks mit den drei kurz hintereinander folgenden Anschlussstellen an den Ausfahrten Kaiserdamm Süd, Messedamm und Kurfürstendamm für Autofahrer verwirrend und aufgrund häufiger Spurwechsel sogar gefährlich.

Daher plant die Deges, die bisher sieben Ausfahrten zur Sicherheit der Autofahrer auf zwei zu reduzieren. Größter Kritikpunkt während der Veranstaltung ist die neu konzipierte Auffahrt Waldschulallee, die den Autobahnverkehr direkt über das Wohngebiet Eichkamp leiten würde.

Diese Punkte stören die Anwohner

Für die Anwohner und für leitende Mitglieder der Initiative des Siedlervereins Eichenkamp sind die Pläne der Deges unsinnig. Sie fühlen sich vor vollendete Tatsachen gestellt, auch wenn die Bau-Gesellschaft mit Infoveranstaltungen und Workshops offiziell um Bürgerbeteiligung bemüht ist. Die Eichkamper sehen sich dabei nicht als wütende Kleinbürger, sondern als Kritiker eines Plans, der nahezu jedem missfällt. Besonders stört sie:

- Ein Konzept, das vor allem eine autobahngerechte Lösung ist und die Anwohner nicht genügend berücksichtigt

- Die Verlegung der hohen Verkehrsbelastung und des Unfallsrisikos von den Autobahnen auf die Stadtstraßen

- Die Umleitung des Verkehrs von unbewohntem in bewohntes Gebiet

- Potentielle Verstärkung der Staugefahr durch nur zwei Auffahrten sowie die Gefahr von Rückstaus

- Einen mangelnden Anschluss an den Nahverkehr, der weder zur Verkehrswende noch zur Überwindung der autofreundlichen Stadt beiträgt

- Hohe Belastung der Anwohner durch Lärm

- Angst um Schulkinder auf dem Heimweg

- Die aus ihrer Sicht mangelnde Diskussionsbereitschaft der Deges, die immer wieder auf ihre Auftraggeber Bund und Land Berlin verweisen würde

Gerade der letzte Punkt bewegte den Siedlungsverein, eine Bürgerversammlung ohne die Beteiligung der Deges und nur mit den zuständigen Senatsvertretern zu organisieren.

Die Podiumsgäste vom Berliner Senat haben es bei diesem Publikum naturgemäß nicht leicht. Anwesend sind der Verkehrsstaatsekretär Ingmar Streese, Lutz Adam von der Senatsverwaltung Verkehr und Beate Profe von der Senatsverwaltung Stadtentwicklung. Oft werden die Gäste unterbrochen, ausgelacht oder ausgebuht.

Doch sie befänden sich auch in einer schwierigen Situation, wie Adam immer wieder betont. Als Vertreter des Bundes bei der Auftragsverwaltung Bundesautobahnen müssten sie Bundesvorgaben umsetzen und hätten nur geringen Einfluss auf Entscheidungen. Als Vertreter des Landes Berlin nähmen sie die Bedenken der Eichkamp-Bewohner ernst. Eine Aussage, die im Publikum für Unmut sorgt.

Ebenso kritisch wird gesehen, dass sich die beiden Senatsverwaltungen offiziell noch nicht auf eines der vielen Konzepte festgelegt haben – zu groß ist auch das Interesse seitens des Senats, die Fläche um den ehemaligen Güterbahnhof Grunewald für städtebauliche Projekte zu erschließen.

Die drei Senatsvertreter verbringen den Abend daher größtenteils damit, den Anwesenden zu versichern, dass ihre Bedenken ernst genommen würden, in den Planungsprozess mit einflössen und unabhängig geprüft würden. Noch sei nichts entschieden, weshalb erarbeitete Ideen und Anregungen dringend in die angebotenen Workshops der Deges eingebracht werden sollten. Das dies wirklich etwas bringt, glaubt das Publikum indes nicht.

Gegenvorschläge von Eichkampern und der Politik

Den Abend nutzen daher nicht nur die anwesenden Bürger, um solche Gegenvorschläge - wie etwa Kreisel statt Ampeln, einen komplett neuer Masterplan oder eine seitliche Erweiterung des S-Bahn-Grabens - einzubringen. Der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, Reinhard Naumann, spricht von einer „menschenfeindlichen Lösung“ der Deges und wirbt erneut für den Vorschlag seines Bezirks, dem auch der Siedlungsverein größtenteils zustimmt. Die wichtigsten Forderungen:

- Eine Verlegung der nötigen Ausfahrt von der Waldschulallee nördlich der Avus-Tribüne und in Richtung der Messehalle 7

- Eine Reduzierung der Geschwindigkeit auf der Stadtautobahn von 80 auf 60 bzw. 50 Stundenkilometer, um so die gefährlichen Kurvenradien und Einfädelbereiche zu verringern

Auch die Berliner Abgeordnete Dr. Petra Vandrey (Grüne) nutzt die Veranstaltung in Eichkamp, um zu verkünden, dass sie diesen Vorschlag des Bezirks mittels eines Antrags auf die Landesebene zu bringen gedenkt - was ihr tosenden Applaus beschert.

Die Senatsvertreter um Streese reagieren auf die Kampfansage derweil in gewohnter Manier: Wenn der Antrag der Grünen im Abgeordnetenhaus durchkomme, werde man selbstverständlich die Punkte des Vorschlags prüfen. Die Geschwindigkeit auf Stadtautobahnen sei jedoch eine Bundesangelegenheit und müsse dementsprechend mit dem Bund besprochen werden. Ausgang offen.

Bauarbeiten am Funkturm ab 2023

Die Bauarbeiten durch die Deges am Dreieck Funkturm sollen ab 2023 beginnen – für eine geplante Dauer von sieben Jahren bei laufendem Verkehr. Die Kosten für das Mammutprojekt werden auf 300 Millionen Euro geschätzt. Wie genau es realisiert wird, steht auch nach dieser Bürgerversammlung noch lange nicht fest.

Die Bewohner Eichkamps fürchten jedoch, dass ihnen bis zum förmlichen Planfeststellungsverfahren Anfang 2021 die Zeit davonläuft. Sie glauben nicht, dass ihnen die Deges in ihren Workshops genügend Gehör schenken wird. Ihre Hoffnung ist nun die Berliner Politik.