Großprojekt

Alte Zigarettenfabrik bekommt Bauernhof aufs Dach

Bis 2025 soll auf dem Gelände der einstigen Zigarettenfabrik ein Gewerbegebiet mit rund 10.000 Arbeitsplätzen geschaffen werden.

Die alte Reemtsma-Zigarettenfabrik soll bis 2025 zu einem ökologisch mustergültigen Gewerbegebiet entwickelt werden.

Die alte Reemtsma-Zigarettenfabrik soll bis 2025 zu einem ökologisch mustergültigen Gewerbegebiet entwickelt werden.

Foto: Simulation Christoph Kohl Architekten

Eigentlich passt es ganz gut zum alten Bauerndorf Schmargendorf, was Investor Stefan Allner mit dem Gelände der ehemaligen Zigarettenfabrik vorhat. Zwar sollen die alten und neuen Gebäude hauptsächlich gewerblich genutzt werden, doch die Dächer, sagt der Geschäftsführer der Wohnkompanie – macht eine kleine Kunstpause und schaut fast ein wenig stolz in die erwartungsvollen Gesichter der Bezirksverordneten von Charlottenburg-Wilmersdorf –, die Dächer sollen nicht etwa für „Urban Gardening“, also für ein bisschen Magerrasen oder ein paar Gemüsebeete genutzt werden. „Urban farming“ sei es, was er da plane, sagt Allner.

Professionelle Landwirtschaft auf rund 50.000 Quadratmeter Fläche. „Die Dächer benötigen wir, um das Regenwasser aufzufangen, weil wir ja nichts mehr in die Kanalisation ableiten dürfen. Alles muss versickern, in Zisternen gespeichert oder eben so genutzt werden, wie wir es vorhaben“, erklärt Allner.

Der Chef der Wohnkompanie ist einer der Eigentümer, die das rund 74.000 Quadratmeter große Areal 2014 gekauft haben, nachdem Reemtsma zwei Jahre zuvor die Zigaretten-Produktion hier eingestellt und ins Ausland verlagert hatte. Das aufgefangene Wasser soll dann, so der Bauherr, auch nicht nur dazu dienen, Tomaten und Radieschen auf den Dächern zu versorgen, sondern es soll im Sommer auch helfen, die Räume in den Häusern darunter zu kühlen.

Inspiration bei vielen Projekten in aller Welt

Die landwirtschaftlich genutzten Dächer und das Sammeln des Regenwassers sind indes nur ein Aspekt des ökologisch und nachhaltig durchdachten Konzepts für das künftige Quartier GoWest, wie der Arbeitstitel des Projekts lautet. „Wir wollen die Gebäude weitgehend energieneutral gestalten. Für die benötigte Energie werden wir beispielsweise die Fassaden der Gebäude mit Solarzellen ausstatten“, sagt Allner.

Die ausgeklügelten Pläne des umtriebigen Geschäftsmanns für das Projekt GoWest hat die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) im Oktober immerhin mit dem Vorzertifikat in der höchsten Stufe Platin ausgezeichnet. Mit dem Gesamterfüllungsgrad von 81,6 Prozent erfüllt das Projekt den Juroren zufolge als erstes die Nachhaltigkeitskriterien der neuen Version 2020 des DGNB-Zertifizierungssystems für Gewerbequartiere.

Allner hat sich weltweit bei ähnlichen Projekten umgetan und sich für die alte Zigarettenfabrik inspirieren lassen: „Unser Anspruch ist es, mit dem GoWest ein in mehrfacher Hinsicht herausragendes Projekt zu schaffen. Dazu gehört, das einstmals abgeschirmte Fabrikgelände für die Stadtgesellschaft zu öffnen und sowohl in städtebaulicher und soziokultureller, aber auch in ökologischer Hinsicht ein zukunftsfähiges, vorbildhaftes Gewerbequartier zu konzipieren und umzusetzen“, sagte Allner anlässlich der Preisverleihung.

Rund 185.000 Quadratmeter Gewerbefläche

Die aktuellen, unter Beteiligung von Christoph Kohl Stadtplaner Architekten ausgearbeiteten Pläne sehen rund 185.000 Quadratmeter Gewerbefläche vor, die sich auf insgesamt 13 alte und neue Gebäude verteilen. Beabsichtigt ist eine diversifizierte Nutzung, die von klassischen Büroflächen über einen Handwerkerhof bis hin zu einem Hotel reicht.

Auch ein Rechenzentrum sowie kleinere Nahversorger wie Cafés und Kioske sind geplant. „Wir werden auch zwei Kitas einrichten, immerhin sollen hier einmal rund 10.000 Menschen arbeiten, die ihre Kinder gut untergebracht wissen“, sagt Allner. Mittelpunkt des Areals wird ein Stadtplatz mit Kino und Theaterbühne sein, die von der bereits auf dem Areal ansässigen Filmschauspielschule Berlin betrieben werden soll.

Das Areal zwischen der Mecklenburgischen Straße im Süden und der Forckenbeckstraße im Norden wird unterirdisch erschlossen. Es soll eine Tiefgarage mit Auto- und Radstellplätzen sowie E-Mobility-Versorgung geben, sagt Allner. Oberirdisch wird es zwar öffentliche Wege zwischen Forckenbeck- und Mecklenburgischer Straße geben, dort seien aber nur Radfahrer, Fußgänger, Taxis und Rettungsfahrzeuge zugelassen.

Fertigstellung ist für Anfang 2025 geplant

Aktuell laufen Allner zufolge die Rückbauarbeiten, die etwa ein Jahr in Anspruch nehmen werden. Parallel dazu wird nach den Entwürfen des Architekten Axthelm Rolvien das 26 Meter hohe Hochregallager in einen Coworking Space und Start-up-Inkubator umgebaut, der jungen Unternehmern die Gelegenheit bieten soll, zu fairen Preisen ihre Geschäftsmodelle zu entwickeln. Für die Gesamtentwicklung des Projekts hat Allner etwa sechs Jahre vorgesehen: „Wir rechnen mit der Fertigstellung Anfang 2025 und Gesamtinvestitionskosten von knapp einer Milliarde Euro“, sagt er.

Allners Pläne bergen große Chancen für den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, in dem nicht nur bezahlbarer Wohnraum, sondern auch Raum für Gewerbe fehlt, und werden grundsätzlich begrüßt. Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) stellte Allner eine rasche Baugenehmigung in Aussicht. Gern hätten die Bezirksverordneten, denen Allner sein Projekt am Mittwoch vorstellte, auch Wohnungen in das Projekt integriert gesehen, doch solche Pläne, die auch der Investor zu Beginn der Planung gewünscht hatte, haben Senat und Bezirk schon vor einigen Jahren abgelehnt.